Land und Leute - 23 Jahre lang war Cäcilie Schuon eine Institution auf der Wertheimer Burg / Ein Rückblick anlässlich ihres 80. Geburtstags Als die Wirtin noch die Fahne hissen musste

Von 
Matthias Ernst
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Hier wird das Burgfräulein geschmückt, das dann über ein halbes Jahr die Wertheimer Bürger in der Stadt von der Burg aus grüßte. © Fritz Schuon

Als die Wirtin noch Fahnen hissen musste: Cäcilie Schuon war über 23 Jahre auf der Wertheimer Burg tätig. Anlässlich ihres 80. Geburtstags blickt sie zusammen mit ihrem Mann auf ihr Leben zurück.

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Wertheim. Als Cäcilie Schuon im unterfränkischen Binsfeld bei Arnstein 1940 auf einem Bauernhof geboren wurde, war nicht absehbar, dass sie im späteren Leben einmal einen der schönsten Blicke auf Wertheim genießen sollte.

Sie wuchs als Waisenkind auf, nachdem ihr Vater 1944 im Zweiten Weltkrieg gefallen war.Als älteste Tochter musste sie den Hof versorgen und selbst im tiefsten Winter mit den Pferden in den Wald und Feuerholz holen. Das ist ihr fest im Gedächtnis geblieben. Auch die Maßregelungen ihrer Mutter und die entbehrungsreiche Zeit, als sie das Geld für die Familie verdienen musste.

In Stellung

Sie nahm eine Stellung in einer Wertheimer Familie an und half nebenbei am Wochenende noch am Buffet im Café Wien aus. Das war damals ein beliebter Treffpunkt für junge Erwachsene. Bei einem kurzen Ausflug auf die Wertheimer Burg lernte sie ihren späteren Mann Fritz kennen. Fritz’ Mutter hatte am 1. März 1963 die Restauration der Wertheimer Burg übernommen, und der Sohn half an den Wochenenden in Küche und Service mit. Er war damals noch bei der Bundeswehr, doch beim Anblick des jungen Fräuleins war er sofort hin und weg. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagen beide rückschauend. Noch im selben Jahr verlobten sich die beiden, und Cäcilie Schuon half daraufhin bei Fritz’ Mutter in Küche und Service mit.

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Im Jahr 1969 schließlich übernahm Cäcilie Schuon, mittlerweile längst verheiratet, selbst die Bewirtung auf der Burg. Ihr Mann arbeitete derweil bei der Sparkasse und brachte es später sogar zum Sparkassendirektor. Trotzdem war es für ihn selbstverständlich, seiner Frau unter die Arme zu greifen, wann immer es ging. Sie war aber trotzdem eifersüchtig auf seine Arbeit. „Bist du jetzt mit mir oder mit der Sparkasse verheiratet“, fragte sie sehr häufig. Es war ihre Art sich zu beschweren, wenn ihr Mann mal wieder mehr an die Arbeit dachte, als ihr zu helfen. Doch die Hilfe wurde dringend benötigt. Die Wirtschaft boomte, das Wirtschaftswunder setzte sich fort, und so bekam auch die Restauration auf der Burg immer größeren Zulauf. Viele Fremde kamen auf die Burg und genossen nach dem steilen Aufstieg den einzigartigen Ausblick auf die Stadt und die umliegenden Berge. Diesen Blick konnte Familie Schuon jeden Tag genießen, denn die Burg war neben der Arbeitsstelle auch ihr privates Zuhause. Sie wohnten im Turm, und das heutige Turmzimmer war Schlaf- und Wohnzimmer. Im Turmstübchen war damals die Gaststätte untergebracht. Darunter befand sich die Küche, was heute nur noch wenige Menschen wissen.

Als die Nachfrage nach größeren Feierlichkeiten von den Wertheimer Bürgern immer größer wurde, baute Familie Schuon den ehemaligen Marstall zu einem Veranstaltungssaal um und aus. Speisen und Getränke mussten dann eben aus der Küche dorthin getragen werden. Als besondere Attraktion gab es eine offene Feuerstelle, an der sich die Gäste selbst Würstchen oder Fleisch grillen konnten.

