Jahrestag der Deportation jüdischer Mitbürger - Deportation nach Gurs in Frankreich / Artikel von Walter Gramlich zum Gedenken an die jüdischen Mitbürger Walldürns Ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Stadt

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Walter Gramlich
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Walldürn. Aus diesem Anlass hat Walter Gramlich einen Artikel verfasst. Der frühere Studiendirektor unterrichtete an der Frankenlandschule und ist ein profunder Kenner der Stadtgeschichte.

Ein Gedenkstein zwischen der Basilika und dem ehemaligen Gasthaus „Rose“ erinnert an die Deportation. © Ralf Marker
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Der 22. Oktober 1940 ist einer der schwärzesten Tage in der Geschichte Südwestdeutschlands: Innerhalb nur weniger Stunden wurde nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung Badens, der Pfalz und des Saarlandes in das südfranzösische „Camp de Gurs“ deportiert, das größte Internierungslager in Frankreich. Ziel der sogenannten „Wagner-Bürckel-Aktion“ war es, die südwestdeutschen Gebiete als erste im Reich rasch und vollends „judenfrei“ zu machen. Die meisten der 6538 Deportierten kamen in den folgenden Jahren ums Leben.

Es geschah nicht im Dunkel der Nacht, sondern in aller Öffentlichkeit am 20. Oktober 1940, als die letzten in Walldürn verbliebenen jüdischen Mitbürger vom „Plan“ aus auf Lastwagen zu den Sammelplätzen in Mannheim und Karlsruhe gebracht und von dort in Sonderzügen über Freiburg und Belfort in das unbesetzte Frankreich abgeschoben werden, so Walter Gramlich.

Die Ausweisung der Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland wird im Oktober 1940 von den beiden Reichsstatthaltern von Baden und Saarpfalz, Robert Wagner und Josef Bürckel, angeordnet. Diese Aktion, von Gestapo und Regierungsstellen von langer Hand und unter strenger Geheimhaltung vorbereitet, trifft auch die letzten zwölf jüdischen Mitbürger Walldürns völlig überraschend.

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Elise Kahn (*1890), Hubert Kahn (*1922), Irene Kahn (*1924), Leopold Kahn (*1895), Regine Kahn (*1867), Sitta Kahn (*1925), Eduard Neuberger (*1869), Emil Strauß (*1860), David (*1901) und Lydia Zimmern (*1898) sowie ihre beiden Kinder Felice und Beate werden von ihrer Ausweisung erst unmittelbar von dem Abtransport am 20. Oktober 1940 unterrichtet.

Nur das Nötigste darf mitgenommen werden: 20 bis 50 Kilogramm Gepäck und 100 Reichsmark, die in Mühlhausen in 200 Franc umgetauscht werden. Der Hitler ergebenen französischen Vichy-Regierung hat man von diesem Ausweisungstransport noch nicht einmal Kenntnis gegeben.

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So ist auch die Aufnahme der circa 6500 Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland nicht vorbereitet. Ihre tagelange Zugfahrt endet schließlich in Orion-Sainte Marie unweit des Wallfahrtsortes Lourdes am Fuße der Pyrenäen.; in langen Lastwagenkolonnen werden die Deportierten in das kleine Dorf Gurs gebracht.

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Das dort schon im Mai 1938 für Flüchtlinge aus dem Spanischen Bürgerkrieg provisorisch eingerichtete Internierungslager wird nun zum KZ und Gefangenenlager, das mit rund 13 000 Inhaftierten rasch überbelegt ist. Strömender Regen, Kälte, eine völlig unzureichende Ernährung, katastrophale hygienische Bedingungen und fehlende Medikamente führen 1941/42 zu Epidemien und Massensterben. Zu den Opfern gehört auch der ehemalige Walldürner Sonnenwirt Eduard Neuberger (gestorben am 16. Oktober 1941).

Mit der Verlegung von Gefangenen in andere Lager im Frühjahr 1941 beginnen auch Hilfsmaßnahmen und Rettungsaktionen zur Verbesserung der Situation im Lager. Vor allem dem jüdischen Kinderhilfswerk OSE gelingt es, zahlreiche Kinder aus dem Lager herauszuholen und sie in Waisenhäusern oder bei mutigen Familien zu verstecken.

Die in Gurs verbliebenen Lagerinsassen geraten im Spätjahr 1942 in den Sog der von Heydrich und Eichmann perfektionierten „Endlösung“. Über das Sammellager Drancy bei Paris führt sie ihr Todesweg in die Vernichtungslager Auschwitz und Lublin-Maidanek; darunter sind auch die letzten Walldürner jüdischen Mitbürger.

Zwei Kinder sind entkommen

Aus Gurs entkommen können die beiden Kinder von David und Lydia Zimmern: Felice und Beate. Zu Beginn der Jahres 1942 erscheint dort ein OSE-Mitarbeiter und bittet die Eltern Zimmern um die Erlaubnis, ihre Kinder aus dem Lager holen zu dürfen. Mit deren Zustimmung werden beide Kinder in ein Heim für vorschulpflichtige Kinder in Limoges gebracht.

Felice und Beate verbringen dort zwei Jahre und werden dann – getrennt voneinander – in Privatfamilien untergebracht. Die nächsten zwei Jahre verbringt Felice bei Gaston und Juliette Patoux, Landwirten, die einen Weinberg in La Caillaudiére bei Vendoevres besitzen und das Kind wie ihr eigenes versorgen. Drei Monate vor der Befreiung Frankreichs treffen die Geschwister wieder zusammen.

Die nächsten fünf Jahre nach Kriegsende verbringen Felice und Beate in OSE-Heimen in Dravei und Taverny, bis sie 1951 in die USA auswandern. Bis zu ihrer Volljährigkeit leben sie dort in einem Waisenhaus, bevor sie nach ihrer Volljährigkeit ihr eigenes Leben führen und heiraten.

„Eine alte jüdische Weisheit lautet: ,Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung’“, so Walter Gramlich abschließend. „Erinnerung bedarf aber immer wieder eines Anstoßes, eines Anlasses, eines Jahr- oder Gedenktages. Das alles regt an, sich mit Vergangenem auseinanderzusetzen und es wertend für die Zukunft fruchtbar zu machen. Allzu leicht ist nämlich der Mensch bereit, Unliebsames, Schreckliches zu vergessen oder zu verdrängen. Eine Zeit, die wie heute in bestimmten Kreisen besonders anfällig zu sein scheint für antisemitisches Gedankengut, die sogar vor aggressivem Verhalten jüdischen Mitbürgern gegenüber nicht zurückschreckt, tut gut daran, solche Gedenktage wie die 80. Wiederkehr der Deportation unserer ehemals jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger zum Anlass zu nehmen, sich immer wieder der allgemein menschlichen Verpflichtung zu gegenseitiger Achtung und Toleranz bewusstzuwerden. Als Verfasser dieses Artikels betrachte ich diese Darstellung deshalb nicht nur als eine wichtige Information zu einem Teil unserer Stadtgeschichte, sondern als Anregung, sich mit diesen bedrückenden Ereignissen vor 80 Jahren zumindest gedanklich auseinanderzusetzen.“