Bahnübergang im Leintal - Straße soll nach dem Willen der Westfrankenbahn heruntergewidmet werden und für den Kraftverkehr tabu sein Tauberbischofsheim: Künftig wohl nur noch Rad- und Fußweg

Wo heute noch Landmaschinen und Autos unterwegs sind, soll es künftig nur noch Radfahrern und Fußgängern erlaubt sein, den Bahnübergang Leintal zu nutzen.

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Harald Fingerhut
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Der Bahnübergang Leintal muss saniert werden. In diesem Zug will die Bahn, dass die Straße zu einem Rad- und Fußweg heruntergewidmet wird. © Harald Fingerhut

Tauberbischofsheim. Der Bahnübergang im Leintal zwischen Tauberbischofsheim und Hochhausen ist in die Jahre gekommen und entspricht nicht mehr den neuesten Anforderungen an eine solche Schienenquerung. Vor allem wegen mangelnder Sicherheitsstandards ist eine Sanierung beziehungsweise Ertüchtigung dringend geboten – oder eine Schließung vorzunehmen.

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Letztere Alternative steht ebenfalls zur Diskussion, wäre aber wohl die schlechteste aller Lösungen, wie Bürgermeisterin Anette Schmidt und wohl auch das Gros des Tauberbischofsheimer Gemeinderats, wie Bernd Mayer in der TA-Sitzung im November sagte, überzeugt sind. Deshalb werde man im Gremium der Herunterwidmung der Straße zu einem Fahrrad- und Fußweg wohl zustimmen. Es scheint in den Augen der Ratsmitglieder das kleinere von zwei Übeln zu sein. Auf keinen Fall wolle man eine komplette Schließung des Bahnübergangs.

Die Westfrankenbahn hingegen lehnt eine große Sanierung, die weiterhin die Nutzung durch Kraftfahrzeuge zulässt, ab. „Diese Variante ist schlichtweg zu teuer“, sagt Denis Kollai von der Westfrankenbahn.

Veraltete Blinklichtanlage

Der Bahnübergang an der Leintalstraße auf Gemarkung Impfingen ist derzeit mit einer Blinklichtanlage aus dem Jahr 1959 gesichert. Eine Schranke gibt es nicht. Seit 1984 erwägen zunächst die Deutsche Bundesbahn, später dann die Westfrankenbahn den Bahnübergang zu schließen. Die Stadt hat dies in der Vergangenheit jedoch abgelehnt. Doch jetzt sieht die Westfrankenbahn, vor allem aus Sicherheitsgründen, dringenden Handlungsbedarf, den Status quo zu verändern.

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„Die Blinklichtanlage ist technisch abgängig und muss, sollte der Bahnübergang aufrechterhalten bleiben, bis spätestens 2024 entsprechend den heutigen Sicherheitsstandards erneuert werden“, begründet Denis Kollai die Notwendigkeit der Sanierung. „Zudem verfolgt die Westfrankenbahn das Ziel, auf der Strecke zwischen Tauberbischofsheim und Wertheim die Züge mit einer höheren Geschwindigkeit fahren zu lassen. Dies ist derzeit wegen des unbeschrankten Bahnübergangs im Leintal nicht möglich.“

Ein positiver Effekt der höheren Geschwindigkeit wäre auch, dass Haltepunkte wie Distelhausen, Dittigheim oder Hochhausen dann öfter am Tag angefahren werden könnten.

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„Oberstes Ziel einer Sanierung ist jedoch die Erhöhung der Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer“, so Kollai. In der Vergangenheit sei es am Bahnübergang auch öfter durch wendenden Schwerlastverkehr zu gefährlichen Situationen gekommen.

Schwacher Verkehr

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Um herauszufinden, wie häufig der Bahnübergang von wem genutzt wird, gab es im Juni 2019 eine Verkehrszählung. Diese ergab, dass 66 Kraftfahrzeuge, überwiegend Autos, die Scheinen an dieser Stelle querten. Die Bahn stuft dies als schwachen Verkehr ein. Bei den Fußgängern und Radfahrern wurden 100 Nutzer gezählt.

Vollsanierung zu teuer

Eine Sanierung des Bahnübergangs, damit er von allen Verkehrsteilnehmern weiterhin genutzt werden kann, würde zwischen 500 000 und 600 000 Euro kosten. Zur Erneuerung der technischen Sicherung müsste eine Verbreiterung der kreuzenden Straße im Räumbereich (27 Meter für wartende Fahrzeuge) erfolgen.

