Corona-Krise - Ob in Madrid, Paris oder Davis – überall auf der Welt ist die Corona-Pandemie ein Thema, das alle Lebensbereiche bestimmt Die Menschenleere wirkt bedrückend

Von 
Diana Seufert und Heike Barowski und Heike von Brandenstein und Maren Greß
Lesedauer: 
Paris: Bis auf weiteres bleibt das Pariser Wahrzeichen, der Eiffelturm, geschlossen. © Bild. DPA

Mit Freiburg hat die erste Großstadt eine Ausgangssperre erlassen. Wie es Menschen aus der Region, die im Ausland leben, in der Corona-Krise geht, wollten die Fränkischen Nachrichten wissen.

AdUnit urban-intext1

Main-Tauber/Neckar-Odenwald-Kreis.

Eine Pandemie macht nicht Halt: nicht vor grünen Grenzen oder Schlagbäumen, nicht vor Gebirgen oder Ozeanen. Während in China das Ende der Corona-Krise gefeiert wird, sterben in Europa unzählige Menschen an dem sich ausbreitenden Virus. Wie aber empfinden Menschen aus unserer Region, deren Wahlheimat auf Zeit oder langfristig ein anderes Land ist?

Stephan Keppler-Tasaki in Davis

Stephan Keppler-Tasaki ist ein waschechter Wertheimer, den es als Literaturhistoriker nach Tokio verschlagen hat. Die Corona-Pandemie erlebt er allerdings auf einem anderen Kontinent. Gemeinsam mit seiner Frau Seiko ist er in Kalifornien. Hier hat Keppler-Tasaki bis April eine Gastprofessur an der University of California Davis. „Die Lage ist hoch spannend und zugleich macht sich Langeweile breit“, beschreibt der Literaturhistoriker die Situation. Sportstätten und Kinos sind geschlossen. Cafés und Restaurants müssen ihr Angebot auf Abholung und Lieferung beschränken. „Das Corona-Problem scheint wie gemacht für eine amerikanische Antwort: die Automobilität. Das Auto ist der neue Mundschutz“, sagt er. Derzeit werden die Computer der Professoren für die Online-Lehre eingerichtet. Seit letzter Woche finden die Kurse nicht mehr im Klassenraum statt.

AdUnit urban-intext2

Auf dem Campus, wo tausend Studenten unterwegs waren, sind es im Augenblick gerade zehn. „Der Haupteindruck ist die Menschenleere auf Straßen und Plätzen, als sei sie durch die postapokalyptischen Fantasien der Hollywood-Studios vorbereitet worden.“ Hamsterkäufe halten sich in Grenzen. In seinem Supermarkt sind lediglich der abgepackte Salat und die Zahnpasta ausverkauft, dafür steht ein riesiger Bottich Handreiniger am Eingang. Normalerweise würde er die Tage für zahlreiche Treffen nutzen, stattdessen trifft man sich allenfalls privat. In der Innenstadt holt sich Stephan Keppler-Tasaki vorbestelltes Essen vom Chinesen. „Das Irish Pub musste ausgerechnet heute, am St. Patrick’s Day, wie alle Bars schließen: „closed indefinitely“ („auf unbestimmte Zeit geschlossen“), steht an der Tür“, erzählt der Literaturhistoriker.

Deborah aus Wenkheim in Paris

Froh, wieder rechtzeitig zurück in Deutschland zu sein, ist Deborah Habiger. Auch wenn die 20-Jährige jetzt lieber in Paris wäre. Dort hatte sie vor einigen Monaten in einem deutschsprachigen Kindergarten ihr Anerkennungsjahr als Erzieherin begonnen. In Paris selbst hatte die Wenkheimerin in der Öffentlichkeit nicht sehr viel vom Corona-Virus mitbekommen. Alle seien „super entspannt“ gewesen, erzählt die junge Frau. Vom Aufruf der Regierung, zu Hause zu bleiben, sei nicht viel zu spüren gewesen.

