90. Geburtstag - Torwartlegende Harry Wellm ist auch heute noch auf den Sportplätzen im Taubertal anzutreffen Der Fußball ist seine große Leidenschaft

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Die Leidenschaft für den Fußball ist unverändert groß: Torwartlegende Harry Wellm feiert am heutigen Samstag in Elpersheim seinen 90. Geburtstag.

Vor 20 Jahren stand er noch im Tor der Weikersheimer Seniorenfußballer: Stolz zeigt Harry Wellm anlässlich seines 90. Geburtstag noch einmal das Trikot, das er damals als Geschenk erhielt.

© Helmut Wörrlein
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Elpersheim. Nach Kriegsende wurde das Taubertal seine zweite Heimat, fast ein halbes Jahrhundert währte hier seine erstaunliche Torwartkarriere, und der Sport hat ihn jung gehalten: Der gebürtige Ostpreuße und Wahl-Elpersheimer Harry Wellm, seit zwei Jahrzehnten Ehrenmitglied des TSV Weikersheim, feiert heute im großen Familienkreis seiner vier Kinder, neun Enkel und 13 Urenkel seinen 90. Geburtstag.

Harry Wellm erblickte am 21. Januar 1927 in Elbing /Ostpreußen das Licht der Welt. In der nahe der Ostsee gelegenen Stadt wuchs er zusammen mit drei Geschwistern auf, besuchte die Schule und machte eine dreijährige Ausbildung zum Kfz-Schlosser. Seinen Beruf konnte er in der Heimat aber nicht mehr ausüben, denn mit 17 rief der Reichsarbeitsdienst (RAD). Als junger Soldat wurde er danach ins österreichisch-italienisch-jugoslawische Grenzgebiet geschickt - sein Zug sollte dort Partisanen bekämpfen. "Diese waren aber so gut organisiert und informiert, dass sie schon über alle Berge waren, wenn wir unsere Zielorte erreichten", ist der Jubilar noch heute erleichtert, dass er nie in die Lage kam, die Befehle umsetzen zu müssen.

Das Ende des Krieges erlebte er in den Bergen Tirols, wo es ihm und einigen seiner Kameraden gelang, sich sowohl vor eigenen als auch amerikanischen Soldaten zu verstecken. In Bad Reichenhall gerieten sie dann schließlich unversehrt in Gefangenschaft, auf LKWs wurden sie aus diesem Sammellager abtransportiert und kamen, nach Zwischenstation in Ulm, in ein Gefangenenlager nach Heilbronn. Die Entlassung aus diesem Lager, in dem fast ausschließlich 18-und 19-Jährige kaserniert waren, war nur unter Angabe einer Kontaktadresse möglich. Harry Wellm gab die eines Kameraden aus der Oberpfalz an und kam so im Herbst 1945 nach Tirschenreuth, wo er auf einem Bauernhof bei der Kartoffelernte mitarbeitete.

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Nach vier Wochen ging's mit dem Zug nach Würzburg, von dort mit einem LKW nach Bad Mergentheim. In der Turnhalle in Igersheim verbrachte er die erste Nacht im Taubertal, ehe er in Elpersheim bei der Familie von Bürgermeister Friedrich Schmidt in einer Dachkammer unterkam. Drei Jahre verdiente er sein Geld als Knecht auf dem Hof seines Gastgebers.

Als Glücksfall erwies sich für Harry Wellm die Tatsache, dass Elisabeth Anna Pernitzky, die aus dem Sudetenland stammte, 1946 bei Familie Schmidt eine Anstellung als Kindermädchen erhielt und das zweite Dachzimmer im Haus bezog. Knapp vier Jahre später läuteten die Hochzeitsglocken - an Harrys 23. Geburtstag bei 20 Grad Minus und einem halben Meter Schnee. 55 gemeinsame Jahre verbrachte das Ehepaar bis zum Tod von Elisabeth Anna Wellm 2005, aus der Ehe gingen zwei Söhne und zwei Töchter hervor.

