Der Reinhardshof - Heutiger Wertheimer Stadtteil trägt den Namen eines einst florierenden Landwirtschaftsbetriebs / Zunächst als "Drachenhof" benannt Bau des Neuhofs läutete Niedergang ein

Von 
Werner Schleßmann
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Reinhardshof. Er war über Jahrhunderte ein landwirtschaftliches Pachtgut an zwei Standorten und ist zum Namensgeber des heutigen Wertheimer Stadtteils geworden: der Reinhardshof. Unser Mitarbeiter Werner Schleßmann hat die Geschichte des Hofgutes recherchiert, hier sein Bericht.

So sah der Reinhardshof am Ende seiner Tage aus. Das Bild stammt aus den 1930er Jahren und wurde von Museumsarbeiter Kurt Bauer reproduziert.

© Kurt Bauer
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Dieses ehemalige Hofgut wurde zum Namensgeber für den heutigen Stadtteil. Sein damaliger Wechsel gab für die Entwicklung der Stadt eine ganz besondere Weichenstellung, die bis heute fortwirkt. Weil viele neu sesshaft gewordene Bewohner, nicht nur in dem neuen Stadtteil, sondern auch in den anderen Stadtteilen auf der Höhe, nicht so genau wissen, unter welchen Gegebenheiten es überhaupt zu diesem neuen Stadtteil kam, lohnt es sich, einmal einen genaueren Blick auf diesen im April 1936 verkauften Gutshof zu werfen.

Reinhardshof-Pächter

  • Die Pächter, die auf dem Reinhardshof ihren Wohnsitz hatten:
  • 1836 bis 1860 Martin Adelmann aus Schweinberg,
  • 1860 bis 1882 Andreas Zwiesler aus Gamburg,
  • 1882 bis 1885 Andreas Kressmann aus Kreuzwertheim
  • 1885 bis 1896 Johann Gräder aus Ödengesäß
  • 1896 bis 1922 Philipp Kressmann aus Wertheim
  • 1922 bis 1936 Heinrich Eisenhauer aus Külsheim. ws

Erste Erwähnung

Am 28. März 1368 schenkte der Wertheimer Graf Eberhard den neuen Hof - auf dem "Drachen" genannten Berg über Grünenwört gelegen - mit der Schäferei und seinem Teil am großen Zehnt, den die Grafschaft erblich besaß, seiner Frau Katharina. Es war die erste Erwähnung des Hofguts.

