Vortrag - Professor Dr. Rainer Matthias Holm-Hadulla referiert im Krankenhaus Tauberbischofsheim über kreative Bewältigungsstrategien bei Popstars und Künstlern Von Goethe über Madonna und Jagger bis zu Winehouse

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Chefarzt Dr. Matthias Jähnel (links) und Professor Dr. Rainer Matthias Holm-Hadulla, der über kreative Bewältigungsstrategien bei Popstars und Künstlern sprach. © khtbb

Tauberbischofsheim. Was haben Johann Wolfgang von Goethe und Mick Jagger gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel, so scheint es. Und doch stehen beide exemplarisch für Künstlerpersönlichkeiten, denen es über viele Jahre und Jahrzehnte gelungen ist, ihre existenziellen Krisen und destruktiven Impulse in Kreativität zu transformieren und so zu bewältigen.

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Ganz anders dagegen die Sänger und Songwriter Amy Winehouse und Jim Morrison, die nach einer kurzen kreativen Blüte, einen Absturz in Sucht und Drogen nicht verhindern konnten. Was aber macht den Unterschied aus zwischen dem Gelingen und dem Scheitern kreativer Bewältigungsstrategien und welche Konsequenzen hat dies für die Psychotherapie von Patienten im Alltag?

Diesen Fragen ging der Psychiater und Psychotherapeut Professor Dr. Rainer Matthias Holm-Hadulla in einem interessanten und mit vielen Song- und Textbeispielen unterlegten Fachvortrag nach. Der auch als Psychoanalytiker ausgebildete Heidelberger Professor war auf Initiative von Dr. Matthias Jähnel, Chefarzt der Abteilung für Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, ins Krankenhaus Tauberbischofsheim gekommen.

Schon bei der Begrüßung wurden die rund 90 Zuhörer durch den Song „Back to black“ von Amy Winehouse auf den Vortrag eingestimmt. Unter dem Titel „Kreative Bewältigungsstrategien von Goethe bis zu Amy Winehouse, Madonna und Mick Jagger – ein Beitrag zur Methodenintegration in der Psychotherapie“ wandte sich Professor Dr. Holm-Hadulla zunächst Johann Wolfgang von Goethe zu.

Gelingende kreative Bewältigung

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Schon im Alter von zehn Jahren habe dieser beim Tod seines jüngeren Bruders Herrmann Jakob damit begonnen, seelischen Schmerz in Worte zu fassen und auf diese Weise zu verarbeiten. So habe er sich bei der Trauerfeier für den Bruder versteckt, um einen Brief an den Verstorbenen zu schreiben. Auch in späteren Krisen habe er in täglichen Briefen an vertraute Personen die inneren Spannungen verbalisiert und die Konflikte auf diese Weise kognitiv durchgearbeitet und geklärt. „Schreiben ist bei Goethe Ausdruck existenzieller Kreativität“, betonte der Psychiater und Psychotherapeut in seinem Vortrag. Und ganz entscheidend: „Goethe konnte in Phasen innerer Krisen immer auf psychotherapeutische, stabilisierende, Halt gebende Beziehungen zurückgreifen – sei es Charlotte von Stein oder andere Wegbegleiter.“

Die Spannung zwischen konstruktiven und destruktiven Trieben in positive Kreativität umzusetzen, ist nach Darstellung von Holm-Hadulla auch der Popikone Madonna gelungen, der erfolgreichsten weiblichen Sängerin weltweit. Der frühe Tod der Mutter – sie starb an Brustkrebs als Madonna sechs Jahre alt war – wird für Madonna zum Auftrag, sich das Leben zu erkämpfen. Sie ist sehr fleißig, eine sehr gute Schülerin, lernt diszipliniert tanzen und singen.

