Mühle mit langer Geschichte - Spritzenmühle ist seit 1460 aktenkundig / Blick in die Annalen Höhle bot Soldaten Unterschlupf

Von 
Willi Gehrig
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Die idyllisch gelegene Spritzenmühle kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. © Maria Gehrig

Auf eine lange und interessante Geschichte kann die Spritzenmühle zurückblicken. Die Mühle wurde bis zum Jahr 2007 betrieben.

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Kaltenbrunn. Es gibt im Neckar-Odenwald-Kreis nicht viele Flecken, welche so idyllisch in eine Tallage eingebettet sind wie die Spritzenmühle, keinen Steinwurf entfernt von der Landesgrenze zu Bayern.

An der Mündung des Eichelbachs in die Kaltenbach, die zugleich die Landesgrenze bilden, liegt der Einzelhof, als Teil einer Triade von zwei weiteren ehemaligen Mühlen am Unterlauf des Kaltenbachs. Während die direkt nebeneinander liegenden Lauers- und Schulzenmühle, auf der anderen Seite des Kaltenbachs, flussaufwärts gelegen, 1810 aus dem gemeinsamen Staatsgebiet ausschieden und am 13. November zu Hessen sowie sechs Jahre später nach Bayern kamen, blieb die Spritzenmühle weiterhin badisch und gehörte bis zur Zwangseingemeindung 1975 zu Kaltenbrunn.

Idylle wurde jäh gestört

Einige Male, zuletzt am 22. Mai 1978, wurde die Idylle gestört, als sich meterhohe Wasserfluten durch das Tal wälzten und fast nahezu alles mit nahmen, was sich ihnen entgegenstellte, so auch die eigene Brücke über den Kaltenbach am 18. Mai 1966, die erst nach einem Kompetenzgerangel mit der bayerischen Behörde wieder aufgebaut werden konnte.

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Aufgrund eines Staatsvertrages besuchen die Kinder der Spritzenmühle bayerische Schulen, und auch die Post kommt von dort. Dafür ist es im Tausch mit dem grenznahen bayerischen Storchhof dort umgekehrt. Kirchlich gehört die Spritzenmühle zur Filiale Reinhardsachsen und damit zur Pfarrei Glashofen.

Den Mühlenbetrieb hielt man bis 2007 aufrecht, entgegen der beiden anderen Gehöfte, die zuvor schon längst das Mahlen aufgegeben hatten. Der nahe gelegene Teich diente früher als Wasserreserve für den Wasserantrieb. Heute dient der florierende, länderübergreifende Landhandel als einzige Existenzgrundlage.

Zwei getrennte Wege

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Früher führten zwei getrennte Wege von Kaltenbrunn aus zu den Mühlen hinab, ehe nach jahrzehntelangen, schwierigen Verhandlungen mit dem Freistaat Bayern 1891 die jetzige Kreisstraße mit der scharfen Kehre auf völlig neuer Trasse gebaut wurde.

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Bereits 1460 ist die Mühle aktenkundig, und seit der Einheirat von Johannes Adam Gärtner von der Gaimühle bei Riedern im Jahr 1726 kam es zu keinem Namenswechsel mehr. Schon im 18. Jahrhundert besaß die Mühle ein Pferdegespann, entgegen den anderen Landwirten, bei denen größtenteils erst anfangs des 20. Jahrhunderts die Ochsen als Zugtiere abgelöst wurden.

Nebenbei betrieben die Müllersleute eine Landwirtschaft mit Milchvieh sowie eine stark ausgeprägte Schweinemast und eine große Schafhaltung bis 2015. Schon seit Menschengedenken ist die Mühle autark, sie erzeugt über Wasserkraft ihren Strom selbst und ist auch von der kommunalen Wasserversorgung unabhängig.

Der „Schwarze Stein“

Westlich der Spritzenmühle, etwa 100 Meter von der Straße entfernt, auf bayerischem Gebiet, rechts der Klinge gelegen, findet man ein Naturdenkmal mit dem Namen „Schwarzer Stein“. Es ist ein geräumiger Unterschlupf, auch als „Zigeunerhöhle“ bekannt. Eine lange, breite Steinplatte lehnt schräg gegen die Felswand und bildet so eine Höhle. Diese misst auf dem Boden fünf Meter in der Länge und drei Meter in der Breite und war früher über mannshoch. Darin haben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch Leute gewohnt, Kohlenbrenner und Harzer, welche Pech, Wagenschmiere und Kienruß herstellten. Der letzte Bewohner hieß Schwarz und nach ihm hat die Höhle ihre Bezeichnung „Schwarzer Stein“ erhalten. Nach den Pfarrakten von Heppdiel wurde die erwähnte Person dort mit den Sterbesakramenten versehen, bevor sie starb und in Heppdiel beerdigt wurde.

Die Höhle war zu jener Zeit wohnlich eingerichtet. Damals war sie noch mit einer Stützmauer umgeben. Dadurch konnten sich die Bewohner einen Vorplatz schaffen für ein Gärtchen, um das Nötigste für die Küche bereitzustellen.

Vom Tal aus ist das am Steilhang befindliche Naturdenkmal nicht einzusehen, das von zahlreichen großen Felsblöcken umgeben ist und inzwischen unter der Erosion gelitten hat.

Besondere Bedeutung

1866, inmitten des deutsch-deutschen Kriegs, sollte diese Höhle für eine badische Kavalleriepatrouille eine ganz besondere Bedeutung erhalten, die bei Miltenberg von den rasch anrückenden Preußen angegriffen und versprengt wurde.

Drei Mann davon kamen mit ihren Pferden abgehetzt zur Spritzenmühle und erbaten von den Müllersleuten Unterschlupf und Schutz vor den Preußen, durch welche sie von ihrem Truppenteil abgeschnitten worden waren.

Der Müller erklärte den Bedrängten: „Ich kann euch unmöglich unter meinem Dache beherbergen. Die Preußen werden euch finden, und dann?“ Darauf führte er sie zum nahen „Schwarzen Stein“. Hier waren sie drei Tage lang gut geborgen. Die braven Müllersleute versorgten sie und ihre Pferde mit allem Nötigen.

Der Müller selbst kundschafte unterdessen nicht ohne Gefahr aus, dass ihre eigene badische Kavallerie inzwischen bei Pülfringen lag und zeigte den drei versprengten Schützlingen schließlich den richtigen Schleichweg durch die feindlichen Truppen.