Auf der Suche nach Heimat

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Wer hätte das gedacht: Die Heimat ist wieder "in".

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Galt vor wenigen Jahren Heimatverbundenheit noch als rückschrittlich und altbacken, so tragen heutzutage viele junge Leute nicht nur beim Oktoberfest wie selbstverständlich Dirndl und Kniebundhose; gleichzeitig sind sie mit dem Smartphone oder auf dem Laptop weltweit im Internet unterwegs.

Heimat und Moderne sind keine Gegensätze, wie der Bundespräsident es in seiner bemerkenswerten Ansprache zum diesjährigen Tag der Deutschen Einheit betont hat: "Verstehen und verstanden werden - das ist Heimat. (...) Heimat ist der Ort, den wir als Gesellschaft erst schaffen. Heimat ist der Ort, an dem das ,Wir' Bedeutung bekommt."

Bereits in neutestamentlichen Zeiten haben Menschen sich diese dynamisch in die Zukunft gerichtete Perspektive zu Eigen gemacht. So heißt es im Hebräerbrief: "Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir."(Hebr. 13, 14)

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Verstehen und verstanden werden, Akzeptanz erfahren. Das hängt nicht in erster Linie an einem festen Ort oder einem geografischen Landstrich, sondern an den Menschen und einer Kultur des gelingend miteinander Umgehens - egal in welcher Sprache und mit welchem Dialekt.

Da, wo man sich aufeinander einlässt, einander zuhört und Wertschätzung entgegenbringt, da stellt sich das Gefühl einer sinnerfüllten Geborgenheit ein, die mit dem Wort "Heimat" umschrieben werden kann.

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Wohlgemerkt: nicht exklusiv als alte Heimat für wenige, sondern einladend und offen für neue Erfahrungen der wechselseitigen Anerkennung. Der Apostel Paulus hat in seinem Brief an die christliche Gemeinde in der bunten Hafenstadt Ephesus diese Sichtweise in den Vordergrund gestellt: "So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist."(Eph. 2, 19 + 20).

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In der Wertheimer Stiftskirche steht dieser Vers auf der ersten Seite unseres Gästebuches. Gut 100 000 Menschen aus aller Herren Länder besuchen jährlich unsere offene Kirche aus unterschiedlichem Interesse. Manche von ihnen lassen uns teilhaben an ihren Empfindungen der Geborgenheit und des sinnerfüllten Innehaltens in der Alltagshektik.

In vielen Sprachen finden sich darin Einträge, die mich immer wieder zum Staunen bringen. Wildfremde Menschen nehmen sich an diesem besonderen Ort eine kurze Auszeit, um so etwas wie Geborgenheit und Orientierung für ihr weiteres Leben zu suchen und zu finden - und fassen dieses Gefühl von Zugehörigkeit dann in berührende Worte.

Gönnen wir uns und anderen diese Suchbewegung nach einer neuen Heimat. Füllen wir dieses schöne alte Wort "Heimat" mit den bunten Farben des Lebens, das uns noch blüht. Hayo Büsing, Dekan, Evangelischer Kirchenbezirk Wertheim