Flüchtlinge - Kurdische Asylbewerber aus dem nördlichen Irak im Gespräch mit Weikersheimer GMS-Schülern Freiheit und Toleranz schätzen sie sehr

Von 
Hans-Peter Kuhnhäuser
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Viele Fragen hatten die Schülerinnen und Schüler des 5. und 6. Klassen der Weikersheimer Gemeinschaftsschule bei der Begegnung mit vier jungen Männern aus dem Nord-Irak. Mit dabei waren auch Direktorin Renate Böhrer, Bürgermeister Klaus Kornberger und der Vorsitzende des Weikersheimer Asylkreises, Wolfgang Albert.

© Kuhnhäuser

Weikersheim. Die vier Männer haben eine gefährliche Reise hinter sich. Aus dem vorwiegend von Kurden besiedelten Nord-Irak flüchteten sie nach Deutschland. In der Gemeinschaftsschule (GMS) erzählten sie über sich und ihre Flucht.

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Bereits am Dienstag hatten die Klassen 7 der GMS sowie die Klassen 8 und 9 der Werkrealschule Weikersheim die Gelegenheit, mit drei Flüchtlingen aus dem Irak zu sprechen. Von dem, was die Iraker berichteten, "waren die Kinder sehr beeindruckt", berichtet Rektorin Renate Böhrer. Die Siebtklässler wollen nun im Rahmen eines Projektes ein Begegnungsfest organisieren.

Am Freitag konnten die Kinder der 5. und 6. Klassen der Gemeinschaftsschule ihre Fragen stellen, und diesmal gaben vier junge Kurden aus dem Nord-Irak bereitwillig Auskunft. "Ich bin Hudrin", stellte sich der erste auf Deutsch vor. Auch Driman, Ashi und Shemal stellten sich in der für sie fremden Sprache vor. Etwas nervös sind sie da noch, aber schnell legt sich das. Man merkt ihnen an, dass sie dankbar sind, über sich und ihr Leben sprechen zu können. Die Tage in der Containersiedlung sind nicht sehr abwechslungsreich, der Deutschunterricht ist ebenso wie deie Begegnung mit den Schülern eine willkommene Abwechslung. Und der Kontakt zu den Weikersheimern, etwa die Betreuung durch die Mitglieder des Asylkreises, ist ihnen wichtig. Dass gerade Kinder wissen wollen, warum sie geflohen sind und wie die Flucht verlief, nennt Bürgermeister Klaus Kornberger - er war neben Rektorin Renate Böhrer und dem Vorsitzenden des Asylkreises Weikersheim, Wolfgang Albert, mit dabei - eine "tolle Sache. Begegnung und Kontakt sind wichtig, nur so lassen sich Ängste abbauen. Schüler sind da ideale Multiplikatoren", sagt der Bürgermeister hinterher im Gespräch mit unserer Zeitung. "Ich bin sehr dankbar, dass die Werkreal- und Gemeinschaftsschule diese Begegnung möglich machen."

Die Flüchtlinge sind noch nicht lange in Deutschland, da fällt das Reden und das Verstehen noch schwer. Welch ein Glück, dass es an der Gemeinschaftsschule eine junge Lehrerin gibt, deren Eltern vor Jahren aus dem Nord-Irak nach Deutschland kamen und die deshalb Kurdisch spricht. Die Lehrerin beherrscht sogar den Dialekt, der in der Region gesprochen wird, aus der die vier jungen Männer kommen. Raz Bazianiy konnte so den Part der Dolmetscherin übernehmen, und sie tat das mit großem Engagement. Zudem gab sie auch erklärende Hinweise. Vieles, was bei uns selbstverständlich ist, ist esim Nord-Irak nicht - und umgekehrt. Begegnung sorgt somit für Wissen und Verständnis.

3000 Kilometer unterwegs

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Ob den schon einmal jemand in Ägypten, Tunesien oder der Türkei war, fragt Baziany in die Runde. Da strecken gleich einige der Kinder die Hand hoch. Aber so richtige Begegnungen mit der orientalischen Kultur hatten die Kleinen nicht. Damit hatte die Lehrerin und Dolmetscherin auch schon die Brücke gebaut - nur noch die Kilometer, die die Flüchtlinge zurücklegen mussten, will sie von den Kindern wissen. Die schätzen eifrig, die Spanne reicht von 2500 bis 4000 Kilometern. "3000 sind richtig", und in den Gesichtern der Kinder ist zu sehen, dass die Zahl beeindruckt.

