Erneuerbare Energien - Für Windräder der ersten Stunde im Main-Tauber-Kreis läuft die 20-jährige Garantie für den Strom-Abnahme-Preis ab Ohne EEG-Förderung droht die Flaute

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Harald Fingerhut
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Für Windanlagen der ersten Stunde wie hier auf der Krensheimer Höhe läuft in den nächsten Jahren die EEG-Förderung aus. © Harald Fingerhut

Weiterbetrieb, Rückbau oder Repowering: Für die Windräder der ersten Stunde im Main-Tauber-Kreis läuft die EEG-Förderung ab. Den Betreibern stellt sich nun die Frage: „Was tun?“.

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Main-Tauber-Kreis. Kaum sind sie den Teenager-Jahren entsprungen, droht ihnen der Exodus. Die Windräder der ersten Stunde fallen nach 20 Jahren Laufzeit aus der EEG-Förderung, die ihnen einen festen Abnahmepreis garantiert, heraus. Ohne diese Finanzspritze droht den Anlagen die wirtschaftliche Flaute. Es ist fraglich, ob sie weiter rentabel betrieben werden können.

Im Main-Tauber-Kreis müssen in den nächsten fünf Jahren 61 von derzeit 144 Anlagen nach und nach auf den staatlichen Bonus verzichten.

Das im Jahr 2000 in Kraft getretene Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) garantierte den Betreibern der Anlagen eine Einspeisevergütung von neun Cent pro Kilowattstunde. Welcher Preis 2021 an der Strombörse zu erwarten ist, kann nur schwer prognostiziert werden. Experten rechnen jedoch mit höchstens vier bis sechs Cent.

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Für die Windräder der ersten Stunde im Landkreis, die auch eine wesentlich geringere Stromernte als die neueren Anlage-Typen einfahren, könnte das das Aus bedeuten. Letztendlich werde das Weiterleben der Altanlagen von Standort und Größe abhängen.

Weiterbetrieb alter Anlagen

Eine mögliche Verlängerung der Lebensdauer der Altanlagen könnten langfristige Stromlieferverträge, sogenannte PPA, bewirken. „Mit Purchase Power Agreements (PPA) schaffe man Sicherheit auf der Einnahmeseite, die die nötigen Investitionen in eine verlängerte Laufzeit finanzieren“, stellen Nils May und Karsten Neuhoff vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in einer Analyse fest. Solche PPAs garantieren sichere Erlöse für bis zu fünf Jahre. Zudem ersparen sie den Anlagen-Betreibern, dass sie den Strom an der Börse oder direkt an Abnehmer aus Industrie, Wirtschaft, Gewerbe oder Energieversorger selbst verkaufen müssen. Ein Geschäft, das zweitaufwändig ist und für das man auch ein spezielles Know-how braucht. Doch gerade letzteres fehlt den Windradpionieren bisweilen.

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Sichere Einnahmen sind für die Betreiber wichtig, weil auch an den Altanlagen nach 20 Jahren Laufzeit investiert werden muss. „Überschreiten die Windkraftanlagen eine Lebensdauer von 20 Jahren, muss nachgewiesen werden, dass die Standsicherheit noch gegeben ist beziehungsweise dass die Anlagen regelmäßig gewartet werden“, teilt Pressesprecher Markus Moll vom Landratsamt des Main-Tauber-Kreises auf Anfrage der FN mit. „Die immissionsschutzrechtlichen Genehmigungen hingegen werden unbefristet erteilt.“ Die Investitionen halten sich also im Rahmen. Dennoch müssen Investitionen und Erträge gegenübergestellt werden.

Repowering

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Sollte sich der Weiterbetrieb der Altanlagen nicht mehr rentieren, bleibt den Betreibern noch die Möglichkeit des Repowering. Obgleich das Wort missverständlich ist und in die Irre führt. Hier geht es keinesfalls darum, die bestehenden Anlagen „wieder zu erstarken“, etwa durch technische oder bauliche Verbesserungen oder Neuerungen konkurrenzfähig zu machen. Vielmehr bedeutet Repowering den Abbau der Altanlage und deren Ersetzen durch eine moderne Einheit, die auf dem neuesten technischen Stand ist.

Die neuen Anlagen haben eine ganz andere Dimension als die alten. Sie liefern wesentlich mehr Strom, sind aber auch wesentlich größer. Die Höhe der Naben ist deutlich nach oben gegangen und auch die Rotorblätter sind länger. „Ja, die Windkraftanlagen sind im Laufe der Zeit immer größer und höher geworden“, stellt Markus Moll fest. „Windkraftanlagentypen, wie sie vor 20 Jahren gebaut wurden, könnten heute kaum noch wirtschaftlich betrieben werden.“ Hinzu komme, dass diese Anlagen-Typen kaum oder gar nicht mehr auf dem Markt erhältlich seien.

Die Windparks werden nach einem möglichen Repowering auch anders aussehen. Aufgrund der Dimension der neuen Anlagen müssen zwischen den Windrädern andere Abstände eingehalten werden und auch die Optik in der Landschaft wird für die Bürger eine andere sein. Die Anzahl der Anlagen wird in den Windparks vermutlich geringer sein. „Für Windparks kann das durchaus bedeuten, dass vier kleinere Anlagen abgebaut werden und dafür zwei große Windkraftanlagen neu entstehen“, so der Pressesprecher des Landratsamts weiter. Die Stromernte der Anlagen kann jedoch um ein Vielfaches höher sein, so dass die ins Netz eingespeiste Menge größer sein wird.

