Verein für Diakonische Jugend- und Sozialarbeit - „Startklar!“, die Unterstützung junger Menschen beim Start in Ausbildung oder Arbeit, wurde Ende 2020 eingestellt Soziale Aufgabe scheitert am Geld

Wie lange es den „Verein für Diakonische Jugend- und Sozialarbeit“ noch geben wird, ist derzeit nicht klar. Seine Hilfe für junge Menschen auf dem Weg in die Berufswelt wurde zum Jahresende eingestellt.

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Heike von Brandenstein
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Jugendlichen den Weg in den Beruf weisen, war über 30 Jahre Ziel des Vereins für Diakonische Jugend- und Sozialarbeit. © dpa

Main-Tauber-Kreis. Sie haben gekämpft und alles versucht, doch letztlich ließ sich die Arbeit einfach nicht mehr finanzieren. Über 50 Menschen nutzten die Anlaufstelle beim Diakonischen Werk pro Jahr, ließen sich beraten, motivieren und schöpften wieder Mut. Doch jetzt ist es vorbei.

Angebot „Startklar“ des Vereins für Diakonische Jugend- und Sozialarbeit

Das beim Diakonischen Werk im Main-Tauber-Kreis angesiedelte Projekt „Startklar!“ wurde unter diesem Namen 2005 aus der Taufe gehoben.

Es richtete sich an Jugendliche und junge Erwachsene, die beim Übergang in Ausbildung und Arbeit besondere Unterstützung benötigten.

Bereits seit 1986 kümmerte sich der Verein für Diakonische Jugend- und Sozialarbeit um junge Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen Probleme beim Einstieg in das Berufsleben hatten.

Ziel der für alle jungen Menschen offenen Anlaufstelle war es, ihnen durch Informationen, Beratung und individuelle Hilfen eine tragfähige berufliche Zukunft zu ermöglichen.

Das Angebot war für junge Leute mit fehlendem Schulabschluss, Schul- oder Ausbildungsabbruch, gesundheitlichen Belastungen, schwieriger Lebenssituation oder Perspektivlosigkeit gedacht, die den Wunsch hatten, etwas in ihrem Leben zu verändern.

Sozialpädagogin Katrin Beuschlein und ihr langjähriger Vorgänger Peter Fischer-Rapp boten Gespräche und Beratungen zur Berufsorientierung, halfen bei der Suche nach Praktika, Ausbildungs- oder Arbeitsstellen sowie bei den dafür erforderlichen Bewerbungen. Außerdem bereiteten sie die jungen Menschen auf Vorstellungsgespräche vor.

Darüber hinaus koordinierten sie die Vermittlung zu weiteren Hilfsangeboten bei Fachstellen oder Behörden im Main-Tauber-Kreis.

Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen wurden außerdem in Krisensituationen unterstützt und zu selbstständigem Handeln angeleitet. hvb

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„Für mich wäre es ganz schlimm, wenn die Arbeit eingestellt wird und niemand merken würde, dass es den Verein nicht mehr gibt“, sagt Alfred Wetterich im Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten. Er ist der letzte Gründervater, der bis heute im Vorstand ist. Wetterich verantwortet die Finanzen und fühlt sich, wie er es ausdrückt, als „der letzte Mohikaner“. Als der Verein im Oktober 1986 aus der Taufe gehoben wurde, geschah das in schwierigen Zeiten. Junge Menschen fanden häufig keine Ausbildungsstelle, wussten nicht recht, wie es nach der Schule weitergehen sollte.

Hier wollte der Verein ansetzen. Eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wurde ausgelobt, die Marlies Lind, spätere Leiterin des Diakonischen Werks Main-Tauber-Kreis, besetzte. Jugendlichen ohne Anspruch auf Arbeitslosengeld oder ohne einen Ausbildungsplatz wurden vom Verein für 650 Mark Nettolohn eingestellt. Sie arbeiteten als Hausmeistergehilfen oder Küchenhelfer in Kindergärten und anderen Einrichtungen 30 Stunden pro Woche. Einmal pro Woche fand ein Gruppentreffen mit der Sozialpädagogin statt.

Es ging um die Stärkung der Persönlichkeit, um Gemeinschaft, um Perspektiven, um die berufliche Zukunft. „Wir waren anfangs gut finanziert. Das Diakonische Werk hat uns über Wasser gehalten“, erinnert sich Wetterich. Der Vorteil für die jungen Menschen zeigte sich schnell: Sie lernten einen strukturierten Tagesablauf, entwickelten Pläne. Nach einem Jahr hatten sie zudem Anspruch auf Arbeitslosengeld.

