Blick nach draußen - Kann der niederschlagsreiche Januar die Trockenheit der Sommermonate ausgleichen und der Natur die ersehnte Entspannung bringen? „Wir sind dankbar für jeden Tropfen Wasser“

Von 
Renate Henneberger
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Nochmals hat der Winter das Zepter übernommen und regiert das Land mit eisigen Temperaturen und reichlich Schnee, der für die Natur so wertvoll ist (hier ein Wald nahe Wittighausen). © Renate Henneberger

Felder, Weinberge, Wiesen und Wälder lechzen nach Wasser. Nach der Trockenheit der letzten Monate äußern sich Fachleute aus Landwirtschaft, Weinbau und Forst zu ihren Erfahrungen.

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Odenwald-Tauber. Blick aus dem Fenster: Es regnet, schon seit Wochen. Diesiges Wetter, grauer Himmel und bei nicht wenigen Menschen trübe Gemütsstimmung. Man sehnt sich nach ein bisschen Sonne. Natürlich gönnt man der Natur nach den stressigen Sommermonaten den Regen – aber reicht es nicht langsam? Allmählich dürften doch die Reserven aufgefüllt sein.

Drei verheerende Jahre

„Der gefühlte ‚reiche Niederschlag‘ ist bisher nicht mehr als ein Ausgleich für den regenarmen Herbst.“ Andreas Sigmund, Geschäftsführer des Bauernverbandes Neckar-Odenwald, lässt keinen Zweifel daran, wie dramatisch die Lage ist. „In den Wintermonaten tragen die meisten Pflanzen kein Laub. Es findet praktisch keine Verdunstung statt. Die Niederschläge dienen fast ausschließlich dazu, die Wasservorräte im Boden sowie Grund- und Trinkwasser aufzufüllen.“ Doch davon sei man noch weit entfernt.

„Landwirte jammern bekanntlich nicht“, ein leises Lachen schwingt in seiner Stimme. Doch sofort wird er ernst: „Wir haben drei verheerende Jahre und einen viel zu trockenen Spätherbst hinter uns. Gewiss, der Januar hat sich mit Schnee und Regen ganz gut angelassen, wir sind froh und dankbar für jeden Tropfen Wasser. Doch der Boden ist bis in die Tiefen hinein so ausgetrocknet, dass es wochenlang weiterregnen müsste, bis er soweit durchfeuchtet ist, dass er wieder Wasser aufnehmen und speichern kann.

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„Was der Landwirtschaft und der Natur fehlt, ist eine konstante, ganzjährige Wasserversorgung. Winterniederschläge sind in den heißen Sommermonaten für die Pflanzen oft der einzige Zugang zu Wasser, denn in der Jahresmitte fällt viel zu wenig Regen. Selbst die erlösenden Gewitterschauer blieben im vergangenen Sommer weitgehend aus.“ Andreas Sigmund erinnert sich: „Bereits April und Mai 2020 waren sehr warm und extrem trocken mit fatalen Folgen für die jungen Pflanzen in der Wachstumsphase.“

Während es das Wintergetreide noch schaffe, über die Runden zu kommen, weil es die Winterfeuchtigkeit nutzen könne, kämpften die Pflänzchen von Sommergetreide, Zuckerrüben, Raps und Kartoffeln ums Überleben. „Pflanzen können Nährstoffe nur in Wasser gelöster Form aufnehmen“, erklärt der Geschäftsführer, „deshalb fehlt ihnen nicht nur Wasser, sondern auch Nährstoffe.“ Er zitiert eine alte Bauernregel: „April kühl und nass, füllt dem Bauern Scheun‘ und Fass.“ Gespannt und mit vorsichtigem Optimismus blicken die Landwirte auf die kommenden Wochen. „Es darf, ja es muss noch weiterregnen und schneien. Wollen wir hoffen, dass Februar, März und April halten, was der Januar verspricht.“

Die Batterie ist leer

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„Der Boden funktioniert wie eine Batterie. Er nimmt Wasser auf, speichert es und gibt es an die Pflanzen ab. Leider ist diese Batterie vollkommen leer“, erklärt Michael Schmitt, Vorstandvorsitzender der Weingärtner Markelsheim. Er baut selbst Wein an und kennt die Probleme der Winzer. „Besonders jüngere Lagen leiden, ältere Weinstöcke kommen mit der Trockenheit besser zurecht.“ 40 bis 50 Jahre könne ein Weinstock alt werden und wurzle bis zu zwölf Meter tief, wenn es die Bodenbeschaffenheit zulasse. „Im Taubertal jedoch wachsen die Reben überwiegend an Muschelkalkhängen. Der Fels ist nur mit einer dünnen Bodenschicht bedeckt. Hinzukommt, dass die Pflanzen an den sonnendurchglühten Südhängen einen hohen Wasserverbrauch haben.“ Hanglagen erschwerten die Wasseraufnahme. Wertvoll sei gemächlicher, großflächiger Landregen und langsam abschmelzender Schnee. Heftige Regengüsse begünstigten die Erosion (Bodenabtrag), erläutert Michael Schmitt das Problem. Ein Großteil des Wassers fließe ab, ohne die Wurzeln der Pflanzen zu erreichen.