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Das Lied „Like a prayer“ gebe diesen inneren Dialog mit ihrer Mutter wieder. „Die Beschäftigung mit innerer Trauer führt bei Madonna zu innerer Befreiung“, konstatiert Professor Holm-Hadulla. Ihre später intensiv ausgelebte Mutterrolle mit zwei eigenen und mehreren Adoptivkindern sei ein Hinweis, dass sie ihr eigenes Schicksal in Besorgnis für andere transformiert und so bewältigt habe. Als drittes Beispiel einer gelingenden Verarbeitung rebellischer und aggressiver Tendenzen in Songtexten und Liedern führte der Referent den Rockstar Mick Jagger an. Phasen innerer Verzweiflung habe Mick Jagger in melancholischen Liebessongs wie „Angie“ oder „Ruby Tuesday“ künstlerisch angenommen und transformiert. Auch destruktive Seiten habe der Rocksänger in seinen Liedern besungen und in provokanten Bühnenauftritten verarbeitet. Ähnlich wie bei Goethe habe es für Mick Jagger zudem eine lebenslange stabilisierende Beziehung gegeben: „Seit Gründung der Rolling Stones 1962 hat der Leadgitarrist Keith Richards diese Rolle übernommen. Eine echte Künstlerfreundschaft mit vielen Höhen und Tiefen, aber bis heute ungebrochen.“

Hilfreiche Beziehungen wichtig

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Ganz im Gegensatz zu diesen Beispielen gelingender kreativer Bewältigung innerer Konflikte stehen die Beispiele von Jim Morrison und Amy Winehouse, die der Referent im Anschluss anführte. Beide musikalisch hoch begabt, hatten wenig Halt im Elternhaus und sehr früh Kontakt mit Drogen und Alkohol. Immer wieder habe Amy Winehouse in ihren Songs die wechselvolle Beziehung zu ihrem Freund und Ehemann thematisiert, der sie mit harten Drogen in Kontakt brachte und ihre Versuche, vom Alkohol loszukommen, untergraben habe.

Für kurze Zeit sei es ihr gelungen diese inneren Spannungen erfolgreich in Kreativität zu transformieren, so Professor Dr. Holm-Hadulla. „Bis hin zu Phasen kreativer Ekstase mit einem Außer-sich Sein in der Musik.“ Als Beispiel hierfür führte er den Song „Back to black“ an, in dem es am Ende heißt „Meine Chancen sind vorbei. Ich gehe zurück ins Schwarze“. „Später hat sie keine Sprache, keine Worte mehr für ihre innere Spannung zwischen Kreativität und Destruktivität mehr gefunden“, so der Psychiater und Psychotherapeut.

Exzessiver Alkoholkonsum und Drogen prägten auch die letzten Lebensjahre von Jim Morrison, dem Leadsänger der Gruppe „The Doors“. Er sagte sich früh von seinem Vater, einem Admiral im Vietnamkrieg, los und begann zunächst zu schreiben. Poetische Texte entstehen. „Aber er spielt nicht nur den Rebell und Provokateur auf der Bühne wie etwa Mick Jagger oder Madonna, er ist es“, beschreibt Halm-Hadulla den Unterschied. Die Beziehung zu seiner Freundin ist wie bei Amy Winehouse von gemeinsamem Drogenkonsum überschattet. Kurze Zeit findet er Halt bei den Mitgliedern seiner Gruppe „The Doors“. Songs wie „Riders in the Storm“ oder „Strange Days“ entstehen. „Er ist Sexsymbol und Vorbild einer ganzen Generation. Doch nach nur eineinhalb Jahren kreativen Schaffens beginnt der Niedergang, und Jim Morrison stirbt mit 27 Jahren an den Folgen seines exzessiven Alkohol- und Drogenkonsums“, so Holm-Hadulla. Aus diesen Beispielen lassen sich nach Ansicht des Referenten fünf wichtige Punkte für eine unterschiedliche Methoden integrierende Psychotherapie ableiten: An erster Stelle stehe der Aufbau einer tragenden Beziehung zwischen Therapeut und Patient. Reflektion und Korrektur von schädlichen Verhaltensweisen sei ähnlich bedeutsam wie das Verstehen lebensgeschichtlich bedingter Konflikte. Schließlich gehe es immer auch um die Bewältigung existenzieller Themen wie Bindung und Autonomie, Liebe und Hass sowie die Fähigkeit, sein Leben als kreative Aufgabe anzunehmen. Wie dies gelingen kann, hat Holm-Hadulla auch an zwölf Fallgeschichten in seinem Buch „Integrative Psychotherapie“ vor Augen geführt.

In der Diskussion betonten einige Besucher, wie wichtig der kulturelle Zugang des Therapeuten zu seinen Patienten sei. Musik und Kultur seien dabei kein Luxus sondern wichtige Elemente für den Therapeuten. Das Fazit, so Chefarzt Dr. Jähnel zum Abschluss: „Das wichtigste für eine erfolgreiche Psychotherapie sind hilfreiche Beziehungen.“