Lesung und Diskussion im club w 71 - Autor Klaus Theweleit stellte sein neues Buch "Das Lachen der Täter: Breivik u.a." vor "Der Kern jedes Killers ist die Angst"

Von 
Bettina Semrau
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Was sind das für Menschen, die lachend töten: Der Autor Klaus Theweleit geht dem Phänomen in seinem neuen, im Residenz-Verlag erschienenen Buch "Das Lachen der Täter: Breivik u.a.", das er jetzt im club w 71 in Weikersheim vorstellte, auf die Spur.

© Michael Weber-Schwarz

Weikersheim. Puh, das war harte Kost extremster Sorte, die Klaus Theweleit den Zuhörern im club w 71 da zumutete. Sein Buch "Das Lachen der Täter: Breivik u. a." beschreibt den Typus des feixenden Mörders.

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Man kann kaum hinhören, möchte sich stellenweise am liebsten die Ohren zuhalten oder besser gleich flüchten, wenn der 74-jährige Autor aus seinem Buch vorliest. Von abartigen, unfassbaren Gräueltaten berichtet. Verübt - und das hebt die Schilderungen in eine unerträgliche Dimension - von lachenden, grinsenden, lauthals feixenden Tätern.

Die gab es im Lauf der Geschichte zuhauf, wie Theweleit in seinem Buch, einem "Psychogramm der Tötungslust", wie er es nennt, nachweist. Nicht nur im Zweiten Weltkrieg, bei den Massakern in Ruanda, dem Terror der Roten Khmer in Kambodscha, im Irak, auch Mitte der sechziger Jahre in Indonesien, als Militär und Mob Hundertausende Anhänger der Kommunistischen Partei umbrachten, dokumentiert von dem Filmemacher Joshua Oppenheimer in dessen Film "The Act of Killing", auf den Theweleit in seinem Vortrag intensiv eingeht.

Dieses verstörende Lachen war es, das Theweleit interessierte, ihn nach den Menschen dahinter - ausnahmslos Männer übrigens - fragen ließ. Welche Persönlichkeitsstruktur muss man haben, wenn man Lust am Quälen und Töten empfindet?

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Anders Behring Breivik ist so ein Mensch. Als er am 22. Juli 2011 auf der norwegischen Insel Utøya in einer Stunde 69 Menschen erschoss, konnten die Jugendlichen, die sich mit einem Sprung ins Wasser vor ihm in Sicherheit bringen wollten, hinter sich das Gelächter des Killers hören. "Von dem schmalen Felsvorsprung, hinter dem Tonje Brenna kauerte, konnte sie hören, wie der Schütze jubelte, sobald er jemanden getroffen hatte: 'Juhuu', schrie er wie ein Fußballfan, wenn ein Tor fiel", zitiert Theweleit einen englischen Reporter, der mit einer Überlebenden gesprochen hatte. Theweleit macht hinter dem "lachend Tötenden" einen bestimmten aus. Es sind Männer, oft zwischen 15 und 30 Jahre alt und unfähig, "irgendeine Emotion für irgendwen oder irgendwas außerhalb ihrer selbst" aufzubringen.

Zum Töten, findet Theweleit in seinen Untersuchungen heraus, "braucht man eine bestimmte körperliche Disposition: eine Art zerstörte Körperlichkeit mit der Dauerangst, psychisch zu fragmentieren. Glücklicheren Menschentypen wäre das unangenehm, in die Haut des anderen einzudringen und das Blut spritzen zu lassen. Jeder macht das nicht; zumindest nicht mit Lust."

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Menschen, die sowas tun, haben selbst Qual, Schmerz und Unterdrückung erfahren, die ihre Persönlichkeit zerfallen ließ. Ihr Inneres ist diffus, instabil. Ihnen fehlt "die lustvolle Besetzung der Körperperipherie". "Der Kern jedes Killers ist die Angst", ist Theweleit überzeugt. Gewalt dient hier als Spannungsausgleich, als Möglichkeit, verlorene Kontrolle wiederzugewinnen.

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Schon in seinem Buch "Männerphantasien", Theweleits 1977 in zwei Bänden erschienene Doktorarbeit, analysierte der Autor faschistische Männlichkeits- und Gewaltphantasien von Soldaten in mehr als 250 Romanen und Erinnerungen.

Sein vielbeachtetes und vielzitiertes Werk ist nicht nur eine Aufarbeitung des Nationalsozialismus', es gilt außerdem als eines der ersten Werke der Männerforschung.

Auch in seinem aktuellen Buch interessiert sich Theweleit weniger für den individuellen Fall, als vielmehr für das Tatschema, das immer dem gleichen Muster folgt: Zunächst vollziehen die Täter den Gewaltakt in der Überzeugung, im Namen eines "höheren Rechts" (Rassenideologie, Religion, moralische Überzeugung) zu handeln, das über jeglicher Gesetzlichkeit steht. Ihre Opfer, davon sind sie überzeugt, verdienen den Tod. Sie stellen ihre Taten in der Öffentlichkeit zur Schau, dann feiern sie lachend ihre Tat und bejubeln den tatsächlichen oder wie bei Breivik imaginierten Zusammenschluss mit einer übergeordneten Organisation. "Die Killer fügen sich zu einer machtvollen Einheit zusammen und erleben darin ihr zentrales Glückserlebnis", sagt Theweleit.

Breivik beispielsweise handelte im Namen der "Bruderschaft der Tempelritter", die Dschihadisten im Namen eines Kalifats, das sie "Islamischer Staat" nennen und die SS bezog ihre "Legitimation" daraus, einer "höheren Rasse" anzugehören. Theweleit warnte davor, diesen Tätertyp mit dem "Patienten" zu verwechseln und ihn zu einem Kranken oder Irren zu mache. Damit verschließe man die Augen vor der Erkenntnis, dass Mord kein Ausnahmefall, sondern vielmehr Teil jeder Gesellschaft ist.

Verhinderbar ist diese Verrohung nur durch eine Gesellschaft, die funktionierende Beziehungen fördert, Halt gebende Gruppenerlebnisse ermöglicht, ist Theweleit überzeugt. "Man kann nur Sorten von Umgebungen schaffen, in denen sich so etwas nicht anbietet", sagt der Autor. Die Verrohung sei nur von vorneherein zu verhindern, aber nicht zu heilen, ist Theweleits ernüchternde Überzeugung: Ist die Persönlichkeit einmal in Fragmente zerfallen und der Prozess in Gang gesetzt, gibt es kein Zurück mehr.

Redaktion