Kriegsende vor 75 Jahren - Genaue Geschehnisse um die Kapitulation am 1. April 1945 in Wertheim historisch bis heute nicht eindeutig geklärt Der letzte Kampf um die weiße Fahne

Von 
Dieter Fauth
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Der Wertheimer Marktplatz vor 1929. Beim Ringen um eine friedliche Kapitulation ging es auch darum, eine tausendjährige Stadt zu retten. © Sammlung Peter Karl Müller.

Eine weiße Fahne – oder zwei oder viele weiße Fahnen? Wie Kapitulation und Kriegsende in Wertheim verliefen, darüber gibt es bis heute kein eindeutiges historisches Bild.

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Wertheim. Ein dreiviertel Jahrhundert nach der friedlichen Kapitulation Wertheims vom 1. April 1945 erlebt die Stadtbevölkerung eine neue Form der Erinnerung. Erstmals an diesem Tagesdatum kommt es um 16.30 Uhr zum Läuten von Glocken in der Stadt (mit menschenleeren Straßen). Diese Anregung des Oberbürgermeisters mag der Corona-Krise geschuldet sein, ist aber vielleicht würdig, Tradition zu werden.

In Würzburg Tradition

Würzburg jedenfalls kennt diese Tradition seit Jahrzehnten. Als der Verfasser dieses Beitrags 1993 in die Stadt zog, erlebte er dies am 16. März um 21.20 Uhr, der Zeit als Würzburg binnen 20 Minuten zerstört wurde, zum ersten Mal. Die Stadt war voll von Menschen, auf dem Marktplatz umarmten sie sich und die meisten weinten bitterlich: damals fast 50 Jahre nach dem verheerenden Ereignis. Heute, 75 Jahre danach, wird diese Form der Erinnerung immer noch gepflegt; freilich geht die Bevölkerung weiterhin betroffen, aber nicht mehr erschüttert damit um.

Ein ereignisreicher Tag

Um es gleich vorweg zu sagen: Wir haben heute noch kein abschließendes Bild davon, was genau an die-sem Tag in Wertheim geschah (siehe auch Bericht auf Seite 8). Wertvoll sind daher Workshops der Leiterin des Archivverbunds Main-Tauber Monika Schaub mit Quellenarbeit zum Thema. Hilfreich ist auch die Initiative des Historischen Vereins Wertheim um eine Qualifizierungsarbeit zum Thema von Vanessa Geiger, betreut von Matthias Stickler (Univ. Würzburg) und Frank Kleinehagenbrock (Hist. Verein Wertheim). Aber doch gibt es bereits ein recht klares Bild vom Hergang des Tages. Die folgende Skizze fußt auf beglaubigten Protokollaussagen mehrerer an der Kapitulation Beteiligter vom August 1945, mit denen auf den Tag der Kapitulation zurückgeblickt wird (StAWt-S III, Nr. 493).

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Die Stunde der Entscheidung nahte, als an jenem Ostersonntag des 1. April 1945 sich vom Wartberg her amerikanische Truppen der Kernstadt näherten. Eine Übergabe Nassigs war am Tag zuvor missglückt und das Dorf von eben dieser Armee zerstört worden. Man war also vorgewarnt. In der Stadt selbst gab es ein gewisses Machtvakuum. Die während der gesamten NS-Zeit dominierende Kreisleitung der NSDAP war damit befasst, ihre eigene Haut zu retten, belastende Akten zu vernichten bzw. sich aus der Stadt zurückzuziehen. Im Amt war aber noch der NS-getreue Bürgermeister Hermann Dürr (reg. 1944-5/1945). Die Lage war also durchaus unübersichtlich.

