Gastronomie - Liefer- und Abholservices in der Region werden gut angenommen / Trotzdem große Differenz zu Einnahmen in normalen Zeiten Dienst für den Gast statt gutes Geschäft

Über drei Monate befindet sich die Gastronomie im Lockdown. Seither bieten viele Wirte Abhol- oder Lieferservices an. Wirklich lukrativ sind die Angebote allerdings nicht.

Von 
Katharina Buchholz
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Joannis Karapanagiotis und sein Mitarbeiter Angelos Ypsilandis richten die frisch gekochten Speisen an: Während der Chef das Fleisch und die Kartoffeln in die Behälter legt, ergänzt sein Mitarbeiter Knoblauch und Petersilie. © Katharina Buchholz

Wertheim/Main-Tauber-Kreis. Sechs Tage die Woche kommen Joannis Karapanagiotis und seine Frau Manuela in ihr Restaurant „Dionysos“ in der Wertheimer Zollgasse. Sie bereiten alles vor und warten darauf, dass das Telefon klingelt.

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Seit dem Lockdown Anfang November bietet das Paar seine Speisen wieder zum Abholen und Liefern an, unter der Woche ab 17 Uhr, am Wochenende schon ab 11 Uhr.

Die Familie ist ein eingespieltes Team: Die Chefin nimmt am Telefon Bestellungen entgegen, der Chef ist für die Küche verantwortlich, der Sohn liefert aus, wenn die Kunden es wünschen. Zehn Kilometer weit reicht der Lieferradius, je nach Bestellwert nehmen sie mehr Kilometer auf sich.

„Unser Service wird gut angenommen“, sagt Karapanagiotis. Sein Lokal ist eines von 35 auf einer Online-Liste der Stadtverwaltung, die während des Lockdowns für Liefer- und Abholdienst geöffnete Gastronomien aufführt. Anspruch auf Vollständigkeit erhebt die Aufzählung, die von der Bäckerei über Asia Imbiss bis zum traditionellen Restaurant reicht, nicht.

Klassisches schwer umsetzbar

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Genaue Zahlen, wie viele Mitgliedsbetriebe des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) im Main-Tauber-Kreis Außer-Haus-Dienste anbieten, kann auch Kreisvorsitzender Frank Bundschu nicht nennen. „Grundsätzlich fällt es den Betrieben leicht, die vor dem Lockdown schon Liefer- und Abholdienste angeboten haben. Einzelne haben ein eigenes Außer-Haus-Angebot entwickelt. Diese befinden sich vornehmlich im Bereich der größeren Städte im Main-Tauber-Kreis“, führt Bundschuh aus. Die internationale Gastronomie, die jeher Speisen zum Abholen anbiete, profitiere am meisten. Aber bei klassisch gekochtem Essen sei „To Go“ schwerer umsetzbar.

Neue Gäste gewonnen

Mit dem ersten Lockdown führte Klaus Oetzel, der in seinem Hotel Martha in Reicholzheim auf regionale Küche setzt, den Liefer- und Abholservice zur täglich Mittags- und zur Abendzeit ein.

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Im Moment wägt er ab, die Öffnungszeiten zu kürzen und seine Gäste nur noch Freitag bis Sonntag zu bewirten. Denn: Der Service finde zwar aufseiten der Kunden guten Anklang und das Hotel Martha habe sogar neue Gäste gewinnen können, wirklich lohnend sei das Liefern und Abholen für ihn nach Abzug der Kosten aber nicht. „Ich denke nicht, dass wir noch offen hätten, wenn der Betrieb nicht in der Familie wäre. Das angestellte Personal ist in Kurzarbeit“, sagt Oetzel.

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„Das ist eher die schwarze Null“, stellt Stefan Kempf fest. Er hat seine Gastrobetriebe in Wertheim geschlossen, das Burger-Restaurant Ionis in Tauberbischofsheim bietet einen Abholservice an. „Wir haben es unseren Mitarbeitern freigestellt, ob wir öffnen oder nicht“, schildert der Gastronom.

