Hier hat der Leser das Wort - Zum Leserbrief „Damit hat man nun die Büchse der Pandora geöffnet“ „Sprache lebt durch die Menschen unserer Gesellschaft“

Von 
Katharina Bauer
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Der Leserbrief hat mich unglaublich wütend gemacht. Vor allem deshalb, weil die aufgestellten Behauptungen die Komplexität des Themas nicht ansatzweise behandeln.

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Beginnen möchte ich mit dem faktisch Falschen. Der Autor widerspricht der wissenschaftlich belegten These, dass unserer Sprache realitätsschaffend sei (Austin/Searle 1955/62). Der Vergleich des Autors mit dem Türkischen ist falsch. Und zudem ist die These noch schäbig, er nimmt einfach ein was die Frauenrechte angeht in unseren Köpfen negativ konnotiertes Land und lässt die Hälfte der Wahrheit weg. Das ist, um den Autoren zu zitieren, „Bullshit“.

Das Türkische ist wie alle ural-altiiarischen Sprachen geschlechtslos, es gibt kein Genus. Vielleicht soll auf Geschlechtsmarkierungen angespielt werden, die man bei Berufen häufig findet. Eine Berufsbezeichnung an sich ist geschlechtsneutral, wird die Profession aber von einer weiblichen Person ausgeführt, so setzt man eine Geschlechtsmarkierung davor. Übrigens bei allen Berufen. Grammatikalisch korrekt wäre es eigentlich, auch eine männliche Geschlechtsmarkierung zu setzten, historisch ist diese aber nahezu verloren gegangen (Braun 2000).

Die erwähnten weiblichen Vorbilder an jeder Ecke würden ich und meine Lernenden gerne sehen. Natürlich gibt es weibliche Vorbilder. Für die meisten Mädchen sind das: Mama, Erzieherin, Stars oder fiktive weibliche Figuren, die ihnen zeigen, wie man als Frau zu sein hat. Wichtiger wäre, dass Mädchen Vorbilder aus der Wissenschaft kennenlernen, die ihnen zeigen, dass dieses Feld bespielbar ist. Aber denken Sie selbst kurz nach: Wie viele weibliche Wissenschaftler außer Marie Curie fallen Ihnen ein? … Rosalin Franklin? Anna Jane Harrison? Emmy Noether? Nie gehört? Woher sollen Mädchen diese Frauen dann kennen? Sprache lebt durch die Menschen unserer Gesellschaft. Sprache hat eine große Macht. Deshalb müssen und sollten wir sie regelmäßig überdenken. Nur so schaffen wir es, mit unserer Sprache unsere Lebenswirklichkeit abzubilden. So hat es Martin Luther mit seiner ab 1522 in ganz Deutschland verbreiteten Bibel geschafft, den Grundstein für unser heutiges „Hochdeutsch“ zu legen, obwohl alle Landstriche ihre Mundart sprachen. Sprache hat sich schon immer angepasst. Irgendwann haben wir aufgehört unsere Eltern zu siezen, damit wurden Hierarchien abgebaut. Das fanden viele Menschen furchtbar, viele meinten, dass es der Untergang bestehender Strukturen sei. Aber letztlich sind wir für den Abbau dieser innerfamiliären Hierarchien heute noch dankbar, oder?

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Die Frage in solch einer Diskussion ist folgende: Was stört mich wirklich? Fühle ich mich durch diese Veränderung als Verlierer? So zumindest könnte man den Autor verstehen, wenn er davon spricht, dass er sich auf die bloße Funktion eines Studierenden – also eines Menschen, der studiert, herabgestuft fühlt. Inwiefern er sich also aufgrund gerade dieses Begriffs entmenschlicht fühlt, widerspricht jedweder Logik. Im Übrigen: Ich hatte zu Beginn einen Studentenausweis, der ging verloren, ich bekam einen Studierendenausweis. Hat sich dadurch etwas geändert? Nein. Habe ich mich anders gefühlt als davor? Nein. Das wichtigste an dieser Bezeichnungsänderung aber ist, dass es Menschen gibt, für die diese Änderung wichtig ist und denen sie guttut, weil sie sich durch diese stärker repräsentiert fühlen.

Warum kann ich nicht einfach etwas, was anderen gut tut, akzeptieren und respektieren? Oder wenigstens tolerieren – wenn es mir doch gar nichts tut?

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Sprache umzustellen ist nichts, was von jetzt auf gleich perfekt gelingen kann. Wird es auch nie. Und natürlich ist es im Deutschen noch einmal komplizierter, weil wir ein dreigeteiltes Genus haben. Aber heißt das, dass man es nicht schaffen kann? Wenn jede/r ein bisschen darüber nachdenkt, wie er/sie sich ausdrückt, dann ist formal richtige Sprache gar nicht schwer. Und seine Worte weise und bedacht zu wählen, täte vielen Menschen seht gut. Am Anfang ist es ein bisschen mühsam, daran zu denken und die Sätze so zu formulieren, dass man einfach alle gleichermaßen anspricht. Aber mit der Zeit wird es einfacher. Und ich vermute, dass es der Sprache an sich ziemlich egal ist, wie wir sie verändern. Und zu der vom Autor als geöffnet betrachtete Büchse der Pandora, aus der alles Übel, Krankheit und Tod kamen. In dieser Büchse war bekanntlich am Schluss noch die Hoffnung – und die habe ich auch. Dass unsere wunderschöne Sprache entstaubt wird, und sie die Modernität vieler Teile unserer Gesellschaft so passend wie möglich abbildet.