125 Jahre Christuskirche (Teil III) - Vorfall bei Bauarbeiten ging fast tödlich aus / Erster Gottesdienst am Donnerstag, 31. Oktober 1895 Richtspruch schallte bis zur Tauberbrücke

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aba
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Tauberbischofsheim. Nach langem Suchen hatte man endlich unter nicht ganz unproblematischen Bedingungen einen Bauplatz für die Christuskirche oberhalb der Bahn erworben und so den Bau am 4. November 1894 mit dem Spatenstich in Angriff nehmen können. Der bald einsetzende Winter brachte die Arbeiten zunächst jedoch ins Stocken, sobald aber im kommenden Jahr die Temperaturen wieder stiegen, konnte weitergebaut werden.

Der erste Gottesdienst in der evangelischen Christuskirche fand am Donnerstag, 31. Oktober, 1895 statt. © Harald Fingerhut
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1895 war ein heißer und trockener Sommer. So waren schon bald die Wände hochgezogen und bereits am 9. Juli wurde Richtfest gefeiert. Dabei soll der Zimmermann Lösch den Richtspruch so laut vorgetragen haben, dass man ihn sogar noch auf der Tauberbrücke hören konnte (siehe weiteren Artikel).

Der Richtspruch

1. Dies Gotteshaus ist aufgericht’, gedeckt, gemauert ist es nicht. Noch können Regen und Sonnenschein von oben und überall herein.

2. Drum rufen wir zum Meister der Welt, wolle von dem Himmelszelt nur Heil und Segen gießen aus hier über dieses Gotteshaus. . .

7. Nun Maurer, decket und mauert aus: Der Segen Gottes ist im Haus.

Bis Mitternacht gefeiert

Nachdem der Richtspruch mit einem kräftigen Schluck Taubertäler Wein bekräftigt worden war, marschierten die Arbeiter zusammen mit der Bauleitung, Pfarrer Rudolf Clausing und dem anwesenden Kirchenvorstand zum Gasthaus „Zum Ritter“, wo sie zum Teil bis Mitternacht feierten – bei einer Zeche von 63,60 Mark. Und sie hatten auch Grund zum Feiern - nicht nur, weil der Rohbau vollendet war, sondern auch, weil die Arbeit ohne tödlichen Unfall verlaufen war. Denn ein Vorfall hätte tödlich ausgehen können: Eine Flasche, in der sich ätzende Lötflüssigkeit befand, wurde versehentlich verschüttet und die Flüssigkeit ergoss sich über das Seil, an dem das Gerüst des Schieferdeckes am Turm hing. Das Seil wurde zwar sofort ausgespült, und schien nicht beschädigt zu sein. Als aber der Geselle am nächsten Morgen auf dem Gerüst stand, riss das Seil doch und der Mann stürzte in die Tiefe. Zum Glück konnte er im letzten Moment noch einen herausstehenden Haken im unteren Teil des Turmdaches packen und so vorm Sturz in die Tiefe bewahrt werden.

Am 7. September konnte endlich das Turmkreuz angebracht werden. Es trägt in verschlungener Form die Buchstaben „IHSV“, in hoc signo vinces (in diesem Zeichen wirst du siegen). Dazu die Kugel, in der eine versiegelte Flasche mit einer Urkunde eingelegt wurde. Darauf war eine kurze Geschichte der evangelischen Gemeinde und der Kirche verzeichnet. Dazu die folgenden Angaben: „Die Erbauung geschah im Jahr, da im hohen Norden des deutschen Vaterlandes der Nord-Ostsee-Kanal eingeweiht wurde und wir in unserem engeren Heimatland den 70. Geburtstag des Großherzogs Friedrich feiern.“ Daneben die Namen von Pfarrer Rudolf Clausing, den Kirchenkirchenältesten, die Anzahl der Gemeindeglieder (281) sowie der am Bau Beteiligten und am Ende ein Gnaden- und Segenswort (1964 unter Pfarrer Hans Maier und 1986 unter Pfarrer Karl Moos kamen noch weitere Urkunden mit aktuellen Informationen dazu).