Auf der großen Landkarte soll ein Mädchen Deutschland und den Irak zeigen, und mit ein bisschen Hilfestellung klappt das auch. "Wie habt ihr in eurer Heimat gelebt", fragt ein anderes Mädchen, und die jungen Männer geben Auskunft: Keiner war bzw. ist verheiratet, alle lebten sie noch bei ihren Eltern - "dort ist das so üblich", erklärt Baziany. Erst nach der Hochzeit wird eine eigene Wohnung oder ein Haus bezogen. Einer war in der irakischen Armee, einer bei den Peschmerga - die beiden erzählen nicht mehr über ihre Vergangenheit. Ohne es zu sagen, wird deutlich, dass sie belastet, was sie erleben mussten. Der dritte arbeitete als Bäcker und der vierte war als Verkäufer für eine Firma tätig; sie flohen wegen der allgemeinen Umstände, wegen zunehmender Gewalt, dem IS-Terror und wachsender Unterdrückung. "Seit ich lebe, ist die Situation in unserer Heimat schlimm", sagt Hudrin. Und seit der hemmungslos mordende IS auftritt, ist es noch viel schlimmer geworden. Als Soldat musste er fliehen, sagt Hudrin. Der ex-Peschmerga Driman, der eigentlich Schauspieler und Theaterdarsteller ist, wollte einen Befehl nicht ausführen - auch er musste fliehen. Der Entschluss zur Flucht reifte bei allen über eine gewisse Zeit. Die tatsächliche Entscheidung fiel dann, wie sie berichten, jeweils innerhalb weniger Stunden.

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Die Lebensumstände in weiten Teilen des Nord-Irak sind unerträglich, erfahren die Kinder. Driman ist schon das zweite Mal geflüchtet, einst gingen seine Eltern in die Türkei und kehrten dann zurück. Unterdrückung, Tod und Elend haben sie alle in ihrer Heimat erlebt, und auch auf der Flucht waren Gefahr, vereinzelt sogar der Tod, ständige Begleiter. Sie alle haben Eltern und Verwandte zurücklassen müssen - "wer kann, kommuniziert mit E-Mail oder Facebook. Deshalb ist das Smartphone auch so wichtig", erklärt die Lehrerin. Wie es denn so gewesen sei auf der Flucht, wollen die Schüler wissen. Da berichten die Kurden von den abenteuerlichen Routen - mit dem Bus oder Auto in die Türkei, mit dem Boot übers Meer nach Griechenland, von dort weiter über Bulgarien, Serbien und Ungarn nach Österreich und dann schließlich nach Deutschland. In Bulgarien wurden sie geschlagen, in Serbien half ihnen die Bevölkerung, und in Ungarn wurde einer von ihnen eingesperrt - die Polizisten wollten sein Geld, das er ihnen dann geben musste, um freizukommen. "Die Schlepper haben allesamt kein Interesse an uns gehabt, die wollten alle nur Geld machen", sind sich die jungen Männer einig.

Erst einmal Deutsch lernen

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Ob sie denn eines Tages zurückkehren wollen? "Wenn die Lage sich bessert und ein politischer Frieden wie in Europa ist, dann ja", sagen zwei, einer ist unentschieden und der vierte hat keinen Grund, zurückzukehren - die dortigen Machthaber vergessen nicht. Aber die Lage vor Ort sei auf absehbare Zeit schlecht. Und so wollen Hudrin, Driman, Ashi und Shemal zunächst einmal Deutsch lernen - "das ist ganz wichtig!" - und eine Arbeit finden. "Ich mache alles", sagt Ashi, der seit seinem 14. Lebensjahr gearbeitet hat. Damir würde gerne Schauspieler bleiben, vielleicht auch studieren. Shemal war in seiner Heimat ein guter Verkäufer, er kann sich vorstellen, das auch hier zu machen. Und Hudrin war vor seiner Zeit als Soldat Maler. "Wenn ich das hier machen könnte, wäre das schön." Weikersheim ist den jungen Männern bereits ein bisschen zur Heimat geworden, erfahren die Kinder. Und auch, dass die jungen Männer allesamt sunnitische Moslems sind, aber nicht allzu religiös leben. "Ich glaube an Gott", sagt Shemal. Aber ansonsten hält er es mit den Regeln recht locker, ebenso wie seine Landsleute. Mit religiös motivierter Gewalt, das machen die Männer deutlich, wollen sie nichts zu tun haben. Dass man in Deutschland angstfrei seine Meinung sagen könne und dass Toleranz herrsche, wissen sie zu schätzen.

Klar wurde bei dieser Begegnung, dass es mehr als genug gute Gründe gibt, beispielsweise den Irak zu verlassen. Die Gefahren, die die Menschen auf der Flucht auf sich nehmen, sind erheblich. Dazu kommen die Sorgen um die zurückgebliebenen Eltern und Verwandten.