„Rote Gebiete“ - Unerwartete Ausweisung nahe Dittigheim stößt auf heftige Kritik des Bauernverbandes Main-Tauber / Kreis insgesamt aber auf einem guten Weg Werte nicht rechtzeitig kommuniziert?

Die Neuausweisung eines „roten Gebietes“ auf Tauberbischofsheimer Gemarkung hat Landwirte aufhorchen lassen. Doch was hat es damit auf sich?

Von 
Klaus T. Mende
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Ein Mitarbeiter der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) entnimmt an einer Messstelle eine Grundwasserprobe, die in einem dafür ausgerüsteten Labor auf Nitrat überprüft wird. © Uli Deck/DPA

Main-Tauber-Kreis. „Grundlage für die Ausweisung von ,roten Gebieten’ ist die neue Düngeverordnung, die am 1. Mai 2020 in Kraft getreten ist“, klärt Markus Moll, Pressesprecher des Landratsamtes Main-Tauber, gegenüber den Fränkischen Nachrichten auf. „Danach haben die Landesregierungen zum Schutz der Gewässer vor Verunreinigung durch die Rechtsverordnung mit Nitrat und Phosphat belastete Flächen auszuweisen.“ Das Land Baden-Württemberg habe in der „Verordnung der Landesregierung zu Anforderungen an die Düngung in bestimmten Regionen zum Schutz der Gewässer vor Verunreinigung“ im Dezember vergangenen Jahres die Ausweisung dieser mit Nitrat- und Phosphat belasteten Gebiete vorgenommen.

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„Rote Gebiete“ würden in Grundwasserkörpern in gutem chemischem Zustand ausgewiesen, wenn mindestens eine landwirtschaftlich beeinflusste Messstelle eine Überschreitung des Schwellenwertes von 50 Milligramm Nitrat/Liter oder einen steigenden Trend und eine Nitratkonzentration von mindestens 37,5 Milligramm Nitrat/Liter aufweise.

Steigender Trend

Im Falle des „roten Gebiets“ nahe Dittigheim liege eine Nitratkonzentration von mindestens 37,5 Milligramm Nitrat/Liter und ein steigender Trend vor. Die Einstufung der Messstelle (Höhe der Nitratkonzentration sowie steigender Trend) erfolge im Übrigen durch die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW), so Moll weiter.

„Durch die umliegenden landwirtschaftlichen Flächen ist davon auszugehen, dass die Messstelle überwiegend landwirtschaftlich beeinflusst ist“, mutmaßt der Behörden-Sprecher, der als den für die Einstufung relevanten Brunnen den Bohrbrunnen 1 nahe Dittigheim nennt. Die Trendberechnung beziehe sich jeweils auf einen Zeitraum von sechs Jahren und sei damit auf einen längeren Betrachtungszeitraum ausgelegt.

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Die Entscheidung, dieses Areal den „roten Gebieten“ zuzuordnen, habe Folgen für den örtlichen Agrarsektor. „Durch die Einstufung haben die Landwirte zusätzliche Auflagen zur Stickstoffdüngung einzuhalten“, betont Markus Moll. Es seien sieben Auflagen, die bundesweit einheitlich geregelt sind. Hierzu gehöre zum Beispiel die Reduzierung der Stickstoffdüngung um 20 Prozent. Zusätzlich gebe es noch drei weitere Auflagen, „die die Landesregierung nach Vorgabe der Düngeverordnung erlassen hat“.

Die Ausweisung der „roten Gebiete“ werde mindestens alle vier Jahre neu überprüft. „Treffen die Einstufungskriterien nicht mehr zu, wird das ,rote Gebiet’ wieder aufgehoben“.

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Äußerst überrascht von diesem Vorgehen zeigt sich Stefan Fröber, Geschäftsführer des Bauernverbandes Main-Tauber, gegenüber unserer Zeitung. Offiziell habe er erst vor wenigen Tagen über das Landwirtschaftsamt die Verlaufskurve des Nitratgehaltes erfahren. Die richtigen Messwerte seien zu diesem Zeitpunkt noch nicht herausgegeben worden. „Das ist auch der größte Kritikpunkt von unserer Seite.“ Denn hierdurch werde „öffentliches Recht erlassen, das weitreichende Folgen für die landwirtschaftlichen Betriebe hat“ – die Grundlagen würden jedoch zurückgehalten. „Dieser Umstand muss dringend behoben werden“, so die deutlichen Worte des Agrar-Funktionärs.

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„Wegen der ,roten Gebiete’ hatte ich bereits vermehrt Kontakt zu Dr. Thomas Mader vom Umweltministerium und Dr. Helga Pfleiderer vom Landwirtschaftsministerium. Für den Bereich Gissigheim, Brehmen und Pülfringen wurde auch schon ein ,rotes Gebiet’ wegen meiner Arbeit herausgenommen“, blickt Stefan Fröber zurück.

Für den speziellen Fall Dittigheim werde sich der Bauernverband jetzt an die Politik wenden, um zu erreichen, dass „die Daten öffentlich gemacht werden“. Außerdem bedürfe es in diesem Bereich noch einer Überprüfung aufgrund der umfassenden Baumaßnahmen im Rahmen der Wasserversorgung. „Dort wurde bis in eine Tiefe von fünf Metern eine Leitung verlegt, die unmittelbar an besagtem Brunnen vorbeiführt.“ Die Baugrube sei über ein halbes Jahr offen gestanden, und es habe erhebliche Probleme mit Grundwassereinbruch gegeben. „Dies müsste nach der Verwaltungsvorschrift zur Gebietsausweisung eigentlich zum Ausschluss dieser Messstelle führen“, ist er überzeugt.

Dichtes Netz an Messstellen

Insgesamt hat sich die Situation in Sachen „roter Gebiete“ in Baden-Württemberg – es gibt ein dichtes Netz von rund 3700 Messstellen – in all den Jahren wesentlich entspannt und verbessert. Die Zahl jener Brunnen, die eine steigende Tendenz aufweisen oder den Grenzwert von 50 Milligramm/Liter übertroffen haben, ist kontinuierlich zurückgegangen, was auch ein Blick auf die entsprechenden Karten zeigt. Derzeit sind weniger als zwei Prozent der Landesfläche noch als „rote Gebiete“ ausgewiesen.

Laut Experten des Landwirtschaftsamtes hat der Main-Tauber-Kreis in dieser Hinsicht seine Hausaufgaben gut gemacht. Denn auch hier bestätigt sich der positive landesweite Trend. Zurzeit gibt es acht „rote Gebiete“ mit einer Gesamtfläche von etwa 3400 Hektar, in denen einige wenige Messstellen den Grenzwert über einen längeren Zeitraum überschritten haben oder die Messungen mittlerweile über 37,5 Milligramm/Liter liegen – mit steigender Tendenz.

Betroffen davon sind im Main-Tauber-Kreis Flächen bei Rüsselhausen (Gemarkung Niederstetten), Edelfingen (Bad Mergentheim), Oberbalbach (Lauda-Königshofen), Dittigheim (Tauberbischofsheim), Rüdental/Steinfurt (Külsheim), Höhefeld/Gamburg (Wertheim/Werbach) und Niederstetten.

Redaktion Mitglied der Main-Tauber-Kreis-Redaktion mit Schwerpunkt Igersheim und Assamstadt