75 Jahre Kriegsende - FN-Gespräch zu den Ereignissen in Wertheim - Erich Langguth über das Hissen der weißen Fahne auf der Wertheimer Burg und widersprüchliche Berichte zum Geschehen „Die Quellenlage ist sehr diffus“

Von 
Gerd Weimer
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Die zerstörte Mainbrücke nach Kriegsende. Versprengte deutsche Truppen haben sich darüber abgesetzt. © Stadtarchiv Wertheim

Um das Hissen der weißen Fahne auf der Wertheimer Burg habe sich ein Mythos gebildet, so Erich Langguth. Die US-Armee habe nicht vorgehabt, Wertheim zu zerstören, sagt er im FN-Gespräch.

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Wertheim. Vor 75 Jahren endete der Krieg für die Stadt Wertheim. US-amerikanische Truppen waren im Anmarsch. Der genaue Ablauf der Ereignisse ist nicht geklärt (siehe Artikel auf Seite 7). Erich Langguth erlebte als 21-Jähriger die Geschehnisse selbst mit. Der Gefreite war auf Genesungsurlaub in Kreuzwertheim. Langguth gilt als einer der profiliertesten Historiker Wertheims. Er war Stadtarchivar und zusätzlich ab 1981 städtischer Konservator. Seit Jahrzehnten arbeitet er im Historischen Verein mit.

Herr Langguth, Sie schrieben vor ein paar Wochen in einem Leserbrief, in Wertheim sei es um die Ereignisse am 1. April zu einer Mythenbildung gekommen. Eigentlich hätten die US-amerikanischen Truppen nie vorgehabt, Wertheim zu zerstören. Was macht Sie so sicher?

Erich Langguth: Dass das gar nicht beabsichtigt war, ist mir von zwei Seiten, die Verbindung mit Amerikanern hatten, mitgeteilt worden. Man kann das aber auch allgemein erschließen: Die Amerikaner haben auf ihrem Vormarsch nicht vorgehabt, Städte oder Orte zu zerstören. Das haben sie nur gemacht, wenn sie auf Widerstand gestoßen sind. In Wertheim gab es am 1. April 1945 keine formierten Truppen der Wehrmacht mehr, nachdem die in Nassig zerschlagen worden waren.

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Es gab also keine Militärs in Wertheim, die Widerstand hätten leisten können?

Langguth: Es gab noch Reste von den Nassiger Truppen. Die sind am Ostersonntag (1. April) abgezogen, zum Teil nach Eichel und wollten dort über den Main. Sie sind beschossen worden. Es gab vier Tote. Ein anderer Teil ist über die zerstörte Eisenbahnbrücke geklettert und durch den Kaffelsteintunnel Richtung Unterwittbach abmarschiert. Das waren diese jungen 17- bis 18-jährigen, die hatten die Schnauze voll und sind abgezogen. Ich habe sie selbst gesehen, wie sie durch den Kaffelsteintunnel durchgezogen sind. Am Tag zuvor ist wohl einmal die Parole ausgegeben worden, wahrscheinlich am Karsamstag (31. März), dass Wertheim verteidigt werden solle. Aber das ist eher der NS-Propaganda geschuldet. Die Nazis sind ja abgehauen. Es waren keine Nazi-Größen mehr da. Die Kreisleitung hatte sich abgesetzt nach Boxberg. Es soll ein noch Sonderführer namens Krämer hier gewesen sein, Näheres über den weiß man aber nicht. Es sind alles sehr schwammige Geschichten.

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Auf welche zwei Quellen beziehen Sie sich genau bei Ihrer These, dass die US-Armee nicht vorhatte, die Stadt anzugreifen?

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Langguth: Zum einen Irmgard Boetel, eine Wertheimerin, die nach dem Krieg in Nürnberg bei der US-Armee gearbeitet hatte. Sie hat dort entsprechende Dokumente gesehen. Auch ein anderer Zeitzeuge, der einen Bekannten bei der auf dem Reinhardshof stationierten US-Armee hatte, bestätigte mir das. Beide Quellen teilten mir dies im vergangenen Jahr mit. Die Dokumente selbst konnte ich leider nicht einsehen.

Hätte man in Wertheim also gar nicht die weiße Fahne aufziehen müssen, um einen Angriff zu vermeiden?

Langguth: Doch, auf jeden Fall. Die weißen Fahnen oder auch weiße Betttücher sind bei Kriegsende überall herausgehängt worden, um eine Stadt ohne Widerstand zu übergeben. Am Schluss soll ja der Bürgermeister Hermann Dürr mit einem Polizisten den Amerikanern mit einer weißen Fahne entgegen gegangen sein, wie an einer Stelle berichtet wird. Also auf weiße Fahnen haben die Amerikaner schon wert gelegt und reagiert.

Den einen kurzen Granatbeschuss der US-Armee gab es also nur, weil die weiße Fahne zwischenzeitlich eingeholt worden ist?

Langguth: Die Fahne war nur ganz kurz unten. Es kann sich nur um Minuten gehandelt haben.

Warum meinen Sie, ist es in Wertheim zu dieser Mythenbildung gekommen?

Langguth: Zu sagen, Wertheim wäre zerstört worden, wenn die weiße Fahne nicht gehisst worden wäre, das sagt sich leicht daher. Dieser Gedanke hat sich irgendwann mal eingebrannt. Dass ausgerechnet Wertheim hätte zerstört werden sollen, entbehrt jeder Grundlage.

Die Erzählungen spielen eine große Rolle in der Nachkriegsgeschichte.

Langguth: Vor allem, nachdem vor ein paar Jahren die Idee mit der Gedenkstätte aufgekommen ist, haben sich sehr viele Leute mit dem Thema befasst. Mit dem mittlerweile jahrzehntelangen Abstand wird das glorifiziert. Man weiß ja, wie trügerisch das menschliche Gedächtnis ist. Mit der vergehenden Zeit neigt man dazu, die Vorgänge zu heroisieren. Es ist ja noch nicht einmal genau geklärt, wer die weiße Fahne auf der Burg gehisst hat. Ob es der Anton Dinkel alleine war, oder ob Heinrich Herz dabei war. Manche Quellen sprechen dafür, dass Dinkel alleine oben war. Heinrich Herz war damals in seinen Sechzigern und vom Burghof auf den Bergfried hinauf, das macht man ja nicht in einem Satz. Der Polizist Karl Mehling soll auch eine Rolle gespielt haben, aber inwiefern, ist unklar. Es sind da gewisse Widersprüche in den wenigen überlieferten Protokollen. Es wurden schon 1945 zwei Protokolle aufgenommen und dann 1947 noch welche. Letztere weichen schon wesentlich von den Papieren 1945 ab. Es ist ein Kuddelmuddel. Ich befasse mich gar nicht so gern mit dem Thema, weil die Sache so unklar ist. Die Quellenlage ist sehr diffus.

Redaktion Teamleiter Redaktion Wertheim