Dieter Bohlen im Taubertal - RTL zeigte am Samstag den ersten Teil der Recalls in der ehemaligen Zisterzienserabtei Bronnbach DSDS: Kloster wird zum „Superstar der Herzen“

Kloster Bronnbach hat gewiss schon viel erlebt. Doch wenn Dieter Bohlen mit „DSDS“ vorbeischaut, ist auf einmal alles anders. Völlig anders. Und das Kloster wird zum heimlichen Sieger.

Von 
Sabine Holroyd
Lesedauer: 
Talente und Freaks: Die Kandidaten warten im Josephsaal, dem ersten Schauplatz des Recalls im Kloster Bronnbach, auf die Entscheidung der Jury. © TVNOW / Stefan Gregorowius

Bronnbach. Samstag Abend, 20.15 Uhr. Auf RTL scheint ein alter Hollywoodfilm anzulaufen. In goldenen Lettern liest man „Walt Dieter presents“ und, von Sternenstaub bestreut, zeigt sich Kloster Bronnbach, in warmes, weiches Licht getaucht. Darüber schwebt der Titel „Der märchenhafte Recall“, und wieder rieselt Sternenstaub. Und dann ist’s plötzlich vorbei mit Kitsch und Zuckerguss.

AdUnit urban-intext1

Eine ganze Invasion laut kreischender junger Menschen stürmt in die Klosteranlage. Wahrscheinlich wurde der ehemaligen Zisterzienserabtei seit ihrer Gründung 1151 noch nie solch eine offen zur Schau getragene Begeisterung zuteil. Ausgerechnet RTL macht sie jetzt zum „Superstar der Herzen“.

„Ich bin total geflasht“

„Es ist so schön romantisch hier“, „Ich bin total geflasht“, „Wie ein Traum“ sind Sätze, die man beim Tourismusverband Liebliches Taubertal sicher gerne hört, besonders, wenn sie aus dem Munde potenzieller deutscher Superstars sprudeln. Und wenn jemand wie Kandidat Steve, der sich offensichtlich auch gleichzeitig um den Titel „Deutschland sucht den Gruselstar“ bewirbt, die Hand an die Klostermauer legt und mit geheimnisvoller Miene gesteht, „was zu spüren“, spätestens dann atmet man auf und weiß, dass das Kölner Fernsehteam das Kulturgut genauso in Szene setzt, wie man sich das tauberfränkisch-patriotisch gewünscht hat: Wir sind Kloster Bronnbach.

Das Kamerateam hat sich offensichtlich in das Ensemble verliebt. Immer wieder wird das Kloster von oben gezeigt, weichgezeichnet vom herbstlichen Morgennebel. Der Josephsaal, eigentlicher Ort des Geschehens, präsentiert sich so sanft in pastellfarbenem Licht, dass selbst Chefjuror Dieter Bohlen viel gnädiger wirkt als sonst.

AdUnit urban-intext2

Maite Kelly im feuerroten Kleid ist ebenfalls sichtlich hingerissen und sagt den werberelevanten Satz: „Letztendlich geht es um die magic moments“. Vor allem geht es aber um die Suche nach Deutschlands neuem Superstar.

Doch die 18. „DSDS“-Staffel polarisiert. Viele finden, dass die Sendung – einst stolzes RTL-Flaggschiff – zur Freakshow verkommen ist. Facebook-Nutzer sprechen von „Trash“ und fühlen sich von Kandidaten wie zum Beispiel Claudia aus Hamburg in ihrer Meinung bestärkt. Die 29-Jährige, die schon in den Folgen auf dem Schiff irgendwo zwischen Koblenz und Boppard Dieter Bohlen unter Tränen angefleht hatte, dass sie den „Fame“ will und unbedingt berühmt werden möchte, nein, muss, verrät in Bronnbach ihr Motto: „Alles muss stimmen und von allem muss es Zuviel sein“. Auch die Schminke: „Ganz doll Make up und so“, sagt sie.

Deutschland sucht die Superdiva

AdUnit urban-intext3

„Ganz doll“ Zickenkrieg gibt es natürlich auch. Bewerberinnen wie Katharina scheinen die Talentshow mit so etwas wie „Deutschland sucht die Superdiva“ zu verwechseln, und auch nicht alle männlichen Kandidaten werden zu Best Buddys. So wie Kilian und Shada. Doch an Shada mit der, sagen wir mal „interessanten“ Stimme, prallen fiese Vorwürfe wie zum Beispiel, dass er aus Faulheit nicht genug geprobt hätte, einfach ab. Vielmehr lässt er die Nation draußen vor den Fernsehgeräten wissen: „Mein ganzes Leben hatte ich schon das Gefühl, dass etwas Großes auf mich zuströmt“. Und das sagt er ausgerechnet in Bronnbach . . .

Mike Singer ist „brutal traurig“

AdUnit urban-intext4

Im Klostergarten wiederum sieht man Kandidat und Casanova Enrico. Er doziert gerade über die Zeitspanne, die man braucht, um eine Frau zu beeindrucken.

Laut seiner Erfahrung sind es exakt zwei Minuten und 36 Sekunden. Wenig später muss der Arme dann aber lernen, dass es auch nur zwei Minuten 36 dauern kann, um jemanden wie Neu-Juror Mike Singer „brutal traurig“ zu machen – auf dem Weg zum Superstar waren nämlich leider, leider ein paar Töne auf der Strecke geblieben.

Und dann wäre da noch Ludi, der aussieht wie einst Boy George ohne Hut und der das hohe Sangesgericht weit mehr als Enrico zu überzeugen weiß. Noch schillerndere und längere grüne Lidschatten, noch „gelbere“ Schuhe als die von Ludi hat das Kloster gewiss noch nie gesehen. Es hat ganz gewiss aber auch noch nie so viele schräge Töne ertragen müssen.

Am Schluss, nach vielen fragwürdigen Gesangsvorführungen und schier endlosen Werbeblocks, erlebt man dieselbe „Überraschung“ wie diejenigen, die sich nach erfolgreichem Recall in der nächsten Runde schon unter sengender Sonne singen sahen und deshalb mit gepackten Koffern im Bus saßen – eine Kandidatin wähnte sich bereits bald gar auf Bora Bora.

Der Bus spuckt die „Superstars“ in spe nämlich nach einer rätselhaften nächtlichen Rundfahrt wieder im verregneten Bronnbach aus – mitsamt ihrer Koffer.

Im Netz gibt es viel Kritik für „DSDS“ und die oftmals talentfreien Kandidaten. Ein Facebook-Nutzer schreibt: „So ein Quark an einem Samstagabend.“ Doch das Kloster hat den Stresstest „DSDS“ bravourös bestanden. Genauso wie Wackelkandidatin Claudia (die mit dem „dollen Make up“). Die Jury hatte sich für sie und ihre Kandidaten-Gruppe „Eternal Flame“ von den Bangles ausgesucht. Claudia war gleich mal an der englischen Sprache und den hohen Tönen gescheitert. Im pittoresken Klostergarten sagte sie dann diesen nahezu „magischen“ Satz: „Ich muss schauen, dass ich das beim Auftritt gepackt kriege mit diesem Flame.“

Nächsten Samstag darf sie dann wie alle anderen, die mehr oder weniger verdient weiterkamen, erneut ihr „Können“ beweisen – diesmal allerdings ganz unglamourös im Kuhstall.

Mehr zum Thema

FN-Interview „Die ganze Familie saß gebannt vor dem Fernseher“

Veröffentlicht
Von
Sabine Holroyd
Mehr erfahren

Redaktion Im Einsatz für die Lokalausgabe Tauberbischofsheim