AdUnit urban-intext3

Dass die Ausgangssperre verhängt wurde, wundert sie daher nicht. Mittlerweile darf man nur noch zum Arbeiten und Einkaufen unterwegs sein, was kontrolliert wird. Hamsterkäufe hat Deborah Habiger auch erlebt. Seife wurde weniger, ebenso Mehl. Und auch das Toilettenpapier war begehrt. Der Kindergarten mit seinen mehr als 150 Kindern wurde erst am Montag geschlossen.

AdUnit urban-intext4

Da war Deborah Habiger schon wieder zurück. Weil sie befürchtete, in Paris festzusitzen, hatte sie ihren Vorgesetzten über ihre Situation informiert. Der zögerte nicht lange. Innerhalb von 30 Minuten hatte sie ihre Sachen gepackt und war „fluchtartig“ mit dem Zug am Sonntagabend nach Deutschland gefahren. Nun ist sie zurück in Wenkheim und hat erst hier den Ernst der Lage mitbekommen.

Mike aus Gerchsheim in Madrid

Ein ungewöhnliches Bild auch bei Mike Baumann. Der 51-jährige aus Gerchsheim lebt mit seiner Frau und der siebenjährigen Tochter rund 40 Kilometer von Madrid entfernt. Auf der sonst vielbefahrenen Straße vor seinem Haus ist an diesem Abend nichts los. „Es ist einfach kurios.“ Das Ausgehen vermisse man schon, sagt Baumann. Aber man könne sich auch Zuhause beschäftigen. Die spanische Regierung hatte wenige Tage zuvor eine Ausgangssperre verhängt. „Das war nötig, weil sich kaum einer an die Empfehlungen gehalten hat, zu Hause zu bleiben.“ Viele hätten sich über „zusätzliche Ferien“ gefreut, Bars und Restaurants waren voll. Seitdem werde kontrolliert und bei Verstößen mit Bußgeldern gedroht. Geschlossen sind seit einer Woche auch die Schulen. Dafür wurde ein Online-Unterricht eingerichtet. Auswirkungen hat die Krise auch auf die medizinische Versorgung vor Ort. Eine geplante Routinekontrolle bei Baumanns Frau wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Zur Arbeit fährt der 51-Jährige häufig mit dem eigenen Wagen. Über Beschäftigungsmangel kann er nicht klagen, denn die Firma ist teilweise auch im pharmazeutischen Bereich tätig.

Und die Situation hat auch ihre Besonderheiten: Während sich die Einwohner in Italiens Großstädten auf den Balkonen zum Singen verabreden, wurde in Spanien geklatscht – als Dank und Aufmunterung für die Helfer in dieser Krisenzeit.

Lea Marie in Canberra

Seit mittlerweile fast einem halben Jahr ist Lea Marie Raitz aus Mosbach als Au Pair in Australien, genauer gesagt in Canberra. „Die Corona-Krise hält sich hier noch in Grenzen“, teilt die 19-Jährige mit. Ihren Alltag als Au Pair beeinflusse es noch nicht wirklich, sie ziehe ihrem Gastkind die Kleider nur direkt aus, wenn sie aus der Kindertagesstätte zurückkommen. In Australiens Hauptstadt Canberra läuft derzeit noch ziemlich alles normal, in Arztpraxen stehen Desinfektionsmittel bereit. Die Schulen haben in Australien noch geöffnet, doch Lea Marie Raitz geht davon aus, dass diese demnächst als Vorsichtsmaßnahme geschlossen werden. „Australien hat auf die Ausbreitung des Virus ziemlich schnell reagiert“, sagt sie und fügt an: „Alle Leute, die in den vergangenen Wochen eingereist sind, mussten sich zwei Wochen in Selbstquarantäne begeben. Mittlerweile dürfen keine Touristen mehr einreisen.“ Dadurch haben sich ihre Reisepläne geändert.