Davon, dass die Gäste zwar kommen, das Geschäft aber nicht mit dem der normalen Zeiten zu vergleichen ist, können auch die Inhaber des Restaurants Dionysos und des Wirtshaus’ „Zum goldenen Adler“ in Höhefeld ein Lied singen.„Die Leute sagen zu uns: Ihr habt doch trotzdem ein Geschäft. Aber das ist etwas ganz anderes. Die Getränke fehlen zum Beispiel. Wir sind aber dankbar, dass unser Abholservice so angenommen wird“, sagt Elfriede Willnath, bei der es bereits in Vor-Corona-Zeiten Hähnchen zum Mitnehmen gab.

„Ich bin lieber hier, als dass ich nur zuhause sitze“, meint Joannis Karapanagiotis. Seine Frau berichtet, dass der Service im ersten Lockdown noch mehr gefragt war. Diese Einschätzung teilen Oetzel und Willnath. „Zumindest in unserer dünn besiedelten Region geht es um die Dienstleistung am Gast und die Beschäftigung der Mitarbeiter und Unternehmer. Thomas Heimberger, vom ,Hotel & Weinstube Lochner’ in Markelsheim nutzt sein Angebot, um seine Auszubildenden in dieser schwierigen Zeit weiter gut auszubilden. Insgesamt ist es eine Gratwanderung zwischen Marketingaktion und Kostenfalle“, fasst Frank Bundschuh zusammen.

Neben der Entscheidung, ob sie überhaupt einen Außer-Haus-Service auf die Beine stellen, müssen die Gastronomen abwägen, was sie ihren Gästen anbieten wollen und können. Keiner möchte sich jetzt mit unzureichender Qualität zum Mitnehmen die Kundschaft für sein Restaurant vergraulen. „Man muss sich beim Anrichten trotzdem Mühe geben – nicht nur ein Stück Fleisch in eine Einwegverpackung werfen“, betont Oetzel. „Qualität kommt in dem Fall von Können, als gastronomischer Vollprofi sollte jeder wissen, was er anbieten kann und was nicht. Problem ist die Transportzeit und damit das Warmhalten der Gerichte. Kurzgebratene, knusprige oder rosa gebratene Speisen sind da eben extrem schwierig“, weiß Bundschu.

„Wir haben unsere Karte verkleinert“, sagt Karapanagiotis. Elfriede Willnath bietet ihrer Kundschaft zusätzlich zu einer kleinen Karte immer sonntags ein besonderes Gericht an. Dieses Wochenende steht ein Wildgulasch mit Klößen auf der Karte. Immer mittwochs ist Burgertag. Klaus Oetzel führt eine Auswahl gesunder und klassischer Speisen. An besonderen Tagen – etwa zu Ostern und eventuell auch in der nächsten Woche zum Valentinstag – können seine Gäste vorbereitete Mehrgang-Menüs zum selbst Erwärmen bestellen.

Erfinderisch und einfallsreich

„Die Gastronomen sind erfinderisch und einfallsreich. Das Angebot reicht vom klassisch heiß verpackten Essen nach der Karte, Tagesessen, Sonntagsbraten bis zu kalten Menükomponenten im Sous-Vide-Beutel oder eingekocht in Gläsern. Andere bieten Kochboxen, Online-Events oder Marktstände“, nennt Bundschu weitere Möglichkeiten. Außerhalb der klassischen Mitnahmeangebote wie Pizza, Nudeln oder Sushi konzentriere sich das Angebot meist auf das Wochenende.

„To Go“ ersetzt Restaurant nicht

Bei allem Einfallsreichtum seiner Kollegen ist der Dehoga-Vorsitzende trotzdem überzeugt, dass ein Essen „To Go“ nicht den Wunsch nach einem Restaurant oder Kneipenbesuch zufriedenstellen kann. „Hierzu fehlt einfach viel mehr: Das Ambiente, der Service, die Kommunikation untereinander, die passenden Getränke und vieles mehr.

Manuela Karapanagiotis blättert durch das Reservierungs- und Bestellbuch des „Dionysos“ aus dem letzten Jahr. Am Sonntag, 31. Oktober, sind zuletzt Namen eingetragen. Seither saß kein Gast im Restaurant. Die Eingangstür öffnet sich: die 18-Uhr- Bestellung. Karapanagiotis reicht dem Mann eine große Tüte mit den Gerichten. „Guten Appetit“, wünscht sie.

Redaktion Im Einsatz für die Lokalausgabe Wertheim