Die kritische Phase

Um 15 Uhr geriet die Lage der Stadt Wertheim dann in eine kritische Phase, als ein Treffer der US-Alliierten das Haus Friedleinsgasse 3 entzündet. Ab jetzt musste „minütlich“ mit der „Vernichtung der Stadt“ durch die Alliierten gerechnet werden. Dabei ging es um die Bewahrung einer tausendjährigen Stadt, in der damals außer den etwa 4000 Einwohnern weitere mehrere tausend (!) Evakuierte lebten. Zunächst hatten dann der Schmiedemeister Christoph Dinkel (* 1893, Wertheim) und der Kaufmann bzw. Korbmacher Joseph Hammerich Bürgermeiser Dürr „auf das schärste ermahnt …, durch Hissen der weissen Fahne [auf dem Bergfried der Burg] die Stadt zu retten“. Der Bürgermeister ging auch auf die Burg, weigerte sich dort aber hartnäckig, der Forderung nachzukommen, weil er befürchtete, erschossen zu werden. Währenddessen führten auf dem Burghof Anton Dinkel (1924, Wertheim – 1997), Sohn von Chris-toph Dinkel, und Heinrich Herz (1897, Wertheim –1995) die Bemühungen an, den Bürgermeister zum Hissen der Fahne zu bewegen. Möglicherweise setzten in diesem Moment alle Widersacher des Bürgermeisters ihr Leben aufs Spiel und riskierten, später als Deserteure „erhängt oder erschossen“ zu werden. Letztlich hat Anton Dinkel doch ohne Weisung von Bürgermeister Dürr die weiße Fahne gehisst. Dürr erteilte sogar sofort nach dem Hissen der Fahne den Befehl, die Fahne wieder einzuziehen, dem sich Anton Dinkel widersetzte. Doch setzte sich Dürr zunächst durch und ließ die Fahne durch den Ortspolizisten einziehen. Damit setzte eine verschärfte Debatte zwischen Herz und dem Bürgermeister ein, die sich am Rand der körperlichen Auseinandersetzung bewegte. Wegen dem Streichen der Fahne setzte jetzt erneut Artilleriefeuer der US-Truppen auf die Stadt ein. In aller Eile hissten „beide“, Herz und Anton Dinkel, die Fahne zum zweiten Mal „auf eigene Verantwortung“ und damit endgültig. „Sofort“ hörte der Beschuss der Stadt auf. „Immer zahlreicher“ zeigten sich jetzt in der Stadt weiße Fahnen. Die US-amerikanische Armee besetzte nun die Stadt, vom Fliegerhorst über die Alte Steige kommend, ohne jedes Blutvergießen. Glockenläuten um 16.30 Uhr passt also, denn das dürfte ungefähr die Uhrzeit gewesen sein, als die weiße Fahne endgültig gehisst war.

Unten in der Stadt

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Ort des Kapitulationsgeschehens war nicht nur die Wertheimer Burg. Entscheidendes passierte auch unten in der Stadt, vor allem im damaligen Rathaus (heute: Grafschaftsmuseum). Dort stritten weitere Personen für die friedliche Kapitulation Wertheims – und hier seien jetzt nur Namen aus den Protokollen genannt, wenn dort auch Dritte und nicht nur die Person selbst die Beteiligung an der Kapitulation bestätigten. Erwähnt wird Gasmeister Georg Staubitz (1899, Wertheim – 1963, Wertheim), der wegen eines Lungensteckschusses gar nicht in der Lage war, auf die Burg zu gehen. Außer den bereits Genannten werden weiterhin der Kohlenhändler Karl Seher (* 1891) und der Ortsbauernführer von Bestenheid Karl Hergenhan erwähnt.

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Freilich gibt es ergänzende und auch zur bisherigen Skizze kontroverse Darstellungen. So meint Heinz Staubitz (* 1949), Sohn des genannten damaligen Leiters der Wertheimer Ortsgruppe der KPD Georg Staubitz, die in aller Munde genannte weiße Fahne sei erst die zweite Flagge gewesen. Vielmehr habe Otto Paul (* 1905), eng befreundet mit Georg Staubitz und ebenfalls Mitglied der KPD, am jetzigen Rathausturm eine erste weiße Fahne gehisst, nachdem eine Wertheimer Werwolf-Gruppe abgezogen war (Nach der Kapitulation war Paul von der US-Militärregierung bei der Entnazifizierung in Wertheim angestellt). Und H. Staubitz nennt mit dem Wertheimer Schneidermeister Michael Kuch und dem Wertheimer Polizeigehilfen Karl Mehling weitere Personen, die ebenfalls würdig gehandelt hätten.

Wer sind nun unsere Helden? Gewiss nicht nur Herz und A. Dinkel. Vermutlich hat Schmiedemeister Chr. Dinkel die Erstinitiative ergriffen, eine friedliche Kapitulation einzufordern.

Und vor allem sollten ganze Teile der Bevölkerung nicht vergessen werden, die durch das Hissen von weißen Fahnen aus ihren Häusern die Endgültigkeit der Kapitulation besiegelten.

Denkmal zum Geschehen

Waren es überhaupt Helden? Oder war ihr Handeln nach dem bereits erfolgten Abzug der Kreisleitung der NSDAP und der Werwölfe gar nicht mehr riskant? Der Wertheimer Künstler Johannes Schwab arbeitet derzeit an einem Denkmal zum damaligen Geschehen. Er beachtet die Vielzahl der Beteiligten, indem jeder Bürger heute das Profil seines Gesichtes vom Künstler abnehmen und ins Kunstwerk integrieren lassen kann.

Staubitz ist das nicht genug an Betonung der Vielzahl Beteiligter. Deshalb hat er eine alternative Erinnerungstafel erarbeitet, die er an seinem Haus anbringen wird. Er will das nicht als Konfrontation, sondern als „eine andere Sicht“ verstehen.