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Schenkung - Teeservice der in Freudenberg bis zur Verschleppung 1940 lebenden jüdischen Familie Levi und Rothschild an Grafschaftsmuseum in Wertheim übergeben

Familiensinn als Gegenpart zur Deportation

Von 
Birger-Daniel-Grein
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Das Teeservice der jüdischen Familie Levi aus Freudenberg erinnert ab sofort im Grafschaftsmuseum an deren Schicksaal. Gestiftet wurde das Geschirr von Freudenbergern, deren Familie es zu NS-Zeit erwarb. Über die Spende freuen sich die Vertreter von Grafschaftsmuseum und Archiv. © Birger-Daniel Grein

Wertheim/Freudenberg. Eine besondere Schenkung jüdischer Alltagskultur in der Region wurde dem Grafschaftsmuseum zu teil. Am Freitagvormittag übergab eine Delegation aus Freudenberg ein Teeservice der jüdischen Familie Levi und Rothschild. Diese lebte in Freudenberg und wurde am 22. Oktober 1940 nach Gurs in Südfrankreich deportiert.

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Ausgestellt werden die Teile in der Abteilung für jüdische Kultur in der Region des Grafschaftsmuseums. In der Vitrine informiert ein Text über das Schicksal der ursprünglichen Besitzerfamilie des Teeservices. Darin heißt es: Klara Rothschild lebte seit 1903 mit Ehemann Leopold und ihren Kindern wieder in ihrem Geburtsort Freudenberg. Deren Tochter Else hatte 1924 den Kaufmann Benno Levi geheiratet, der mit seinem Schwiegervater das dortige Manufakturwarengeschäft Firma Leopold Rothschild führte. Sie hatten mit den Kindern Ilse (geboren 1925), Sidda (geboren 1927) und Emil (geboren 1930) im Haus Haaggasse 6 gelebt. Die drei Erwachsenen lebten bis zu ihrem Abtransport am 22. Oktober 1940 in Freudenberg, während die Kinder bereits im Mai 1939 zwangsweise in die israelitische Waisen- und Erziehungsanstalt Esslingen und von dort nach Halle an der Saale gebracht wurden, wo sie die jüdische Schule besuchten. Die Sommerferien 1940 hatten sie in Freudenberg verbringen dürfen. Danach musste Ilse allein nach Halle zurückkehren. Am 1. Juni 1942 ins Konzentrationslager (KZ) Izbica/Sobibór deportiert, ermordete man sie dort wohl bereits wenige Tage später.

Sidda und Emil lebten bei Verwandten in Karlsruhe. Im Zug nach Gurs, einem Lager für alle aus Baden deportierten Juden, trafen sie zufällig Eltern und Großmutter wieder. Beide Kinder überlebten die Naziherrschaft in Frankreich mit Hilfe der jüdischen Kinderhilfsorganisation O.S.E. Diese befreite Kinder aus Gurs, und brachte sie in Kinderheimen oder unerkannt bei Familien unter. Im September 1946 konnten sie durch Unterstützung ihres in die USA geflüchteten Onkels Raphael zu diesem ausreisen. Die Großmutter starb im Januar 1943 im Lager Nexor, die Eltern Else und Benno Levi vermutlich bereits im September 1942 in der Gaskammer in Auschwitz.

Der Besitz der Familie wurde von Polizei und Finanzbehörden (damals üblich) beschlagnahmt und 1941, ein halbes Jahr nach deren Abtransport nach Gurs, versteigert. Dabei erwarb Anna Kern, eine Nachbarin der Levis das Teeservice. Sie vererbte es ihren Töchtern.

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Irene Hefner, geborene Kern, eine der beiden Töchter von Anna Kern, erklärte bei der Übergabe der Schenkung, sie könne sich noch an den Tag der Versteigerung erinnern, den sie als Kind erlebt hatte. „Es wurden Sachen aus dem Fenster gehalten und Preise gerufen.“ Sie habe auch die Deportation der Familien miterlebt, habe aber damals noch nicht gewusst, was da geschehe. „Ich stand an unserem Fenster und habe geschaut. Meine Mutter hat mich dann von dort weggeholt.“ Hefner erklärte sie, habe immer das Gefühl gehabt, das Teeservice gehöre nicht ihrer Familie. So entschloss sie sich, es zurückzugeben. Die einzige noch lebende Person Sidda Levi-Sade in den USA habe entschieden, dass das Teeservice in einem Museum ausgestellt werden soll. Diesem Wunsch habe man nachkommen wollen, sagte Hefner.

Beim Termin der Übergabe waren auch Prof. Dr. Joachim Maier und Dr. Bertram Söller mit dabei, beide sehr gute Kenner der jüdischen Geschichte in Freudenberg.

Söller sagte: „Ich verbinde mit dem Geschirr Familien- und Zusammengehörigkeitssinn und damit eine Gegenwelt zu Deportation und Holocaust.“ Uschi Wehnert und Stefanie Arz vom Museum freuten sich über die Schenkung dieser wertvollen Gabe. Man habe bisher kaum Objekte aus dem jüdischen Alltagsleben der damaligen Zeit. Zwischen den Juden in Freudenberg und Wertheim habe es Verbindungen gegeben, so seien Freudenberger Juden teilweise auch auf dem jüdischen Friedhof in Wertheim bestattet worden. Freude herrschte auch darüber, dass das Teeservice so gut erhalten ist. Wie Hefner berichtete, sei es schon immer nur bei besonderen Anlässen zum Einsatz gekommen.

Gemeinsam mit den Stiftern wurden die Stücke in eine Vitrine g des Museums gestellt. Neben dem Teeservice und einem Infotext zur Familiengeschichte erinnern dort auch Fotos der Familie.

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