Stadtkirche St. Martin - Kirchenchor, Kammerchor "Cantus tubaranus" , Solistenquartett und Streichensemble boten beeindruckendes Konzert Ein voller Klang mit seltener Musik

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Ein beeindruckendes Konzert wurde in der Stadtkirche St. Martin von verschiedenen Ensembles unter der Leitung von Brigitte Meuser geboten.

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Tauberbischofsheim. Ein besonderes Konzert mit selten zu hörender Werkauswahl präsentierten Kirchenchor und Kammerchor "Cantus tuberanus" von St.Martin sowie ein Solistenquartett aus den eigenen Reihen. Dazu musizierte ein zusammengestelltes zehnstimmiges Instrumentalensemble "Passion" unter der Leitung von Brigitta Meuser.

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Vier Motetten aus dem "Schwanengesang" von Heinrich Schütz kamen zunächst zu Gehör, ein Motettenzyklus, den der hochbetagte Schütz als sein letztes Werk verfasste. Dabei handelt es sich jeweils um achtstimmige, doppelchörige Werke, die, wie von der damaligen Aufführungspraxis her üblich, sowohl mit Chorstimmen als auch mit Instrumenten ausgeführt werden. Nachdem vor einigen Jahren erst die verschollenen Stimmbücher wiederentdeckt wurden, können die Motetten dieses Spätwerks auch wieder aufgeführt werden.

Interessant war bei der Aufführung in St.Martin, dass dies in unterschiedlicher Weise auch genutzt wurde und so ganz verschiedene Klangeindrücke der einzelnen Motetten entstanden. "Wohl denen, die ohne Wandel leben" SWV 482 war die erste Motette, bei der Psalm 119 die Textgrundlage bildete und dem Gesamtchor als zweiter Chor eine Blockflöte als Oberstimme, Edith Lang-Kraft, Sven Geier und Michael Meuser gegenüber standen.

Musizierten diese beiden Gruppen in wechselnden Blöcken, so endete das abschließende "Ehre sei dem Vater" in einer echten, grandios klangvollen selbständigen Achtstimmigkeit.

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Die zweite Motette SWV 483 "Tue wohl deinem Knechte" in der Fortsetzung von Psalm 119 wurde vom Kammerchor und dem Solistenquartett musiziert, sehr ausgewogen und klangschön, ergänzt wieder durch die Instrumente. Dialogische Wechsel waren auch hier kennzeichnend, allerdings ließ Schütz die Einsätze oft nicht blockhaft, sondern stimmlich kurz nacheinander einsetzen.

In voller Achtstimmigkeit, aber mit zwei davon als Gesangstimmen wurde die dritte Motette SWV 484 "Zeige mir, Herr, den Weg deiner Rechte" ausgeführt: Die kernig-klare Stimme von Edith Lang-Kraft und der rund-warme Bass von Michael Meuser brachten durchsichtig und kontrastreich die nächsten Passagen des Psalm 119, wodurch besonders deutlich wurde, wie selbständig und vollwertig jede einzelne Stimme von Schütz gesetzt wurde.

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Die vierte Motette "Gedenke Herr, deinem Knechte" SWV 485 wurde in einer vierten Version ausgeführt, die chorischen Unterstimmen Alt/Bass standen den chorischen Oberstimmen S/T gegenüber und wurden durch das Instrumentalensemble eingebettet; ein interessanter neuer Effekt in den Möglichkeiten historischer Aufführungspraxis. Hier waren die musikalisch-emotionalen Ausbrüche, die Schütz aus der Textgrundlage aufbaut, ergreifend und mitreißend. Markant war in der Doxologie der in langen Tönen schwebende Psalmton in der Sopranstimme, unter dem in bewegter Motivik und realer Sechsstimmigkeit das grandiose Chorwerk zum Amen hin ausläuft.

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Die Johannes-Passion des barocken Komponisten Thomas Selle ist so gut wie unbekannt. Etwa 1645, gegen Ende des 30jährigen Krieges entstanden, besetzte Selle dieses Werk mit zwei Chören, einem Solisten-Trio und reichhaltiger Instrumentalbegleitung. Da Hamburg damals weitgehend von den Kriegswirren verschont wurde, konnte er dies umsetzen und nutzte es gezielt für die dramaturgische Ausgestaltung der einzelnen Teile. Neben dem biblischen Text der Johannes-Passion - die am Karfreitag gelesen wird - integrierte er ferner aus dem Buch Jesaja das Lied vom Gottesknecht, den Psalm 22 und zum Schluss das Lied "O Lamm Gottes, unschuldig", bezeichnet als Intermedien.

Neben der Berichterstattung des Evangelisten, hervorragend dargestellt durch den jungen Sven Geier, übernahmen die Chöre die Rolle des Volkes, Edith Lang-Kraft die weiteren Personenrollen, Michael Meuser die Jesus-Worte. Eindringlich und die Dramatik vorantreibend wirkten die Intermedien, bei denen der Kammerchor sich engagiert, zupackend und sicher zeigte und die silberne Sopran-Stimme von Silvia Hellmuth sich intonationssicher gegen die große Besetzung behauptete.

Der große Schlusschor verlangte von allen Beteiligten nochmals die volle Konzentration, hatte Selle hier doch Echoeffekte, überraschende Pausen und asymetrische Übergänge eingebaut. Diese große Besetzung in dieser akustisch schwierigen Kirche zusammen zu halten und allen Stimmen die notwendige Sicherheit geben, war der Verdienst von Dirigentin Brigitta Meuser, die mit ruhigem und klarem Schlag durch die komplexen Werken führte.

Mutig und stimmig zugleich war der Schluss, da aufgrund eines Hinweises im Programm darum gebeten wurde, nach der Passion in Stille zu verweilen und auf Applaus zu verzichten. So klang der tiefe Eindruck einer musikalisch wunderbaren Stunde still in den Herzen nach. tb