Vortrag - Professor Dr. Martin Krupinski referierte über „Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“ Skrupelloser Handlanger des Nazi-Regimes

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khmt
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Professor Dr. Martin Krupinski referierte am Täterbeispiel Werner Heyde über die Behandlung von Kranken und Behinderten vor rund 70 Zuhörern.

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Tauberbischofsheim. Nicht immer waren sie „Helden in Weiß“. Denn zur Zeit des Nationalsozialismus stellten sich viele Ärzte in den Dienst des NS-Regimes. Etwa 400 000 Menschen wurden in diesem Zeitraum zwangssterilisiert beziehungsweise -kastriert, über 200 000 Patienten aus deutschen Heil- und Pflegeanstalten als „lebensunwert“ ermordet.

Entscheider über Leben und Tod

Über Leben und Tod entschieden Gutachter in einem einseitigen Fragebogen. Mindestens 100 000 dieser Todesurteile gab der Direktor der Universitätsnervenklinik in Würzburg, Werner Heyde, als Obergutachter und medizinischer Leiter der „Aktion T4“ (1939 bis 1941) frei. Um die Erinnerung an diese Gräueltaten aufrecht zu erhalten, beschäftigen sich auch Ärzteverbände und -fachgesellschaften mit den NS-Massenmorden an damaligen Patienten. Dr. Mathias Jähnel, Chefarzt für Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Krankenhaus in Tauberbischofsheim, hat eine entsprechende Fortbildung organisiert.

Zum Thema „Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“ referierte Professor Dr. Martin Krupinski als Leiter der Abteilung für Forensische Psychiatrie an der Würzburger Uniklinik darüber, wie sich der oben genannte NS-Obergutachter Heyde dem NS-Regime andiente. In der anschließenden Diskussion befassten sich die knapp 70 Anwesenden aufbauend auf der Täterbiografie mit der Frage, wie Mediziner mit einer Art „Doppelung des Selbst“ einerseits Gesundheit wiederherstellten und Leben retteten, aber zugleich auch die Tötungen von psychisch Kranken und Behinderten in der NS-Zeit unterstützt haben.

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„Heyde lässt sich aus der Tätersystematik im Nationalsozialismus gar nicht so sehr herausheben. Er war, soweit wir wissen, kein Antisemit, sondern getrieben von einer inneren Konfliktdynamik und einem immensen Ehrgeiz“, fasste Krupinski die Motivation Heydes zusammen. Im Jahr 1902 geboren startete Heyde seine psychiatrische Berufslaufbahn nach dem Medizinstudium an der Klinik für Psychiatrie und Nervenheilkunde in Würzburg, deren Schwerpunkt auf psychiatrischer Begutachtungsmedizin (heute: Forensische Psychiatrie) lag. Dort bekam Heyde 1933 einen besonderen Patienten in die Klinik: Theodor Eicke.

Homosexualität verschleiern

Das langjährige NSDAP- und SS-Mitglied wurde mit Schutzhaftbefehl der Klinik in Würzburg zugewiesen. Nach ausgiebigen Gesprächen erstellte Heyde seinem Probanden ein positives Gutachten. Eicke stieg nach seiner Entlassung innerhalb kürzester Zeit zum Kommandeur des Konzentrationslagers Dachau auf, wurde schließlich Inspekteur aller KZ und sogar Chef der SS-Totenkopfverbände. Heyde trat derweil im Zuge der Machtergreifung der NSDAP bei.

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Zwischen 1934 und 1936 war Heyde Mitarbeiter des Rassenpolitischen Amtes Würzburg und entschied im Erbgesundheitsgericht über Anträge auf Zwangssterilisationen. Zur gleichen Zeit lief ein Verfahren gegen ihn aufgrund von Vorwürfen der Homosexualität, was ihn – so lautet die These von Professor Krupinski – veranlasste, akribisch seinen Eintritt in die SS zu planen, um sich vor einer drohenden juristischen Verfolgung wegen Homosexualität zu schützen und seine Karriere voranzutreiben.

