Literatur - Der Tauberbischofsheimer Martin Bartholme legt mit „Von Leidenschaften und Verlusten“ sein erstes Buch vor Profis und Provinzmonarchen

Von 
Sabine Holroyd
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„Von Leidenschaften und Verlusten“ heißt das erste Buch von Martin Bartholme. Die Kurzgeschichten des jungen Tauberbischofsheimers berühren viele Menschen.

Martin Bartholme mit seinem Erstlingswerk „Von Leidenschaften und Verlusten“. © Sabine Holroyd
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Tauberbischofsheim. Martin Bartholme ist etwas gelungen, was selbst berühmte Autoren nicht immer schaffen. Er versteht es nämlich, seine Leser mit kurzen, prägnanten Sätzen förmlich in seine Geschichten hineinzuziehen – und das von der ersten Seite an. Auch wer erst einmal nur in seinem Debüt blättern möchte, ist im nächsten Moment schon in die Lektüre vertieft. Und das scheint vielen so zu gehen, schaut man sich die Online-Rezensionen an: „Der Autor versteht es, die Lesenden mit in seine Welt zu holen. Ich habe es in einem Rutsch gelesen. Unbedingte Kaufempfehlung!“, steht da, oder: „Die Texte sind gut geschrieben und die Emotionen durchweg spürbar. Fünf von fünf Sternen“.

Kein „Hoppla, jetzt komm’ ich“-Typ

Doch dabei sieht sich der 34-jährige Sozialpädagoge gar nicht als Autor. Das klingt für jemanden wie ihn, dem Selbstzweifel nicht fremd sind, viel zu hochtrabend. Martin Bartholme ist auch keiner dieser „Hoppla, jetzt komm’ ich“-Typen, das wird im Gespräch mit ihm schnell klar.

Auf sein erstes Buch sei er „schon ein bisschen stolz“ – zumindest das kann man ihm entlocken. Anderthalb Jahre Arbeit stecken darin. Nur „ein bisschen“ stolz? Ob er immer so bescheiden sei? Er lacht und antwortet: „Das weiß ich nicht. Was soll ich dazu sagen? Ich hab’ die Geschichten nur für mich geschrieben. An eine Veröffentlichung habe ich gar nicht gedacht.“ Und wäre er kein glühender Anhänger des SC Freiburg, hätten die kurzen Storys vielleicht für immer auf einer Datei in seinem Computer geschlummert. Doch durch seine Mitarbeit in der Freiburger Online-Faninitiative gegen Rassismus lernte er Renate Brandes kennen – in ihrem Verlag war 2017 ein Buch über den erfolgreichen Bundesliga-Verein erschienen. Die Verlegerin war von seinen Kurzgeschichten überzeugt, und Martin Bartholme plötzlich Autor.

„Ich hatte eine schöne Kindheit“

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Geschrieben hat er seine Geschichten von Liebe und Hoffnung, aber auch von Verzweiflung, Abschied und Tod abends, wenn er Zeit, Muße und, wie er sagt, „die passende Idee“ hatte – und die Kinder im Bett waren. Auf die Frage, ob er denn in der Schule schon gern Aufsätze verfasst habe, muss er lachen: „Mein Deutschlehrer hätte bestimmt nie gedacht, dass ich mal ein Buch schreibe.“

Im nächsten Moment wird er schon wieder nachdenklich. „Ich hatte eine sehr schöne Kindheit und bin gerne in Tauberbischofsheim aufgewachsen“, sagt er gegenüber den FN. Die Zeit als Jugendlicher empfand er als „prägend“. Besonders berührend sind in seinem Buch denn auch die Geschichten, die vom Flüggewerden handeln, von der Lust, Neues zu erleben, endlich ’rauszukommen aus dem Mief der Kleinstadt, aber auch der Angst auf der anderen Seite, über Jahre gewachsene Freundschaften zu verlieren, aufs Spiel zu setzen.

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So schreibt er etwa in „Provinzmonarchen“: „Unten im Tal zelebrierten die Menschen ihren Höhepunkt des Jahres. Das örtliche Weinfest – die Sause des Grauens. Eine Coverband spielte die größten Hits der letzten Jahrzehnte . . . Nur noch ein paar Wochen, dann würden wir das alles hinter uns lassen. Keine langweiligen Stufenfeten oder öde Jahrmärkte mehr. Weg mit der Intimität der ländlichen Gegend. Endlich coole Großstadt-Kids.“

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Seinen Eltern widmet er ein eigenes, schon für Außenstehende bewegendes Kapitel. Es heißt „So sein wie ihr“ . . . Der einstigen Videothek in der Tauberbischofsheimer Stadtmitte hat er regelrecht ein Denkmal gesetzt: „Gegenüber der Stadtkirche, neben dem Optiker, lag er in der Dunkelheit. Einer der Treffpunkte unserer Jugend. Ein Ort, an dem die Träume wahr wurden und man reisen konnte in unendliche Welten.“ Die Videothek gibt es nicht mehr, genauso wenig wie die vom Verein „Rockgut“ organisierten Konzerte im Winfriedheim und später im „Alibi“, die er so gerne besuchte. Dazu hat er die wunderbare, an den „Tote Hosen“-Sänger Campino angelehnte Geschichte „Bum Bum Bäng“ geschrieben.