Auch große Veranstaltungen sind dort zum Schutz der Bevölkerung inzwischen untersagt. Hamsterkäufe tätigen auch die Australier. „Toilettenpapier, Nudeln, Reis und Hygieneartikel sind Mangelware in den Supermärkten“, erzählt die Mosbacherin. Durch den Kontakt zu ihrer Familie habe sie natürlich auch von den Zuständen in Deutschland mitbekommen. „Wenn ich das höre, bin ich ziemlich froh, in Australien zu sein. Hier kann ich bisher noch ein normales Leben führen.“

Susanne in der Toscana

Die aus Tauberbischofsheim stammende Susanne Fromm lebt seit über 30 Jahren in der liebenswerten Toscana. Zwar sind die besonders von Covid-19 betroffenen Regionen Lombardei und Venetien ein wenig entfernt, doch der Schein trügt. Auch in ihrer Stadt Certaldo sind die ersten beiden Fälle von Erkrankungen durch das Coronavirus aufgetreten. „Das ist eine apokalyptische Situation“, beschreibt sie die Situation. Die Kontrollen seien strenger geworden, jeden Abend, um Punkt 18 Uhr halte der Bürgermeister eine Rede. Dort werde auf die Missachtungen von Vorschriften hingewiesen. Um zu kontrollieren, würden sogar Drohnen eingesetzt, berichtet Susanne Fromm.

„Wenn ich in den Supermarkt gehe, muss ich zwei Stunden einkalkulieren“, erläutert sie. Mindestens eine Stunde dauere das Schlangestehen vor dem Supermarkt, eine Stunde der Einkauf, denn niemand darf dem anderen zu nahe kommen. Ein Geduldsspiel, das von der Polizei überwacht wird. Dennoch ist Susanne Fromm stolz, wie Italien die Krise meistert und wie freundlich miteinander umgegangen wird. Für sie selbst ist sie allerdings eine wirtschaftliche Katastrophe. Sie arbeitet im Tourismus und es hagelt Absagen.

Leon in Pilsen

Der Tauberbischofsheimer Leon Schmidt studiert im tschechischen Pilsen Zahnmedizin. Seit dem 13. März sind die Grenzen dicht, das Land abgeriegelt. Eine allgemeine Ausgangssperre wurde verhängt. Er ist beeindruckt, wie die Tschechen mit der Situation umgehen. Sehr diszipliniert, besonnen und verständig. Als die Ausgangssperre verkündet wurde, kam es für kurze Zeit zu einer kleinen Panik mit Hamsterkäufen. Die Supermärkte seien gut besucht, aber alles laufe diszipliniert ab. Von zehn bis zwölf Uhr dürften ausschließlich Senioren über 65 Jahre einkaufen.

All das aber nur mit Mundschutz, versteht sich. Diese Pflicht wurde am 18. März eingeführt. Doch weil die Vorräte, wie in anderen Ländern auch, nicht reichen, werde viel gebastelt, Masken aus Stoff genäht, so Leon Schmidt. Er selbst hat aufgrund seines Studiums ein kleines Mundschutzreservoir zu Hause.

Weil das Staatsexamen ansteht, lernt der Student viel. „Ich bin die ganze Zeit daheim“, beschreibt er seinen Tagesablauf. Um Luft zu schnappen, geht er in den Innenhof. Die Universität ist geschlossen, der Unterricht abgesagt. Über Skype und Videoplattformen wird der Stoff vermittelt.

Leere Straßen, eine im Urlaubsrhythmus fahrende Tram, geschlossene Restaurants, die Essen zum Mitnehmen für Selbstabholer anbieten. So stellt sich das derzeitige Leben in Pilsen dar. Was Leon Schmidt lobt, ist die gute Informationspolitik der Regierung. Alle Neuigkeiten und Verhaltensmaßregeln halte das Gesundheitsministerium per App bereit, „Radio Prague“ schickt seine Nachrichten topaktuell über den Äther.

Redaktion Hauptsächlich für die Lokalausgabe Tauberbischofsheim im Einsatz

Redaktion Im Einsatz für die Lokalausgabe Wertheim

Redaktion Zuständig für die Kreisberichterstattung Main-Tauber

Volontariat Im Einsatz für die Redaktionen Buchen und Sport