Fakten zum Reinhardshof

  • Im Wertheimer Stadtteil Wartberg existiert noch heute eine Straße namens "Am Reinhardshof", die als Hinweis auf das ehemalige landwirtschaftliche Anwesen zu verstehen ist.
  • Am 11. Dezember 1996 besiegelte die Stadt Wertheim mit dem Bund den Kauf des Reinhardshof-Areals, das damit erstmals in städtischen Besitz kam und sich seitdem zu einem eigenen Stadtteil entwickelte.
  • Zuvor hatte das Gelände für rund vier Jahrzehnte der US-Armee als Kasernengelände gedient. Die Amerikaner hatten "den Reinhardshof" Anfang der 1950er Jahre beschlagnahmt, weil sie damals ihre Präsenz in Deutschland insgesamt stärken wollten. Die Kaserne hoch über Wertheim erhielt den Namen "Peden Barracks".
  • Die Beschlagnahmung des Areals sorgte Anfang der 1950er Jahre für große Unruhe vor allem unter den Bewohnerinnen und Bewohnern dort. Es handelte sich dabei um Heimatvertriebene, deren Zahl allein in der "Flüchtlingssiedlung Reinhardshof" nach dem Zweiten Weltkrieg auf bis zu 1500 angestiegen war. Dadurch hatte sich "dort oben" schon einmal "ein Dorf für sich gebildet".
  • Die ersten Heimatvertriebenen waren 255 Menschen aus Budaörs (Ungarn), die am 15. Februar 1946 von Gerlachsheim aus nach Wertheim "verteilt" worden sind. Es folgten unter anderem die Schwestern des Diakonissenmutterhauses Frankenstein, die ebenfalls hier einen Neuanfang wagten.
  • Zwischen 1946 und 1951 war aus der "Trümmerlandschaft" eine Siedlung entstanden, in der auch die Keimzellen für die "Industriestadt" Wertheim gelegt worden sind. Innerhalb von nur vier Jahren hatten am Reinhardshof 750 Frauen und Männer Beschäftigung gefunden.
  • Stadt und Landkreis sahen sich dann aber durch die Beschlagnahmung durch die Amerikaner vor die Herausforderung gestellt, die Reinhardshof-Bewohner umzusiedeln. So entstand zwischen Eichel und Wertheim der Stadtteil Hofgarten und zwischen Alt-Bestenheid und Grünenwört die "Bundessiedlung", heute der Stadtteil Bestenheid.
  • Von Dezember 1937 bis April 1945 hatte die Deutsche Wehrmacht das Reinhardshof-Areal als Fliegerhorst genutzt. In die beim Abrücken der deutschen Truppen nicht zerstörten Gebäude brachten die Amerikaner ab dem Frühjahr 1945 zunächst Zwangsarbeiter - vor allem aus Polen und Russland - unter. Sie lebten dort unter teils sehr widrigen Bedingungen. Ihre Unzufriedenheit gipfelte im Spätjahr 1945 in der Aufforderung an die amerikanische Militärregierung, die Stadt Wertheim "zur Plünderung freizugeben". Mit dem Abtransport der Zwangsarbeiter war dieser "Spuk" aber rasch beendet.
  • So gravierend, wie die Ansiedlung von Heimatvertriebenen die Stadt Wertheim veränderte - unter anderem hatte sich die Einwohnerzahl dadurch innerhalb kürzester Zeit verdoppelt - so einschneidend war auch schon der Verkauf des Geländes 1936 an die Wehrmacht. Den damaligen Hofgutpächtern Heinrich Fellmann (Neuhof) und Heinrich Eisenhauser (Reinhardshof) war geraten worden, keine Frühjahrssaat mehr auf die betroffenen Flächen auszubringen.
  • Die Jahre 1936 und 1937 waren dann geprägt von reger Bautätigkeit, es entstand "eine Stadt für sich". Als die Garnison im Dezember 1937 offiziell ihren Betrieb aufnahm, galt der Fliegerhorst Wertheim als "reinliche Kaserne modernsten Stils".
  • Gemeinsam mit dem Fliegerhorst gebaut wurde auch die Richtung Stadt gelegene Wohnsiedlung für Offiziere, aus der nach Kriegsende langsam, aber sicher der Stadtteil Wartberg herauswuchs. Die Straßen "Am Wartberg" und "Am Reinhardshof" befinden sich dort übrigens in unmittelbarer Nachbarschaft.
  • Quelle: FN-Serie "Der Reinhardshof - vom Pachtgut zum Stadtteil", erschienen in den Fränkischen Nachrichten zwischen Dezember 1996 und März 1997. uwb

Von einem Reinhardshof war damals noch keine Rede, sondern von einem "Drachenhof". Diese Nennung findet sich auch noch in einem Pachtbrief von 1520, in dem es um die Entlohnung der Knechte ging. Wörtlich: "Zur Entlohnung soll oben gedachter mein gnädigster Herr den Drachenknechten, die auf diesem Hof sein werden, dieses Jahr 3 Gulden und die Hausfrau die Kost geben."

Drei Linden als Merkmal

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In der gleichen Urkunde wird der Hof auch als die "Neue Haid" genannt. Gegenüber, auf der anderen Seite der Tauber und etwa auf gleicher Höhe, war der Hof namens "Alte Haid", der heutige Haidhof oberhalb des Wertheimer Stadtteils Hofgarten. Später taucht der Name "Reinerts Hof" und erst ganz am Ende des 16. Jahrhunderts der Name "Reinhardshof" auf. Woher oder wie es zu dem Namen kam, konnte vom Autor trotz eifriger Suche nicht herausgefunden werden. Der Hof war im ausgehenden Mittelalter auch eine Zeitlang im Besitz der Kurfürsten von Würzburg - vielleicht kommt von dort der Namensgeber.