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ABM-Stellen gibt es seit 2012 nicht mehr. Und auch früher war eine etwaige Verlängerung oder Neuausschreibung solch staatlich subventionierter Arbeitsplätze an eine anschließende Weiterbeschäftigung geknüpft.

Also bewarb sich der Verein Jahr für Jahr um Fördermittel aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF). Doch nur wenn Kofinanzierungen vorliegen, werden hieraus Mittel bewilligt. Weitere Zahler waren durchweg das Jugendamt, das Diakonische Werk und der Verein. Ein weiterer Strohhalm stellte vor gut zwei Jahren der Paragraf 16h im Zweiten Sozialgesetzbuch dar. Dort ist geregelt, dass die Agentur für Arbeit für junge Menschen bis zum 25. Lebensjahr Leistungen mit dem Ziel erbringen kann, eine schulische, ausbildungsbezogene oder berufliche Qualifikation abzuschließen oder anders ins Arbeitsleben einzumünden sowie Sozialleistungen zu beantragen oder anzunehmen.

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Diese individuell zugeschnittene Beratung und Betreuung ist inhaltlich genau das, was der Verein für Diakonische Jugend- und Sozialarbeit bereits seit Jahrzehnten mit seinen unterschiedlichen Projekten betreibt. Und er hat, um sich für Maßnahmen des Jobcenters bewerben zu können, einiges Geld in die Zertifizierung gesteckt. „Doch dieser Pfad war relativ schnell versperrt“, berichtet Wolfgang Pempe, Geschäftsführer des Diakonischen Werks. Gescheitert sei das letztlich an den „klaren behördlichen Vorstellungen“, wie Pempe es ausdrückt. Festgeschrieben sei, wie viele Räume und Personal ab welchem Zeitpunkt bereitzustellen sei. „Das können wir nicht leisten“, so Pempe. Er ist höchst frustriert, dass es außer dem Paragrafen 16h und dem ESF keine solide Fördermöglichkeit gibt. „Das ist ein grundsätzlicher Webfehler im System“, findet er.

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Die Arbeit von Sozialpädagogin Katrin Beuschlein stuft er als „höchst intensive und herausfordernde Einzelmaßnahme“ ein. In der zweiten Januarwoche haben sie zwei Mütter angerufen. Deren Kinder hatten ihre Ausbildung abgebrochen. Sie hätten keine Perspektive, hockten nur zu Hause rum, wiesen keinerlei Elan auf, wurde ihr berichtet.

Diese Sorgen kennt Beuschlein nur zu gut: „Solange der Kühlschrank voll ist und das Wlan funktioniert, besteht erst einmal keine Notwendigkeit, etwas zu ändern.“ Sie hat solche Jugendlichen bislang an die Hand genommen, mit ihnen gearbeitet, sie motiviert und begleitet. Das ist jetzt vorbei. Da sie in der Sozialberatung des Diakonischen Werks arbeitet, versucht sie dennoch, die Hilfesuchenden nicht komplett im Regen stehen zu lassen, sondern weiter zu vermitteln. Dennoch weiß sie: „Es gibt jetzt einfach Leute, die nicht mehr versorgt werden. Lebt ein junger Mensch in einem normalen Haushalt, der keinerlei Sozialbezüge erhält, fällt er im System nicht auf.“

Sie hat im vergangenen Jahr erlebt, dass das Leben trotz Pandemie weiterläuft. Ihre Termine mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen liefen unter Einhaltung aller Hygienestandards weiter. Maßnahmen von Anbietern seien eingestellt, Termine abgesagt worden. „Da sind viele in ein Loch gefallen.“ Die Menschen individuell begleiten und sie nicht allein lassen, war ihr immer ein wichtiges Anliegen.

Für dieses Jahr sind noch keine Gelder aus dem ESF geflossen. Wolfgang Pempe rechnet frühestens im Frühjahr 2022 damit. Ob es dann vielleicht eine Wiederauflage von „Startklar!“ gibt, steht in den Sternen. Pempe: „Wir sind zutiefst überzeugt, dass der Bedarf nach wie vor da ist. Junge Menschen müssen eine Chance haben. Hier geht es um gelebte Nächstenliebe.“

Redaktion Zuständig für die Kreisberichterstattung Main-Tauber