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Seit 2018 führen die Winzer den Reben in jungen Anlagen über ein technisch aufwendiges „Tröpfchen-Bewässerungssystem“ Wasser zu – zehn Liter pro Woche/pro Rebstock. Das ergibt, wie Michael Schmitt erläutert, bei 4000 Pflanzen auf einer Fläche von einem Hektar einen Wasserverbrauch von etwa 40 000 Liter. „Ohne künstliche Bewässerung geht es während der unfassbar heißen Sommerwochen nicht mehr.“

Müssen sich also „Schoppenfetzer“ und Liebhaber eines „guten Tröpfchens“ ernstlich Sorgen machen? „Eine Zeitlang haben wir Winzer von den sich verändernden Klimabedingungen profitiert“, berichtet Michael Schmitt von seiner Erfahrung.

„Wir erzielten Weine mit besserer Qualität bei früherer Reife. Doch dieser positive Trend kehrt sich allmählich ins Gegenteil um. Nicht nur der Ertrag, sondern auch die Qualität leiden auf längere Sicht.“ Besorgt fügt er hinzu: „Wir haben gelernt, mit der Natur und ihren Kapriolen zu leben. Doch womit wir heute noch zurechtkommen, das kann in einigen Jahren zum großen Problem werden.“ Sein Fazit: „Auch wenn es auf den ersten Blick anders aussehen mag: Die Böden sind noch längst nicht abgesättigt und die Niederschläge der letzten Wochen sind keine Garantie für genügend Feuchtigkeit in Frühjahr und Sommer.“

„Wasser!“ – ruft der Wald

Es tropft von den kahlen Zweigen der Buche und Eiche, Wasserperlen glitzern an den Gräsern und auf der Regenjacke von Revierförster Klemens Aubele. Munter schwanzwedelnd folgt Wachtelhündin „Kaja“ ihrem Herrn dicht auf den Fersen. „Ihr gefällt das Wetter“, lacht der Förster. Auch er mag das nasse Wetter, zieht s dem heißen Sommer vor. Und so sind sie mit ihrer Meinung zu dritt – der Förster, der Hund und der Wald.

Wer versteht hinzuhören, vernimmt das inständige Flehen der Fichten, die stumme Bitte der Buchen, den Ruf des Waldes nach Wasser. Der Eindruck, der Schnee der vergangenen Wochen und der reiche Regen brächten dem Wald die nötige Entspannung, täuscht. „Vom Regen, der in diesem Winter bisher gefallen ist, ist so gut wie nichts an den Baumwurzeln angekommen“, beschreibt Klemens Aubele die Situation. „Die Wassermengen je Niederschlagsereignis waren einfach zu gering, als dass sich die Waldböden hätten wieder vollsaugen können. Und im Sommer verdunstet der größte Teil des Wassers auf den Blättern, ehe es der Boden aufnehmen kann.“

Eine Faustregel lautet: „Fallen weniger als zehn Liter pro Quadratmeter an einem Stück, hat der Wald keinerlei Nutzen davon. Fallen weniger als 20 Liter, erreicht ein Teil den Boden. Aber das ist viel zu wenig, um die Grundwasserreserven aufzufüllen.“

Unterwegs in seinem Revier im Forst bei Harthausen, verlässt er den Waldweg. Kleine Wassertümpel und Pfützen stehen auf moorigen Grund. Nässe quietscht unter den Fußsohlen. Der „Egelsee“ ist seit Jahren kein See mehr. Doch langsam füllt der Winterregen das ausgetrocknete Bett des ehemaligen Gewässers und lässt ein kleines Biotop entstehen, wo Moose, Farne und die bizarre Moorbirke zu Hause sind.

Im gegenüberliegenden Fichtenwäldchen dagegen herrscht Trockenheit. Braune Nadeln bedecken den Waldboden. Klemens Aubele gräbt ein kleines Loch in den Boden. Wer mit Feuchtigkeit gerechnet hat, wird eines Besseren belehrt: Der Spaten trifft auf staubtrockenes Erdreich.

Die Trockenheit macht dem Wald schwer zu schaffen. Bäume benötigen Wasser um Photosynthese zu betreiben, um zu wachsen und Energie zu gewinnen. Mangelt es an Wasser, schränken sie ihren Wasserverbrauch ein. Infolgedessen fehlt ihnen die nötige Energie zum Wachsen und zur Abwehr von Schädlingen. „Wehrlos sind sie den Attacken des Borkenkäfers ausgesetzt“, erklärt der Förster. Ihm bliebe die unerfreuliche Aufgabe, reihenweise befallene Bäume zu markieren und zum Fällen freizugeben – zur „Notschlachtung“ wie er es traurig nennt.

Und wie sieht er die Zukunft des Waldes? „Der Wald wird überleben“, da ist er sich sicher, „auch wenn der Wald der Zukunft anders aussehen wird.“ Die Natur hat die Kraft sich umzustellen und anzupassen. Ob es die Menschen können, wird sich zeigen. Wasser erzieht die Menschheit, lehrt sie haushalten und rechnen. Das gilt, wenn es darum geht, ein Übermaß entfesselten Wassers zu bändigen ebenso, wie mit dem Mangel an Wasser zurechtzukommen. Nicht zuletzt am Wasser wird es sich erweisen, wie das Leben auf der Erde künftig aussieht, wie viel Leben überhaupt unsere Erde tragen kann.