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Vortragsabend - Dieter Zeh förderte viele Details des ereignisreichen Lebens des Wertheimers Philipp Reiter ans Licht / Einer der Hauptakteure in der badischen Revolution 1848/49

Facettenreiches Bild eines Freiheitsliebenden gezeichnet

Von 
Matthias Ernst
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Einen hochinteressanten Vortrag hielt Dieter Zeh über den Wertheimer Revolutionär Philipp Reiter in Kloster Bronnbach. © Matthias Ernst

Bronnbach. Nachgeholt wurde nun der Vortrag von Dieter Zeh über das Leben und Wirken von Philipp Reiter, einem Zeitzeugen der Badischen Revolution 1848/49. Zeh, selbst geborener Wertheimer, studierte nach seiner Schulzeit Lehramt und unterrichtete viele Jahre. Zeitgleich war und ist er als Kirchenmusiker in Grenzach-Wylen tätig.

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Schwerpunkt seiner musikwissenschaftlichen Tätigkeit ist die Wiederentdeckung und Publizierung zu Unrecht vergessener Werke, führte Dr. Monika Schaupp vom Archivverbund Wertheim in den Abend ein. Dieser war zusammen mit dem Historischen Verein Wertheim und der Volkshochschule Wertheim Veranstalter, der erneut in hybrider Form stattfindenden Veranstaltung. Die Teilnahme live vor Ort und zuhause am Computer über das Internet etabliert sich immer mehr, so Schaupp. Man habe treue Zuhörer auch von weiter her gewonnen, die sonst nicht den Weg nach Bronnbach nehmen würden. Da habe die Pandemie auch Vorteile gebracht, sagte sie augenzwinkernd.

Über 80 Briefe

Zeh widmet sich ganz besonders Komponisten, die in Wertheim tätig waren oder von dort stammten. Bei diesen Arbeiten stieß er über Ernst Reiter auf dessen Bruder Philipp. Anhand von über 80 Briefen lässt sich das Leben des Wertheimers, der sein Glück in der Welt suchte, sehr authentisch nachverfolgen. Diese Briefe liegen in Basel in der Universitätsbibliothek, und Zeh hat alle studiert und auch in anderen Archiven nach Aufzeichnungen über Philipp Reiter geforscht. Herausgekommen ist ein facettenreiches Bild eines Menschen, der an die Werte der französischen Revolution glaubte und für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit einstand.

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Flucht in die Schweiz

Philipp Reiter wurde im Jahr 1815 als Sohn eines hohen Beamten des Löwenstein-Wetheim-Rosenberger Hofes geboren und besuchte das Gymnasium in der Stadt. Anschließend wird er Kameralassistent und zieht nach Karlsruhe. Hier kommt er 1845 in Kontakt mit den revolutionären Gedanken und den Truppen von Friedrich Hecker. Der Liebe wegen zu seiner Verlobten Mina, der Tochter eines einflussreichen Kaufmanns, zieht er nach Konstanz um und beteiligt sich am Marsch Heckers ins Rheintal.

Als preußische Truppen anrücken und die Revolutionäre aufreiben, flieht Reiter in die Schweiz und sucht Zuflucht in Aarau. Als sich die Wogen wieder glätteten, ging Philipp Reiter zurück an den Bodensee, aber seine Liebe wurde vom Schwiegervater torpediert.

Er schloss sich dem Aufstand von Gustav Struve in Rastatt an. Struve hatte im September 1848 kurzzeitig die erste deutsche Republik ausgerufen, die allerdings nur drei Tage Bestand hatte. Vorher war dieser Abgeordneter in der Frankfurter Paulskirche gewesen und marschierte von Lörrach aus in Richtung Norden. In Rastatt schlossen sich den revolutionären Truppen auch die Truppen in der Festung Rastatt an, so dass man gemeinsam in der Festung von den vorrückenden preußischen Truppen eingekreist wurde.

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Bei der Verteidigung gegen die unter preußischem Kommando vorrückenden Bundestruppen verwaltete Reiter zunächst die Hauptkasse der Kriegskommission, bevor er zum Proviantmeister für die etwa 6000 in der Festung Rastatt eingeschlossenen Menschen ernannt wurde. Damit war er für die komplette Versorgung mit Lebensmitteln, Kleidung und Verbandszeug verantwortlich.

Den Briefen Philipp Reiters ist auch zu entnehmen, dass Rastatts Bürgerschaft den Revolutionskämpfern, unter denen sich auch zahlreiche Abenteurer und Aufsteiger befanden, zwiespältig gegenüberstand, erläuterte Dieter Zeh.

In Rastatt im Gefängnis

Nach der Kapitulation der Festung am 23. Juli 1949 wurde er mit etwa 5600 anderen in die berüchtigten Rastatter Kasematten eingeschlossen. Berührende Briefe sind aus dieser Zeit erhalten, die den ehemals fröhlichen Menschen als gebrochenen Mann beschreiben. Trotz seiner guten Kontakte, beispielsweise zum Wertheimer Vollrath Vogelmann, wurde er im Jahr 1849 zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Das sei immer noch besser gewesen, als die einzige Alternative, die Todesstrafe, führte Zeh aus.

Dank des Arztes Adolf Kußmaul, der auch in Wertheim zur Schule ging, konnte Reiter so lange überleben, denn der Arzt ließ ihn lange im Krankenstand, wo es ihm besser erging, als in der Zelle beziehungsweise Kasematte, wo viele Mitgefangene jämmerlich zu Tode kamen.

Auswanderung nach Amerika

Mehrere Gnadengesuche unter anderem auch aus der Schweiz, wurden nicht gewährt, doch im Juli 1851 wurde eines bewilligt. Die notwendigen 3000 Gulden Kaution kamen zusammen, und die Auflage, dass Philipp Reiter auswandern müsse in die Vereinigten Staaten von Amerika, erfüllte er auch.

Es haben sich auch einige dutzend Briefe aus Amerika erhalten, berichtete Dieter Zeh, die das Leben Reiters in der neuen Welt beschrieben. Vor allem als Musiklehrer machte er dort von sich reden. Im Jahr 1862 gab es eine allgemeine Amnestie für an dem Aufstand Beteiligten. Reiter kam aber erst 1870 nach Deutschland zurück.

Zunächst wohnte er in Würzburg, blieb dann drei Jahre in Tübingen und danach zog er nach Konstanz. Dort verliert sich die Spur von Philipp Reiter, so dass man nicht sagen kann, wo und wann er gestorben ist. Zeh vermutet, dass Reiter wieder in die Schweiz gegangen ist, kann dies aber noch nicht belegen. Er will weiter forschen und vielleicht bringt er ja doch noch Licht in die letzten Lebensjahre des fast vergessenen Wertheimers, der als Zeitzeuge der Badischen Revolution viel zu berichten hatte.

Wer am Sonntag, 8. Mai, noch nichts vorhat, kann um 16 Uhr einer Einführung von Dieter Zeh im Arcadensaal in Wertheim und um 17 Uhr ein Konzert mit Werken fast vergessenen Wertheimer Komponisten in der Stiftskirche lauschen.

Wer mehr über den Weg zur wachsenden Demokratie in Baden wissen möchte, kann dies in der beruflichen Schule in Bestenheid in der Ausstellung „Demokratie wagen“ noch bis zum 19. Mai von Montag bis Donnerstag am Nachmittag tun, sagte Monika Schaupp abschließend.

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