Land und Leute - Die fast 91-jährige Lieselotte Eisentraut zeigt ihre Werke im Wertheimer Wohnstift Hofgarten, wo sie auch ihren Lebensabend verbringt "Das Leben ist immer noch schön"

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Lieselotte Eisentraut betrachtet zusammen mit Sabine Röhrig und Martin Leynar ihre Werke.

© Kellner

Wertheim. Wenn am 22. April die nächste Ausstellung im Wertheimer Wohnstift Hofgarten eröffnet wird, dann werden dort erstmals keine Werke externer Künstlerinnen oder Künstler gezeigt, sondern Bilder, die eine Heimbewohnerin geschaffen hat. Drei Tage vorher feiert Lieselotte, genannt Lotte, Eisentraut den 91. Geburtstag. "Das Leben ist immer noch schön - vom richtigen Blickwinkel aus gesehen", sagt sie und deshalb heißt ihre Ausstellung auch "Blickwinkel Bilder und Gedanken rund ums Jahr".

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Sie habe immer schon gemalt, erzählt die alte Dame im Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten. Eigentlich wäre sie ja gerne Modezeichnerin geworden. Aber das haben die Eltern nicht zugelassen, ihre einzige Tochter solle sich die Flausen aus dem Kopf schlagen, hieß es.

Ihr Talent brachte ihr sogar das Angebot eines Großonkels, nach Amerika zu gehen und dort als "Zeitungsmalerin" zu arbeiten. Aber alle Pläne und Hoffnungen zerschlugen sich letztlich, denn "dann kam der Krieg und man ist zu Hause geblieben". Stattdessen ging es für die am 19. April 1924 in Suhl in Thüringen Geborene zum Arbeitsdienst nach Zell am See.

Mitten im Krieg lernte sie in Würzburg am Hauptbahnhof den Gärtner Siegmund Eisentraut kennen und war mit ihm verheiratet, bis dieser, erst 66 Jahre alt, an einem Herzinfarkt starb. Seit dem Jahr 2009 lebt Lotte Eisentraut nun im Wohnstift im Hofgarten im Bereich "Mainblick" und nachdem sie anfangs, wie sich Sabine Röhrig erinnert, eine ruhige, zurückhaltende Bewohnerin war, gehört sie in der Zwischenzeit zum Bewohnerbeirat, ist seit 2013 dessen Vorsitzende und "sie steht auch auf der Liste für die Neuwahl im Mai", berichtet Martin Leynar, Geschäftsführer des Wohnstiftes.

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Ihn könnte man, gemeinsam mit Sabine Röhrig, die als externes Mitglied Kollegin von Lotte Eisentraut im Bewohnerbeirat ist, vielleicht als Entdecker der Künstlerin bezeichnen, gehört Leynar zum Geburtstag und anderen besonderen Anlässen doch unter anderem zu den Empfängern der kunstvoll gestalteten und betexteten Werke der noch 90-Jährigen. Und damit hat sie ihn, wie er freimütig einräumt, "manchmal fast zu Tränen gerührt".

Irgendwann habe Frau Eisentraut ihr dann einmal die Originale ihrer Bilder gezeigt, berichtet Sabine Röhrig weiter. "Was Sie da machen, ist Kunst", habe sie ihr daraufhin gesagt und die Idee zur Ausstellung war geboren.

Bescheidene Künstlerin

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Der Seniorin scheint das Aufheben um ihre Arbeit fast ein wenig zu viel. "So weltbewegend ist das auch nicht" meint sie und erntet einhelligen Widerspruch: "Für uns schon", so Leynar und Röhrig. Lotte Eisentraut malt ihre Bilder ohne Vorlage. Am Anfang steht eine Bleistiftskizze "und wenn ich mit der fertig bin, fange ich oft noch einmal von vorne an, weil mir was Besseres einfällt", schmunzelt die Künstlerin. Koloriert werden die Zeichnungen dann mit einfachen Aquarellfarben, "Acryl stinkt ja fürchterlich", begründet sie schelmisch. Die Arbeit, so sagt Lotte Eisentraut, macht ihr immer noch Spaß. "Aber zu lange sitzen ist auch nichts", deshalb geht sie gerne spazieren, während Fernsehschauen nicht zu ihren absoluten Lieblingsbeschäftigungen zählt.

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"Wissen Sie, was ich mir hier wünsche? Ein Schwimmbad", wird aus der Künstlerin unversehens die Vorsitzende des Bewohnerbeirates. Sie habe spät schwimmen gelernt, gibt sie noch einmal einen Einblick in ihren Lebensweg, der sie zuletzt nach Marktheidenfeld geführt hatte, von wo aus sie schließlich nach Wertheim kam. Erst einmal nur "zur Probe", doch inzwischen gefällt es der Seniorin im Wohnstift. "Ich finde es schön, dass man sich hier viel bewegen kann. Man kann viel laufen", sagt sie.

Sie sei sehr schlecht beieinander gewesen, als sie hier angekommen sei, habe vieles erst wieder lernen müssen. Die Malerei hat ihr bei der Anpassung geholfen und auch der Ablenkung gedient, denn "mir fehlt auch manches".

Statt, wie gewünscht, Modezeichnerin zu werden, arbeitete Lotte Eisentraut in einem Textilgeschäft als Verkäuferin "vom Hosenknopf bis zur Bettfeder". Ihrem Hobby nachzugehen, dafür fehlte lange die Zeit. Stattdessen lebte sie ihre Kreativität auf andere Weise aus, bei der Beschäftigung mit Blumen etwa.

Blumen zählen auch zu den bevorzugten Motiven ihrer Bilder, beziehungsweise Plakate, die sie liebevoll gestaltet und mit wohl durchdachten Texten versieht. Anregungen dafür findet sie beim Lesen. Die Zeitungslektüre gehört für die Künstlerin dabei unabdingbar zum Tagesablauf. "Weil ich nicht mehr so gut höre, lese ich viel und hoffe, die Augen machen noch eine Weile mit."

Bilder bleiben Dauerleihgabe

Für ihre Ausstellung haben die Malerin, Sabine Röhrig und Martin Leynar zwölf bis 15 Bilder ausgesucht, die anschließend als Dauerleihgabe im Wohnstift verbleiben. Lieselotte Eisentraut wird sicher weiter malen. Und sich engagiert im Bewohnerbeirat des Wohnstiftes einsetzen. Für den Leiter der Einrichtung hat sie abschließend noch ein Kompliment parat. "Mit ihm ist frischer Wind eingezogen. Es muss immer wieder einmal auch etwas Neues geben", so die 91-Jährige.

Und Martin Leynar freut sich sichtlich über das Lob. ek