Sein erster Standort befand sich in jedem Fall auf dem Areal, auf dem später die US-Amerikaner Bunker angelegt haben. Der Standort kann heute noch anhand von alten Karten nachgewiesen werden. Bevor die Umrisse des Hofs verschwunden waren, pflanzte man an seinem Standort drei Linden. Diese Linden waren noch bis zum Bunkerbau 1955 erkennbar, und auch den älteren Einwohnern von Vockenrot und Grünenwört bekannt.

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Von seiner Größe und dem Ackerertrag her, kann man aus heutiger Sicht den Hof als einen kleinen bäuerlichen Betrieb einordnen. Anders verhielt es sich mit der Schäferei. Die war die Haupteinnahmequelle, denn der Hof hatte wie auch die anderen herrschaftlichen Höfe Weiderechte im ganzen Umland.

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Einen Umbruch gab es mit dem Aufkommen des Grafen Ludwig I. zu Löwenstein-Wertheim und ganz besonders 1597 nach dem erfolgten Bau des Neuhofs. Von diesem Zeitpunkt an wurde der Reinhardshof über 100 Jahre lang vom Neuhof aus bewirtschaftet. In diesem Zeitraum wurden auch die Ackerflächen des Reinhardshofs stark vergrößert.

Wie die alten Rechnungsbücher des Neuhofs aufzeigen, gab es jährliche Ausgaben für das sogenannte "Ausreuten" auf dem Reinhardshof. Dabei wurden wüste Flächen in Ackerland umgewandelt. Damit waren die Bewohner ganzer Dörfer aus dem näheren Umland beschäftigt. Auch die Gebäude auf dem Hof wurden zu diesem Zeitpunkt nicht mehr genutzt und waren dem Verfall preisgegeben. Am 22. Februar 1707 gab es eine entscheidende Wende in der Bewirtschaftung des Hofguts. An diesem Tag pachteten 14 Grünenwörter Untertanen den Reinhardshof für 30 Jahre. Es dürfte eine Gemeinschaft von allen Grünenwörter Bauern gewesen sein, und diese Pachtgemeinschaft hatte Bestand bis zum Verkauf des Hofguts. Die Grünenwörter hatten für die Herrschaft den Vorteil, dass sie keine Wirtschaftsgebäude brauchten, denn sie hatten ihre eigenen. Nur einmal - zwischen 1768 und 1777 - hatten die Grünenwörter den Neuhof in Pacht, im Gegenzug hatten dann die Vockenroter Bauern zusammen mit den Bestenheidern den Reinhardshof.

Neue Gebäude

Um die Verpachtung des Hofguts - vor allem, wie durch eine größere Konkurrenz bessere Pachtpreise erzielt werden könnten -, ging es 1825 in einem internen herrschaftlichen Bericht. Man war sich dabei einig, dass es ohne eigene Hofgebäude nicht zu erzielen sei. So reifte der Entschluss, wieder eigene Wirtschaftsgebäude auf dem Hofgut zu errichten. Den alten Standort, an dem die Ruinen noch erkennbar waren, fand man dafür aber nicht geeignet. Es sollte ein Standort mit einem ausreichenden Wasservorkommen sein, und dieser sollte erkundet werden.

Von 1827 bis 1836 gab es nochmals eine Neuverpachtung des gesamten Areals, an jetzt 29 Grünenwörter Bauern. Auch ihr Schullehrer und zwei Bestenheider Bauern waren mit dabei. Auch bei der Wassersuche wurde man fündig und baute noch im gleichen Jahr für 200 Gulden einen neuen Brunnen.

Nach der Ernte 1829 begann man bei dem Brunnen mit der Errichtung der neuen Hofgebäude. Sie sollten bis zum Ende des Jahres fertiggestellt sein.

Schlechtes Wetter im Herbst und vor allem der nasse Baugrund machte diese Hoffnung zunichte, so dass erst im nächsten Sommer zu Ende gebaut werden konnte. 1831 bauten Taglöhner aus Vockenrot eine Wegverbindung vom Hof zur Landstraße nach Vockenrot.