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Das war lange sehr bekannt und beliebt in der Umgebung. Viele ältere Bürger erinnern sich wahrscheinlich auch noch an den Hund „Wum“ der Familie Schuon, der sich immer freute, wenn von den Stöcken, an denen die Würste über dem Feuer gegrillt wurden, die Wurst zu Boden fiel und von den Gästen nicht mehr verspeist werden wollte. „Das war seine große Stunde“, erinnert sich Fritz Schuon. Der Hund nahm die Wurst vom Boden auf und verspeiste sie sofort.

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Die Burg gehörte zu dieser Zeit noch den beiden Fürstenhäusern von Löwenstein. „Ich musste damals an beide Fürsten Pacht zahlen“, erinnert sich Cäcilie Schuon noch ganz genau. Das war gar nicht so einfach, die Pacht genau aufzuteilen. Und noch eine weitere Anekdote fällt ihr ein. Bei einer Feier im Turmstübchen kam Fürst Karl-Heinz von Sayn-Wittgenstein eine Schaufensterpuppe als „Burgfräulein“ zu schmücken. Diese Puppe wurde dann auf dem Turm so aufgestellt, dass sie die Menschen in der Stadt grüßen konnte. Das hielt so ungefähr ein halbes Jahr an, dann wurde die Puppe wieder entkleidet und verschwand im Fundus.

Überfall auf dem Bergfried

Eine weitere Besonderheit ist Cäcilie im Gedächtnis geblieben. Immer wenn jemand aus den fürstlichen Familien Geburtstag hatte, musste sie die Fahne auf dem Bergfried hissen. Bei den vielen Kindern der Fürstenfamilien war das also oft der Fall. Einmal, als sie in aller Herrgottsfrühe wieder auf den Bergfried steigen wollte, stieg ihr ein Mann nach und wollte sie überfallen. Doch als sie ganz laut schrie und um Hilfe bettelte, ließ der Mann wieder von ihr ab und floh. Daraufhin übernahm ihr Mann Fritz das Hissen der Fahne für eine gewisse Zeit, bis Cäcilie wieder Vertrauen gefasst hatte und die Arbeit selbst übernahm. Später verkauften beide Fürsten nacheinander ihre Eigentumsanteile an der Burg an die Stadt Wertheim, die daraufhin Verpächter für Cäcilie Schuon wurde. Vieles war damals primitiver und sorgloser als heute, doch missen möchte sie ihre Zeit auf der Burg nie.

Im Jahr 1986 war dann allerdings Schluss. Sie gab die Restauration ab und widmete sich in den nächsten Jahren mehr der Familie oder half bei Fritz’ Bruder in Gastronomie mit, der die ersten Messen in der Festhalle veranstaltete. Reisen mit ihrem Mann standen nun im Vordergrund. Bereits 1970 fuhr die Familie nach Mallorca, dann viele Jahre nach Tunesien, ins westliche Afrika oder in die Türkei. Neben den Momenten am Strand waren es immer die Kontakte zu den Menschen, die ihnen im Gedächtnis geblieben sind. Seit 2001 fuhren sie regelmäßig nach Indien. Hier besteht noch heute Kontakt zu zwei Familien und zu einem Patenkind, sogar zur Hochzeit einer Tochter waren die Schuons eingeladen.

Und so kamen auch exklusive Grüße aus dem Subkontinent zum Geburtstag von Cäcilie Schuon nach Wertheim via Whatsapp. Eine schwere Erkrankung im Blutkreislauf bremsten Cäcilie Schuon dann jäh aus. Eigentlich wollte sie zu ihrem Geburtstag noch einmal groß feiern. Das Geburtstagskind freut sich, wenn die Ausgangsbeschränkung aufgehoben wird und sie dann doch noch mit ihren Freuden anstoßen kann.