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Familie Wellm fühlte sich wohl in Elpersheim, ab 1953 im eigenen Haus. Auch beruflich war der Jubilar in der Taubertalgemeinde zuhause, als Betriebsschlosser und Fahrer hatte er 36 Jahre lang in der Molkerei Elpersheim immer wieder Gelegenheit,seine handwerklich-praktischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Ebenfalls einen nicht zu unterschätzenden Beitrag, dass Elpersheim zur zweiten Heimat von Harry Wellm wurde, leistete der Sport. Rein zufällig wurde man auf sein großes Talent aufmerksam, und als die Markelsheimer Handballer 1948 einen Torwart suchten, klopften sie erfolgreich bei Harry Wellm an. Dieser bewährte sich glänzend und nach besonderen Leistungen in einem Freundschaftsspiel gegen den VfB Bad Mergentheim warben die Badestädter um ihn. Harry Wellm ließ sich breitschlagen, nachdem ihm die als "Ablöse" gewünschte Arbeitsstelle in einer Bad Mergentheimer Spedition zugesagt wurde.

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Nach seinem Engagement beim VfB spielte er noch ein Jahr in Markelsheim, ehe der Feldhandball den Spielbetrieb einstellte. Mit Hallenhandball hatte und hat Harry Wellm nach eigenem Bekunden nichts am Hut - er wandte sich dem Fußball zu, schloss sich dem TSV Weikersheim an und spielte dort von 1951 bis 1968 in der 1. Mannschaft in der A-Klasse (heute Bezirksliga), auch als Feldspieler, aber in erster Linie im Tor. Als Rückhalt seines Teams brachte er die gegnerischen Stürmer oft schier zur Verzweiflung, in einem Derby gegen den VfB Bad Mergentheim hielt er sogar gleich drei Elfmeter. "Immer Ruhe bewahren, sich nicht zu früh bewegen sondern zunächst genau den Blick und die Fußhaltung des Schützen beobachten", benennt er sein Erfolgsrezept. Dazu kam eine enorme Sprungkraft - "die hatte ich, weil ich mich schließlich ziemlich regelmäßig von den selbst gezüchteten Hasen ernährt habe", erläutert er humorvoll. Eigentlich wollte Harry Wellm als 41-Jähriger seine aktive Laufbahn beenden und sich ganz auf den Seniorenfußball konzentrieren, doch als Anfang der 70-er die Fußballabteilung des SV Elpersheim gegründet wurde, stellte er sich nicht nur als Trainer zur Verfügung, sondern auch nochmals in den Kasten. Bis 1974 spielte er in der 1. Mannschaft des SV Elpersheim, übrigens zusammen mit Sohn Rüdiger, der im gleichen Team Stürmer war. Im Alter von 48 Jahren ging's dann zurück zu den Senioren des TSV Weikersheim, für die er im Tor noch seinen Mann stand, als er sage und schreibe schon 70 Lenze auf dem Buckel hatte. Selbst heute kann er's noch nicht ganz lassen, im Spiel seiner Urenkel gelegentlich sowohl als Mitspieler als auch als "Trainer" mitzuwirken. Als Zuschauer ist der in jeder Hinsicht rüstige Neunziger dem lokalen Fußball natürlich auch noch erhalten. "Ich suche mir jetzt allerdings gezielt Begegnungen raus, von denen ich erwarte, dass ich mich nicht so viel ärgern muss." Mit Kritik hält er nicht hinterm Berg, vor allem wenn er viele Fehlpässe sieht und er den Akteuren fehlendes Auge bescheinigen muss. "Ich bin ein Freund des gepflegten Fußballs". Auf der Suche danach ist der konstruktive Kritiker an manchen Sonntagen nicht nur auf einem Sportplatz im Einzugsgebiet zwischen Creglingen und Bad Mergentheim zu Gast. Dass ihm dies noch lange sein möge, ist einer der vielen guten Wünsche zum runden Geburtstag von Harry Wellm. Den Glückwünschen schließt sich auch unsere Zeitung gerne an. H.W.