Täuschungsnetzwerk

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Über einflussreiche Kontakte kam er schließlich in die Schutzstaffel. Zu Heydes Aufgaben zählten fortan der Aufbau des psychiatrisch-neurologischen Dienstes der SS und die „erbbiologische Überwachung“ der Konzentrationslager im Stab Theodor Eickes, das heißt, er schulte KZ-Ärzte für die Krankensterilisation.

Außerdem war er in die Organisation der „Aktion T4“ eingebunden, deren medizinische Leitung er 1940 übernahm. Zur Selektion der Patienten in den Anstalten wurde ein spezieller Begutachtungsfragebogen entwickelt, mit dessen Hilfe die Gutachter letztlich Kriterien wie „Erblichkeit“, „Unheilbarkeit“, „Arbeitsleistung“, „Asozialität“ und „Rassenzugehörigkeit“ bewertet haben. Wer von Heyde abschließend als „positiv“ eingestuft wurde, den brachte die „Gemeinnützige Krankentransport GmbH“ (Gekrat) in eine von sechs T4-Tötungsanstalten.

„Ein ausgeklügeltes Täuschungsnetzwerk, in dem hochrangige Mediziner, Juristen, Verwaltungsangestellte und Politiker Heyde als einen der Hauptverantwortlichen unterstützten“, urteilte Professor Krupinski. Mit der Häufung von Strafanzeigen Hinterbliebener und Interventionsversuchen der katholischen wie evangelischen Kirche folgte im August 1941 der Stopp der Krankenmorde in den Gaskammern durch Hitler.

An deren Stelle traten dezentrale Tötungen in den Heil- und Pflegeanstalten durch „Hungerkost“ und überdosierte Medikamentengabe. Allerdings wurden nun im Rahmen der „Sonderbehandlung 14f13“ („Invalidenaktion“) kranke Gefangene aus den Konzentrationslagern in den Gaskammern der T4-Anstalten getötet. Teile des Personals dort wurden später auch in den Vernichtungslagern des Holocausts eingesetzt.

Kein Schuldbewusstsein

1945 geriet Werner Heyde in britische Kriegsgefangenschaft, konnte aber fliehen und in Schleswig-Holstein untertauchen. Als „Dr. Fritz Sawade“ erstellte er bis zu seiner erneuten Inhaftierung 1959 rund 7000 medizinische Gutachten, unter anderem auch für Entschädigungsprozesse von Überlebenden der NS-Verfolgung. Doch keiner seiner Mitwisser enttarnte Heyde. Keiner wurde später für seine Mitwisserschaft zur Rechenschaft gezogen.

Auch Werner Heyde entzog sich der Justiz, indem er sich – angeklagt des Mordes an mindestens 100.000 psychisch kranken und geistig behinderten Menschen – in seiner Zelle erhängte kurz vor dem geplanten Prozessbeginn.

Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ widmete dem Geschehen 1964 eine Titelgeschichte. Viele Gräueltaten hatte der ehemalige Direktor der Universitätsnervenklinik in Würzburg zwar im Vorfeld der anstehenden Verhandlung eingeräumt, vieles aber auch nicht: An der „Aktion T4“ sei er primär aufgrund seiner Angreifbarkeit mit Homosexualitätsgerüchten beteiligt gewesen und auch mit der „Sonderbehandlung 14f13“ habe er überhaupt nichts zu tun gehabt, versuchte sich Heyde zu verteidigen. Auch in Sachen Euthanasie bestand für ihn kein Unrechtsbewusstsein: Der Führer habe die Legitimation erteilt, Juristen sie abgesegnet. Wieso also sollte er als Mediziner nicht an deren fachkundiges Urteil glauben?

Arzt soll Anwalt der Kranken sein

Mit vielen offenen Fragen entließ Professor Krupinski die nachdenklichen Zuhörer in die intensive Diskussionsrunde, ein Fazit lautete: Gerade Ärzte müssen immer wachsam mit gesellschaftlich-politischen Strömungen sein und sollten alles Menschenmögliche dafür tun, damit sich Geschichte nicht wiederholt.

In diesem Zusammenhang zitiert Dr. Jähnel den Arzt und Psychoanalytiker Sigmund Freud, der selbst wegen dem NS-Regime emigrieren musste: „Der Arzt soll in erster Linie der Anwalt der Kranken sein, nicht der eines anderen“. khmt