Heute wird nicht mehr geliehen, sondern gestreamt. Und Corona-bedingt finden viele Konzerte nur online statt. „Zu dieser Geschichte habe ich besonders viele Rückmeldungen bekommen“, sagt Martin Bartholme. „Da hat man sich getroffen. Das war unser Ding. Doch nicht nur was Filme betrifft, sondern auch bezogen auf CDs und Bücher geht momentan vieles verloren“, bedauert er. Und als gerade mal 34-Jähriger – einst übrigens großer Fan der Megakerls –, wirkt er sogar auf Menschen, die noch mit Schallplatten aufgewachsen sind, fast schon ein bisschen altmodisch, wenn er gesteht,„ein großer CD-Sammler“ zu sein: „So lange es sie noch gibt, kaufe ich mir CDs.“ Und überhaupt versucht er, so viele Besorgungen wie möglich in Tauberbischofsheim zu machen. Schließlich biete das „nette Städtchen“ vor Ort alles, was man zum Leben braucht.

Nicht nur deshalb hat sich Martin Bartholme ganz bewusst entschieden, nach dem Studium in Fulda und den Jahren in Mannheim, Ludwigshafen und Speyer wieder zurückzuziehen in die „alte“ Heimat. Auf das Leben in einer Großstadt hätte er heute keine Lust mehr, sagt er. Und zum Glück fühle sich seine Frau Kirsten, eine gebürtige Mannheimerin, auch sehr wohl hier. Von ihr stammen das Cover und die Bilder im Buch.

Jemand wie Martin Bartholme, der Musik nicht streamt, sondern noch „kauft“, hält natürlich auch von E-Books nicht viel: „Wenn ein Buch gut ist, möchte ich es auch haben.“ So wie Werke von Rebecca Gablé, Ken Follett, Sabine Ebert, Nick Hornby oder John Niven. Er lacht und sagt: „Ich habe mal von einem Schriftsteller gehört, der sich zehn Bücher kauft, fünf anfängt und dann ein einziges liest. So ist es bei mir auch.“ Und weil er das Thema Freiburg schon erwähnt hat – ist er denn ein richtiger Fan? „Der SC ist ein wichtiges Thema für mich. Ich beschäftige mich jeden Tag mit meinem Verein“, antwortet er. Ob er denn auch Fahnen und Wimpel habe? „Na ja“, sagt der Vater von zwei Töchtern und „gesteht“: „Ich bin sehr gut ausgestattet. Und weil wir gerade umziehen, bekomme ich endlich wieder ein eigenes Zimmer – und das werde ich so dekorieren wie ich will. Dann hole ich alle meine Fanartikel wieder ’raus.“

Ein glühender SC-Fan

Er macht eine kurze Pause und fügt hinzu: „Wir haben jetzt auch ein neues Stadion.“ Wir? Bartholme lacht – in diesem Moment ist er einfach nur ein glühender SC-Fan. Natürlich hat er auch seinem Club eine Geschichte gewidmet. Seine Großeltern lebten in der Nähe des Freiburger Dreisamstadions.

Den Besuchen bei ihnen fieberte er stets entgegen: „Da bot sich für mich auch jedes Mal die Möglichkeit, die Spiele oder das Training der Profis zu besuchen. So fischten wir beispielsweise regelmäßig für die Profis die Bälle aus der Dreisam und freuten uns über Autogramme auf unseren Klamotten.“

Hörbuch von Franziska Benz

Sein Erstlingswerk gibt es übrigens auch als Hörbuch – eingesprochen von einer berühmten „Tochter“ Tauberbischofsheims: Franziska Benz. Die Schauspielerin („Alles was zählt“, „Alarm für Cobra 11“, „In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte“) ist eine Jugendfreundin von Martin Bartholme. Den Kontakt haben die beiden nie verloren. „Ich habe sie gefragt, ob sie das machen würde, dachte aber, dass sie bestimmt absagt“, erzählt er. Durch Corona hatte sie jedoch Zeit.

„Sie findet das Buch toll“, freut er sich und berichtet im selben Atemzug von seiner vierjährigen Tochter, für die er eine Liebeserklärung geschrieben hat. „In der Badewanne befinden sich die Niagarafälle, der Nordpol liegt in der Gefriertruhe, und in deinem Kinderzimmer hängt die größte Kunstsammlung des Planeten . . .“, heißt es da unter anderem. Lachend erzählt er, wie er der Kleinen die Geschichte einmal vorgelesen und gezeigt habe – drei Seiten, die am Ende wohl jedem Vater oder jeder Mutter die Tränen in die Augen treiben. Dann habe er sie gefragt, wie sie ihr gefallen hat. Das Mädchen antwortete so ehrlich, wie Vierjährige nun mal sind: „Nicht so gut, Papa, da sind ja keine Bilder drin.“

Redaktion Im Einsatz für die Lokalausgabe Tauberbischofsheim