AdUnit Billboard
Bei der Digeno - Tobias Frick ist Schuldnerberater bei der landkreiseigenen Einrichtung / Leute sollten sich früher beraten lassen

Schuldnerberatung: „Die allermeisten Leute sehe ich kein zweites Mal”

Lesedauer: 
Tobias Frick berät als Schuldnerberater bei der kreiseigenen Digeno Menschen, die in finanzieller Not sind. © Martin Bernhard

Neckar-Odenwald. Die Frau, die sich vor einiger Zeit an Tobias Frick wandte, war sehr verzweifelt. Sie und ihr Mann konnten ihre Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen. Die Frau hatte Angst davor, dass bald der Gerichtsvollzieher vorbeikommen würde.

AdUnit Mobile_Pos2
AdUnit Content_1

Der Schuldnerberater der kreiseigenen Digeno (Dienstleistungsgesellschaft des Neckar-Odenwald-Kreises) machte zunächst Kassensturz. Dabei ergab sich, dass der Dispositionskredit der Familie mit 500 Euro überzogen war. Außerdem belasteten Schulden von insgesamt rund 10 000 Euro das Ehepaar mit zwei Kindern. „Positiv war, dass die Gläubiger Ansprechpartner waren und nicht Inkassounternehmen“, stellt Frick fest.

Mehr zum Thema

Die wichtigsten News des Tages

FN Mittags Newsletter - Jetzt anmelden!

Mehr erfahren

Er handelte mit den Gläubigern Stundungen aus und vereinbarte niedrigere Monatsraten. Außerdem schlug er der Familie vor, ein Haushaltsbuch zu führen und Lebensmittel künftig in einem Tafel-Laden einzukaufen. „Die Frau ruft heute noch glücklich an, weil das alles sehr viel gebracht hat.“ Viele Klienten stellen nach einer erfolgreichen Beratung fest, dass sie schon vor zehn Jahren diesen Schritt hätten machen sollen. „Die allermeistern Leute sehe ich kein zweites Mal mehr.“

Derzeit beraten die Mitarbeiter der Schuldnerberatung, die mit insgesamt zweieinhalb Planstellen ausgestattet ist, rund 500 Personen. Beratungen erstreckten sich durchschnittlich über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren und 30 Beratungsgespräche. „Ziel ist es, die finanzielle Handlungsfähigkeit wieder herzustellen“, erläutert Frick.

AdUnit Mobile_Pos3
AdUnit Content_2

Die Corona-Pandemie habe sich auf die Statistik der Schuldnerberatung bisher nicht ausgewirkt, sagt der Schuldnerberater. „Das Thema Corona wird bei uns wahrscheinlich noch kommen“, meint er. „Denn die Leute kommen erst dann zu uns, wenn alles ausgeschöpft ist.“ Wie Frick erläutert, seien seine Klienten 25 bis 39 Jahre alt, stünden mehrheitlich bei fünf Gläubigern in der Kreide und hätten bis zu 10 000 Euro an Schulden angehäuft.

Oft würden sie vom Jobcenter, von Beratungsstellen der Caritas oder Diakonie oder von kommunalen Verwaltungen zur Schuldnerberatung geschickt. Die verschuldeten Haushalte bestehen zu einem überwiegenden Teil aus zwei Erwachsenen und einem Kind. „Das Problem sind Konsumschulden“, stellt Frick fest. Die Haushalte verfügten langfristig über ein niedriges Einkommen und über keine Rücklagen. „Ich würde mir wünschen, dass die Leute früher zu uns kommen. Dann könnte man das kleine Problem klein bleiben lassen.“

Schulden geerbt

Wer seine Arbeitsstelle verliert und absehen kann, dass er seine Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen kann, sollte sofort einen Termin mit einem Schuldnerberater vereinbaren. Auch die Gläubiger verhielten sich entgegenkommender, wenn man zeitig mit ihnen Kontakt aufnehme. Immer wieder melden sich auch Personen bei Tobias Frick, die durch eine Ehescheidung in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind oder Schulden geerbt haben. Tobias Frick weist daraufhin, dass man ein Erbe innerhalb von sechs Monaten nach Kenntnisnahme des Todesfalls ausschlagen könne.

Privatinsolvenz

Das Verfahren der Privatinsolvenz läuft nach Angaben von Schuldnerberater Tobias Frick folgendermaßen ab:

Dauer des Verfahrens: drei Jahre. Innerhalb dieser Zeit muss der Schuldner sein Vermögen einsetzen, um die Schulden zu tilgen. Nach den drei Jahren wird die Restschuld erlassen.

Wohlverhalten: Der Schuldner muss alles dafür tun, um seine Schulden abzubezahlen.

Insolvenzverwalter: Das Verfahren wird betreut von einem vom Gericht bestimmten Rechtsanwalt. Dessen Honorar muss der Schuldner bezahlen, spätestens am Ende des Verfahrens.

Kosten für Insolvenzverwalter: laut Fabian Frick rund 2000 Euro. mb

„Manche Leute wissen gar nicht, was sie an Schulden haben“, hat Frick festgestellte. Manche bringen einen Schuhkarton mit Unterlagen mit. „ Das belastet mich so“, stellten die Klienten häufig fest. Nach den Worten von Frick geht es bei der Beratung zunächst darum, sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen. „Wohin geht das Geld?“ oder „Wie geht es den Menschen?“ seien wichtige Fragen. Am Anfang legt er gemeinsam mit seinen Klienten ein Ziel fest und stellt einen Plan auf. Bei Bedarf stellt er den Kontakt zu einer Suchtberatung oder zur Familienhilfe her. „Das Hauptproblem ist, dass man heute nahezu alles mit Ratenzahlung finanzieren kann, auch Kleinstbeträge, zum Beispiel bei Zahlungsdienstleister im Internet“, sagt Frick.

AdUnit Mobile_Pos4
AdUnit Content_3

Vergleichsweise selten mussten Frick und seine Kollegen Klienten in den vergangenen Jahren die Privatinsolvenz empfehlen. Im Jahr 2019 waren es 40, im vergangenen Jahr 25 Verfahren. Dass die Zahl im Jahr 2020 geringer war, führt Frick darauf zurück, dass sich die Regelungen für Privatinsolvenz im Jahr 2021 verändert hätten. Das Verfahren dauert seitdem drei statt bisher sechs Jahre. Allerdings muss man jetzt mehr Vermögen einsetzen als bisher.

Schuldnerberater ist keine geschützte Berufsbezeichnung; deshalb kann sich jeder so nennen. Tobias Frick ist ausgebildeter Bankkaufmann und hat sich mit einem mehrwöchigen Zertifikatslehrgang qualifiziert. Auch Sozialpädagogen oder Juristen sind als Schuldnerberater tätig. „Man muss mit Menschen reden sowie gut mit Gläubigern verhandeln können und über juristische Kenntnisse verfügen“, sagt Tobias Frick.

Wer sich von der Schuldnerberatung des Neckar-Odenwald-Kreises kostenlos beraten lassen will, muss über einen Wohnsitz im Neckar-Odenwald-Kreis verfügen sowie Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld 2 beziehen. Falls man knapp über der Einkommensgrenze liegt, muss man selbst einen Anwalt für Schuldner- oder Insolvenzberatung beauftragen. Gegebenenfalls kann man einen Antrag auf Übernahme eines Teils der Kosten beim Sozialamt stellen.

AdUnit Footer_1
AdUnit Mobile_Footer_1