„Die repowerten Anlagen werden wie Neuanlagen behandelt – sowohl bei der Genehmigung als auch bei der EEG-Förderung“, teilt ein Pressesprecher des Umweltministeriums Baden-Württemberg den FN mit. Das heißt, dass für die im Zuge des Repowering geplanten Anlagen vor ihrer Realisierung ein immissionsschutzrechtliches Genehmigungsverfahren erforderlich ist.

Bislang liegen dem Landratsamt des Main-Tauber-Kreises keine Anträge auf Repowering von Windkraftanlagen vor.

Rückbau der Anlagen

Sollte für den Betreiber einer Altanlage weder der Weiterbetrieb noch das Repowering wirtschaftlich darstellbar sein, bleibt ihm noch der Rückbau der Windräder. Die Entsorgung der Windkraftanlage ist originäre Pflicht des Betreibers. Vor Erteilung der Baufreigabe eines Windrads ist dem zuständigen Landratsamt als Sicherheitsleistung für dessen Rückbau eine Rückbaubürgschaft vorzulegen. Die Höhe dieser Bürgschaft richtet sich nach den errechneten Rückbaukosten zum Zeitpunkt der Genehmigung. Sie kommt aber nur als letztes Mittel zum Einsatz, wenn der Betreiber der Windkraftanlage insolvent ist oder sich weigern würde, den Rückbau durchzuführen.

Das Kreisbauamt kontrolliert, dass der Rückbau vollständig erfolgt.

Recycling-Möglichkeiten

Sowohl beim Repowering als auch beim Rückbau fallen die Altanlagen als Industrie-Schrott an. Hier stellt sich die Frage, wie viel des Materials einer Anlage wiederverwendet, also – zu neudeutsch – recycelt werden kann.

„Betrachtet man die gesamte Windkraftanlage inklusive Turm, Rotorblättern und Gondel können heute bereits, bezogen auf die Masse der verbauten Materialien, etwa 80 bis 90 Prozent wieder verwertet werden“, teilte das Umweltministerium Baden-Württemberg auf Anfrage des Abgeordneten Brauer (FDP/DVP) mit. Nach Zerlegung der Anlage würden Wertstoffe wie Kupfer, Stahl, Aluminium und Beton einem Recycling zugeführt. „Kritischere Fraktionen werden thermisch behandelt und beseitigt“, stellt das Umweltministerium weiter fest. Kurzum: Die Stoffe werden verbrannt.

Beim Rückbau fallen meist weniger als ein Prozent carbonfaserverstärkte Kunststoffe (CFK) an. Bis 2005 wurden in den Rotorblättern zur Verbesserung von deren Stabilität glasfaserverstärkte Kunststoffe eingesetzt. Nennenswerte CFK/GFK-Verbünde kommen erst seit 2007 bis 2010 in den größeren Windkraftanlagen mit einem entsprechend großen Rotordurchmesse aus Stabilitätsgründen zum Einsatz, heißt es weiter in der Mitteilung des Ministeriums. Die Masse an verbautem CFK ist deutlich geringer als die von GFK. Die Abfallmengen an CFK würden deshalb in den nächsten Jahren noch sehr gering ausfallen. Die Frage der Entsorgung sei deshalb im Moment nicht akut.

GFK wird als Ersatzbrennstoff energetisch oder in Zementwerkenstofflich und energetisch (Nutzung des Siliziums) verwertet.

Die in CFK enthaltenen Carbonfasern können mittels Pyrolyse vom Kunststoff getrennt und als Recyclingfaser grundsätzlich zur Herstellung neuer CFK-Bauteile eingesetzt werden. Allerdings habe sich bislang noch kein tragfähiger Markt für die Recycling-Carbonfasern etabliert. Insbesondere in Hochbelastungsbereichen wie der Luft- und Raumfahrt und bei Strukturbauteilen setzen Hersteller nahezu ausschließlich Neufasern ein.

Nach Ansicht der baden-württembergischen Landesregierung dürfe es beim Recycling von Carbonfasern keinesfalls zum Downcycling kommen. Das bedeutet, der Weg der Materialien auf die Müllhalde oder in die Verbrennungsanlage sollte vermieden werden. Vielmehr müsse es das Ziel sein, weitere Recyclingtechnologien sowie hochwertige Verwendungsmöglichkeiten für Recyclingfasern zu entwickeln und zu erschließen.

Problematisch sei, dass es aufgrund der mit dem Recyclingvorgang einhergehenden Faserverkürzung zwingend erforderlich ist, regelmäßig Recycling-Fasern aus dem Kreislauf auszuschließen und sie zu verbrennen.

Die Verbrennung von CFK-Bestandteilen ist in üblichen Abfallverbrennungsanlagen wie Müllheizkraftwerken, Ersatzbrennstoffwerken oder Sonderabfallverbrennungsanlagen nicht möglich.

Redaktion Stellvertretender Redaktionsleiter der Main-Tauber-Kreis-Redaktion, Schwerpunkte auf den Kommunen Königheim und Tauberbischofsheim.