Erneuter Aderlass - Weitere 40 bis 50 Mitarbeiter müssen gehen / Künftig wird es keine Isolierkannen „Made in Wertheim“ mehr geben Alfi streicht fast die Hälfte aller Stellen

Von 
Gerd Weimer
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Diese Gebäude können bald gemietet oder gekauft werden. Das Wertheimer Traditionsunternehmen Alfi, vor über 100 Jahren in Thüringen gegründet, entlässt erneut einen großen Teil der Belegschaft. Die verbleibenden Mitarbeiter werden in das Gebäude des dahinter gelegenen, derzeitigen „Commercial Center“ umziehen. © Gerd Weimer

Eine Ära geht zu Ende: Alfi stellt die Fertigung in Wertheim vollständig ein. 40 bis 50 Mitarbeiter werden entlassen. Thermosgefäße „Made in Wertheim“ wird es bald nicht mehr geben.

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Bestenheid. Beim Isoliergefäßhersteller Alfi wird es eine weiteren, gravierenden Stellenabbau geben. 40 bis 50 der 130 Mitarbeiter (inklusive geringfügig Beschäftigter) müssen sich nach einem neuen Job umsehen. Bereits Anfang des vergangenen Jahres hatte es einen personellen Aderlass gegeben: rund 80 Stellen strich das Unternehmen im Rahmen einer ersten Entlassungswelle. Damit wird es künftig keine Alfi- Isolierkannen „Made in Wertheim“ mehr geben. Das traditionsreiche Unternehmen verlagert die in Wertheim verbliebene Produktion zu externen Dienstleistern in Deutschland, damit für die Premiumprodukte weiter mit „Made in Germany“ geworben werden kann.

Darauf legt vor allem der Mutter-Konzern Thermos großen Wert. Ein Großteil der Alfi-Produkte wird schon an diversen Standorten in aller Welt hergestellt. In der Main-Tauber-Stadt verbleiben jetzt lediglich Vertrieb, Marketing und andere Verwaltungseinheiten.

Die Gewerkschaft IG Metall überbrachte gestern als erstes der Öffentlichkeit die neuerliche Hiobsbotschaft. Sylke Fischer, Betriebsratsvorsitzende des Unternehmens, und der Gewerkschaftssekretär Harald Gans baten Medienvertreter zum Gespräch. Zuvor hatte Geschäftsführer Bernhard Mittelmann die „Alfianer“ über den Personalabbau informiert.

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Harald Gans sieht einen Großteil der Verantwortung für den Niedergang beim Eigner, der US-amerikanischen Thermos-Gruppe, die Alfi Ende 2014 von WMF gekauft hatte. „Bis zu der Übernahme durch Thermos hat Alfi schwarze Zahlen geschrieben. Nach der Übernahme waren sie kontinuierlich rot“, so Gans. Alfi habe „überhaupt keine Chance“ als Teil des Thermos-Konzerns. Es bestehe die Möglichkeit, dass Thermos über Konzernumlagen zum Beispiel mit dem Zentraleinkauf die Kosten bei Alfi sowohl positiv als auch negativ beeinflussen könne.

Alfi-Chef Bernhard Mittelmann nannte als Ursache den dramatischen Umsatzrückgang im vergangenen Jahr. Die Erlöse seien um eine zweistellige Prozentzahl unter die 20-Millionen-Euro-Marke gesunken. Unter diesen Umständen sei die Produktion in Wertheim betriebswirtschaftlich nicht mehr sinnvoll. Ohnehin sei die „Eigenfertigung von Metallkannen in Deutschland eine Besonderheit“. Bei den meisten hiesigen Unternehmen sei sie bereits – meist nach Asien – ausgelagert.

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Alfi ist laut Mittelmann „Druck von allen Seiten“ ausgesetzt. Die Konsumenten orderten die Produkte statt im stationären Handel verstärkt im Internet, was zu einer „Preiserosion durch Wettbewerb“ geführt habe. Der deutsche Verbraucher sei „trotz aller Lippenbekenntnisse ein Smart-Shopper“, achte extrem auf den Preis. Hinzu komme der schwächelnde Export in die EU-Länder und den Nahen Osten. Auch deswegen seien die verkauften Stückzahlen erheblich zurückgegangen.

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Die Produktionskosten seien wiederum wegen der geltenden Tarifbindung zu hoch. Alfi sei eines der wenigen Wertheimer Unternehmen, das Tarifgehälter bezahle. „Wir stehen im internationalen Wettbewerb, haben aber die höchsten Arbeitskosten“, beklagt Mittelmann.

Arbeitnehmer und Arbeitgeber werden jetzt abermals über die Bedingungen des Personalabbaus verhandeln. Noch gilt der Interessensausgleich, der aus Anlass der ersten Entlassungswelle verhandelt worden war. Die Vereinbarung beinhaltet sogar eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2020, die aber unter diesen Umständen kaum zu halten sei, gibt Gewerkschafter Gans zu. Der Sozialplan (hier wird zum Beispiel die Höhe der Abfindungen geregelt) sei auch noch gültig. Die Bedingungen für eine Transfergesellschaft müssten, so Gans, neu verhandelt werden. Alfi habe signalisiert, der Gründung einer solchen Gesellschaft, in der Betroffene befristet unterkommen, zuzustimmen.

Weil die meisten älteren Arbeitnehmer schon vor einem Jahr mit einer relativ komfortablen Regelung in den Vorruhestand gehen konnten, seien jetzt vermehrt jüngere Kollegen in einem Alter von Mitte 40 betroffen, so die Betriebsratsvorsitzende Sylke Fischer. Mit Blick in die Zukunft peilt Geschäftsführer Mittelmann nach der Maßnahme eine Verdoppelung des Umsatzes an: „Das erwarten die Gesellschafter.“ Das verbleibende Team ziehe in das jetzige Commercial Center“. Die anderen Gebäude würden verkauft oder vermietet. Alfi werde nach der Maßnahme gut aufgestellt sein.

Ob das tatsächlich der Fall ist? Kurz vor Weihnachten 2017 sagte er: „Wir bauen das Fundament für eine sicher Zukunft des Unternehmens, für sicher Arbeitskräfte, für mindestens 100 Beschäftigte.“

Redaktion Teamleiter Redaktion Wertheim