Das ganze Baugeschehen war von Anfang an ein Desaster: Die vom Wertheimer Baumeister Wießler geplanten Steinbauten wurden aus Kostengründen in Holzbauweise ausgeführt, was dazu führte, dass schon bald größere Reparaturarbeiten anstanden. Schon 1837 musste die ganze westliche Hauswand am Hofhaus erneuert werden, weil das Wetter durchdrang. Bis alle erforderlichen Gebäude und Einrichtungen erstellt waren, war man am Ende des 19. Jahrhundert angelangt. 1895 plante man schon wieder ein neues Hofhaus. Es sollte außerhalb der eingefriedeten Hofanlage stehen. Es kam aber nicht zur Ausführung. Auch ein schön angelegter größerer Garten gehörte zu dem Hof.

Eine Verbesserung der Pachtpreise durch den Bau von Wirtschaftsgebäuden und die Bewirtschaftung durch einen Hofbauern ging nicht auf. Die Hälfte der Ackerflächen hatten die Grünenwörter noch nach wie vor in Pacht. Sie hatten jetzt auch noch Bestenheider und Vockenroter mit im Boot. Auch mit dem einen oder anderen Hofbauer lief es nicht so glatt, und das Fürstenhaus hatte seine Probleme damit. Die erzielte Pacht änderte sich zwischen 1890 und 1936 nicht. Sie blieb immer auf der gleichen Höhe. Der Erste Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise trugen dazu bei.

Zum letzten Mal wurde eine Neuverpachtung 1932 reichsweit ausgeschrieben. Es gab nur geringe Pachtinteressenten, aber einen ernsthaften Mannheimer Kaufinteressenten. Sein Preisangebot lag, wenn man die wirtschaftliche Entwicklung zwischen 1932 und 1936 zu Grunde legt, nicht viel unter dem von der Deutschen Wehrmacht 1936 erzielten Verkaufserlös.

Wäre es damals zu einer Neuverpachtung oder gar zu einem Verkauf gekommen, so hätte die wohl Bestand über die Zeit des Nazi-Regimes hinaus gehabt. Sehr wahrscheinlich hätte es dann keinen Fliegerhorst dort gegeben und nach dem Zweiten Weltkrieg wohl auch keine Neuansiedlung von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen in solch großem Umfang.

Auch die Amerikaner wären dann 1952 nicht nach Wertheim gekommen, um hier eine Garnison zu errichten. Welche Entwicklung hätte dann die Stadt Wertheim wohl genommen?

Weil aber alles so kam, wie es gekommen ist und wie die Entwicklung vom Reinhardshof nach seinem Verkauf im April 1936 weiter ging, ist ausführlich in einer im September 1999 von der Stadtverwaltung Wertheim heraus gebrachten Broschüre "Der Reinhardshof von der Kaserne zum neuen Stadtteil" beschrieben.

Abgebrochen, nicht abgebrannt

106 Jahre waren dem Reinhardshof an seinem neuen Standort beschieden. Bei seinem Verkauf hatte er eine Größe von 125 Hektar. Im Sommer 1936 wurden die Hofgebäude abgebrochen und nicht wie beschrieben abgebrannt. Über das Abbrennen gibt es keinen Hinweis, weder schriftlich noch von Zeitzeugen. Übrig von dem Hof blieb nur der Brunnenschacht und so kann man noch heute, anhand von alten Lageplänen, den Standort der einzelnen Hofgebäude genau bestimmen. Sein Standort befand sich am Ende der heutigen Ludwig-Erhard Straße.

Führungen

Werner Schleßmann bietet allen Interessierten am Samstag, 18. April, um 14 Uhr eine Führung an. Die Führung beginnt am Friedhof in Vockenrot. Von dort geht es zu den beiden Standorten der ehemaligen Wirtschaftsgebäude des Hofgutes Reinhardshof. Dauer: zirka zwei Stunden. Interessenten können sich vorab mit Werner Schleßmann in Verbindung setzen: Telefon 09342/6966.