Zudem müssten zusätzliche Schranken eingeplant werden. Für die Westfrankenbahn sei dieser enorme finanzielle Aufwand in Relation zum geringen Verkehrsaufkommen und der vorhandenen Umfahrungsmöglichkeiten nicht darstellbar, weshalb das Unternehmen diese Variante nicht weiterverfolgen werde, so Kollai.

Zwei mögliche Varianten

Daneben könnte sich die Westfrankenbahn als Kompromiss aber zwei Varianten vorstellen, die für sie niedrigere Sanierungskosten ergeben würden. Bei beiden Varianten würde aber die Straße zu einem Rad- und Fußweg heruntergewidmet werden.

Die erste Variante sieht eine Umfahrung des Bahnübergangs für den Kraftfahrverkehr in nördlicher Richtung vor. Die zusätzliche Wegstrecke beträgt 700 Meter. Allerdings ist hierbei eine Aufweitung des Wegs auf fünf Meter erforderlich, damit er von landwirtschaftlichen Zugmaschinen genutzt werden kann. Um dies zu bewerkstelligen, müssten Grundstücke aus privater Hand hinzugenommen werden. Die Kosten für die erforderlichen Maßnahmen beziffert die Bahn mit rund 170 000 Euro. Eventuell könnten weitere Kosten hinzukommen. Die Durchfahrtshöhe einer auf dieser Umgehung befindlichen Bahnunterführung müsse für die Nutzung durch Großgeräte eventuell aufgeweitet werden.

Die zweite mögliche Variante ist die Umfahrung Süd. Sie könnte auf einem ausgebauten Wirtschaftsweg erfolgen. Die zusätzliche Wegstrecke beläuft sich hier auf 1200 Meter. Die notwendige Verbreiterung des Wegs könnte auf städtischen Flächen erfolgen. Die Investitionskosten sind mit rund 250 000 Euro veranschlagt. Hier besteht auch die Möglichkeit, die vorhandene Kreisstraße ohne weiteren Investitionsbedarf zu nutzen.

Protest bei Landwirten

Die vier in erster Linie betroffenen Landwirte aus Impfingen haben gegenüber dem Ortsvorsteher geäußert, dass sie eine Schließung des Bahnübergangs ablehnen. Sie wollen ihn in der bestehenden Form erhalten und auch nutzen. Je Landwirt seien 30 Überfahrten pro Woche notwendig, wobei die Frequenz der Fahrten je nach Jahreszeit unterschiedlich sei. Die Nutzung des Bahnübergangs Leintal garantiere eine größere Verkehrssicherheit als die Befahrung der Kreisstraße 2815. Zudem würde es auch zu Behinderungen durch die langsamen Zugmaschinen kommen.

Aufgrund der vorgebrachten Argumente lehnen sowohl der Ortschaftsrat Impfingen als auch der Bauernverband Main-Tauber-Kreis die Schließung des Bahnübergangs für Kraftfahrzeuge ab.

Favorit ist Umfahrung Ost

Die Stadtverwaltung hingegen befürchtet, dass ein weiteres Beharren auf die Ertüchtigung des Bahnübergangs für den Kraftfahrzeugverkehr dazu führen könne, dass der Übergang komplett geschlossen werde. Dies sei weder wünschens- noch erstrebenswert. Als realistische Ziele scheinen deshalb nur die Varianten zwei und drei, Umfahrung Nord und Umfahrung Ost übrig zu bleiben. Letztendlich gibt die Stadtverwaltung der Umfahrung Ost den Vorzug, weil diese auf ausgebauten Straßen ohne zeitliche Verzögerung erfolgen könne. Der Mehrweg von 1,2 Kilometer sei vertretbar. Dies hätten in der Vergangenheit auch Gerichte so gesehen und entsprechende Urteile gefällt.

Für Fußgänger und Fahrradfahrer stelle ein solcher Umweg jedoch einen erheblichen Mehraufwand dar. Deshalb gelte es, eine komplette Schließung des Bahnübergangs Leintal zu vermeiden.

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Redaktion Stellvertretender Redaktionsleiter der Main-Tauber-Kreis-Redaktion, Schwerpunkte auf den Kommunen Königheim und Tauberbischofsheim.