Historische Persönlichkeit - FN-Gespräch mit Gerhard Eisner, dem Enkel von Kurt Eisner / Erster bayrischer Ministerpräsident „Vorreiter der Republik in Deutschland“

Von 
Ralf Marker
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Walldürn. Kurt Eisner hat am 8. November 1918 in München die Republik ausgerufen und damit Geschichte geschrieben. Sein Enkel Gerhard Eisner ist stolz auf seinen Großvater und dessen historische Rolle.

Gerhard Eisner, der Enkel von Kurt Eisner, hat sich intensiv mit dem Leben und Wirken seines Großvaters beschäftigt. © Ralf Marker
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So richtig zufrieden war er mit der Bewertung von Leben und Wirken von Kurt Eisner aber nicht immer – und ist es manchmal bis heute nicht, wie er im Gespräch mit den FN sagt. Er sieht dessen Rolle nicht immer richtig gewürdigt. Gerhard Eisner lebt seit 1984 in Walldürn und hat sich viel mit seinem berühmten Großvater beschäftigt.

Stationen aus dem Leben von Kurt Eisner

  • Kurt Eisner wurde am 14. Mai 1867 in Berlin geboren, gestorben ist er am 21. Februar 1919 in München
  • Er war vom 8. November 1918 bis zu seinem gewaltsamen Tod nach einem Attentat der erste Ministerpräsident des Freistaats Bayern
  • Neben seinem Wirken in der Politik hatte er sich auch als Journalist und Schriftsteller einen Namen gemacht
  • Während der wilhelminischen Ära des Kaiserreichs hatte er Ende des 19. Jahrhunderts mit monarchiekritischen Artikeln und Publikationen auf sich aufmerksam gemacht
  • Von 1898 bis 1917 war Eisner Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). 1917 trat er aus Opposition gegen die deutsche Kriegspolitik und die sozialdemokratische Burgfriedenspolitik zur Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) über
  • Eisner rief nach dem Sturz des letzten bayerischen Königs am 8. November 1918 die bayerische Republik als „Freistaat“ aus
  • Von der Versammlung der Arbeiter- und Soldatenräte wurde er zum Ministerpräsidenten gewählt.

Historische Bedeutung erlangte Eisner als Anführer der Novemberrevolution 1918 in München – einer unblutigen Revolution in Bayern. Nach dem Sturz des letzten bayerischen Königs Ludwig III. rief er am 8. November die bayerische Republik als Freistaat aus. Was ihm das Leben gekostet hat: Sein Großvater fiel einem Attentat zum Opfer. Er wurde auf dem Weg zum Landtag auf offener Straße erschossen.

Mit seiner Aktion war Eisner einen Tag früher dran als der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann. Der rief die Republik in Deutschland am 9. November aus. Und am gleichen Tag tat dies auch noch Karl Liebknecht, der Führer des Spartakusbundes. Während die Namen Liebknecht und Scheidemann heutzutage noch geläufig sind, sieht das bei Kurt Eisner anders aus. Zu Unrecht, wie Gerhard Eisner findet. Denn Kurt Eisner ist für ihn „der Vorreiter der Republik“ in Deutschland, der Gründer.

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„Es war aber auch ein Drama“, sagt Gerhard Eisner leicht schmunzelnd. „Da kommt ein Kurt Eisner aus Berlin. Er ist Jude, Sozialdemokrat, Journalist und Literat, hat von Politik viel Ahnung – und ruft dann in München die Republik aus.“ Mit dieser Konstellation hat man sich in Bayern lange schwergetan – und tut es manchmal auch bis heute noch.

Der Name Eisner hat es der Familie nicht immer leicht gemacht. Geboren wurde Gerhard Eisner 1943 in Berlin. „Eine schwere Zeit“, nennt Eisner die relativ kurze, aber doch zu lange Herrschaft der Nazis. Einmal wegen der politischen Rolle des Großvaters – und natürlich weil er Jude war. Schikanen und Verfolgung gab es, ein Onkel wurde im Konzentrationslager Buchenwald ermordet. Manche Angehörige sind ins Ausland geflüchtet.

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Da half es auch nichts, dass der Großvater 1908 seine Familie mit fünf Kindern als freireligiös erklärt hatte. Auf solche Unterscheidungen wurde in der Zeit von 1933 bis 1945 nur wenig Wert gelegt. Schon vor dem Ersten Weltkrieg wohnte die Familie in Nürnberg und erhielt 1933 von der Gestapo eine Vorladung und musste innerhalb von 24 Stunden das Land Bayern verlassen und ging nach Berlin. Ab 1946 wohnten sie wieder in Nürnberg.

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An der Volksschule hatte es Gerhard Eisner nicht immer leicht. „Der Rektor kannte meine Abstammung und hat mich das mit dem Rohrstock spüren lassen. Erst als mein Vater eingeschritten ist, wurde es etwas besser. Ich wurde nur noch mit Verachtung bestraft.“ Direkt mit seinem berühmten Großvater konfrontiert wurde er dann erst viele Jahre später. In den 1970er Jahren standen in seiner Firma Betriebsratswahlen an – „und ein Kollege kannte meine Geschichte und sagte: ,Der Eisner muss in den Betriebsrat.’ Was dann auch klappte.“

Austausch mit der Schwester

„Mein Großvater bedeutet mir sehr viel. Und ich habe mich intensiv mit seinem Leben beschäftigt.“ Dabei hat er sich viel mit seiner Schwester Freya ausgetauscht, die das Leben des Großvaters und seine historische Rolle ausgearbeitet hat. „Und sie hat sich über Jahrzehnte bemüht, einige Dinge richtigzustellen“, so Gerhard Eisner weiter.

Lange Zeit wurde Kurt Eisner nicht die Aufmerksamkeit zuteil, die er aufgrund der wichtigen historischen Ereignisse, die er auslöste, verdient gehabt hätte. Jetzt, im Jubiläumsjahr der Ereignisse in München, hat sich das etwas gewandelt, sagt Gerhard Eisner.

Es gab eine Reihe von Ausstellungen, Artikel in diversen Publikationen. „Und sogar die CSU kennt jetzt Kurt Eisner“, den Gründer ihres Freistaats, so sein Enkel.

Sein Großvater hat ihm im November auch einen Auftritt im Fernsehen beschert. „Ich trage einen großen Namen“ heißt die von Wieland Backes moderierte Sendung im SWR-Fernsehen.

Dabei muss ein Rateteam den Vorfahren herauskriegen. Im Fall von Gerhard Eisner haben sie es nicht geschafft. „Nach der Sendung wurde ich in Walldürn häufiger angesprochen. Auch auf meinen Großvater.“

Gedichtband im Blick

Gerhard Eisner wird sich weiter mit seinem Großvater beschäftigen. Derzeit ist er dabei, einen 132-seitigen Gedichtband von Kurt Eisner zu übersetzen. „Alles in Sütterlin geschrieben. Das macht es schwierig. Es ist aber eine sehr interessante Lektüre, die auch Einblicke in das Seelenleben meines Großvaters bietet.“

Redaktion Stellvertretender Redaktionsleiter Buchen, zuständig für Walldürn.