Drei Glocken für das Gotteshaus

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In den ersten Tagen des Oktobers 1895 kamen die drei Glocken (der Glockengießerei Bachert aus Dallau) hier an und wurden durch das Innere des Turmes – das Kreuzgewölbe wurde erst danach ausgeführt – aufgehängt und erklangen zum ersten Mal probeweise am 10. Oktober.

Auch die Orgel (von Karl G. Weigle aus Stuttgart) wurde nach rund dreimonatiger Fertigung rechtzeitig eingebaut, damals noch pneumatisch zu bedienen. „Die einzelnen Register sind charakteristisch intoniert, aber nicht alle gleich gut geraten“, urteilte Musikdirektor Hänlein aus Mannheim über sie, „doch zusammenfassend können wir die zu dem billigen Preis von 4300 Mark gelieferte Orgel nicht nur für preiswürdig, sondern auch im Allgemeinen für gut erklären.“

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Die Innengestaltung unseres Kirchenraumes wurde durch die Holzspende des Fürsten Ernst zu Leiningen preisgünstig ermöglicht.

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Am Donnerstag, 31. Oktober, konnte dann der erste Gottesdienst in der endlich eigenen Kirche gefeiert werden. Es muss schon ein großes Ereignis gewesen sein, denn die Häuser hier waren alle beflaggt und die „Großherzogliche Generaldirektion der Eisenbahnen hatte in entgegenkommender Weise einen Extrazug von Wertheim hierher und zurück eingesetzt.“ Einige hundert Gäste aus allen Himmelsrichtungen waren nach Tauberbischofsheim gekommen, darunter auch Fürst Ernst zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg „mit einem Extragefährt“. Um 10.30 Uhr begann in der Klosterkirche (heute Liobakirche) der Abschiedsgottesdienst. Dann begab sich der Festzug unter dem Läuten der Glocken zur neuen Kirche – eine Gruppe weiß gekleideter Mädchen, 20 Pfarrer, der Kirchenvorstand und dann die übrigen Gäste. Oben übergab dann Bauinspektor Wundt mit vielen Segenswünschen den Schlüssel zum Portal an die Gemeindevertreter und die Kirchenältesten brachten die Bibel und das Abendmahlsgeschirr mit in das neue Gotteshaus.

Es waren so viele Gäste gekommen, dass nicht alle Platz im Innenraum fanden, sondern auf dem Vorplatz mitfeiern mussten. Eröffnet wurde die Feierstunde vom Kirchenchor mit dem Choral „Ich hebe meine Augen sehnlich auf“ (heute EG 236) und nach dem Hymnus „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“, vollzog Dekan Stroebe die Weihe. Die Verse 4 und 5 („Gehet zu seinen Toren ein mit Danken, seinen Vorhöfen mit Loben, danket ihm, lobet seinen Namen …..“) von Psalm 100 hatte Pfarrer Rudolf Clausing passend zu diesem feierlichen Ereignis ausgesucht. Und sogar ein Kind wurde in diesem Gottesdienst getauft.

Um 1 Uhr traf man sich dann zu einem Festessen im Badischen Hof, wo auch so mancher Trinkspruch ausgebracht wurde – so auf den Großherzog oder auf die bisherigen Geistlichen, und Glück- und Segenswünsche kamen von dem römisch-katholischen Stadtpfarrer Friedhof und Bürgermeister Alois Kachel. Erst um 6 Uhr abends trennte man sich. Und für die, die an diesem Festessen nicht teilnehmen konnten, gab es um 8 Uhr abends einen Familienabend mit Ansprachen, Liedbeiträgen vom Kirchenchor und Verlesen von Glückwunschadressen.

Nun konnte man also endlich nach so vielen Jahren in der eigenen Kirche Gottesdienst feiern.

Den Namen „Christuskirche“ bekam das Gotteshaus 1986 unter Pfarrer Karl Moos im Rahmen einer Gemeindeversammlung anlässlich der Visitation. aba