Blick in die Geschichte - Bis zu 16 Millionen Volksempfänger waren 1943 zu verzeichnen / Für NS-Propaganda genutzt Auch "Ausländisches" gehört

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Main-Tauber-Kreis. Immer wieder tauchen bei Haushaltsauflösungen Dokumente in Form von Rechnungen, Genehmigungen oder Zeitungsausschnitten auf, die alle Aufräumarbeiten und Modernisierungen in den letzten Jahrzehnten überlebt haben und so ein Bild auf frühere Ereignisse geben - wie etwa eine Rundfunkgenehmigung von 1939 für einen Volksempfänger. Diese wurde im Postamt Tauberbischofsheim im November abgestempelt, und zwar für einen Haushalt in Großrinderfeld.

Eine Rundfunkgenehmigung für einen Volksempfänger aus dem Jahr 1939 für einen Haushalt aus Großrinderfeld.

© Reinhart

Funkausstellung 1933

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Die ersten Modelle wurden schon im August 1933 auf der Funkausstellung in Berlin vorgestellt und während der Ausstellung die ersten 100 000 Geräte verkauft. Insgesamt wurden in den verschiedenen Varianten mehrere Millionen Exemplare der Volksempfänger verkauft. Signifikante Zunahmen der Hörerzahlen waren 1937 als Ergebnis intensiver Hörerwerbung durch das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda und ab 1939 wegen des Kriegsausbruchs zu verzeichnen (1939: zwölf Millionen). Nach und nach wurden die Modelle weiterentwickelt und fanden im Laufe der Jahre auch ihre Abnehmer im ländlichen Bereich.

Das Gehäuse war aus Bakelit (Kunststoff), der reichseinheitliche Preis der vorgeschriebenen Version für den Betrieb am Stromnetz betrug 76 Reichsmark (entspricht nach heutiger Kaufkraft und inflationsbereinigt 325 Euro).

Der Volksempfänger sollte es jedermann ermöglichen, Rundfunk zu hören, auch, um so für die NS-Propaganda erreichbar zu sein.

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Ein weiterer wichtiger Aspekt der NS-Rundfunkpolitik war, dass durch die große Verbreitung des Mediums "Rundfunk" mithilfe der Volksempfänger auch die Zahl der gebührenzahlenden Rundfunkhörer im Reich dauernd anstieg. Ihre Zahl belief sich zum Höchststand 1943 auf rund 16 Millionen Personen, die pro Monat zwei Reichsmark Gebühren bezahlten.

Gebühreneinnahmen

Von diesen Gebühreneinnahmen ging ein kleinerer Teil an die Deutsche Reichspost, der Rest floss an die Reichs-Rundfunk-Gesellschaft (RRG) und vor allem das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda von Josef Goebbels.

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Der Volksempfänger war ein technisch sehr einfach ausgeführtes Gerät für Mittel- und Langwelle, zunächst noch mit Kurz- und Langwelle bezeichnet. Er sollte im ganzen Deutschen Reich mindestens den Empfang des Deutschlandsenders und eines weiteren Programms ermöglichen.

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Die Legende, dass mit dem Volksempfänger keine ausländischen Stationen empfangen werden konnten, stimmt nicht. Berichte aus der zeitgenössischen Literatur zeigen, dass mit dem Volksempfänger je nach Standort und Tageszeit auch ausländische Sender mindestens zeitweise empfangen werden konnten. Besonders war dies zu den Nachtstunden möglich, in denen aufgrund der Raumwelle die Reichweite vergrößert ist. Aus diesem Grund wurden von Reichspropagandaminister Goebbels bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in einer Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen drakonische Strafandrohungen bis hin zur Todesstrafe für das Empfangen von "Feindsendern" - in erster Linie das deutsche Programm der BBC London - durchgesetzt.

Ob der Bürger aus Großrinderfeld nach dem siegreichen "Polenfeldzug" aufgefordert wurde, sich auch ein Rundfunkgerät anzuschaffen oder ober er es freiwillig getan hat, konnte nicht erforscht werden. Es war zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht zu erahnen, dass bis Ende 1942 noch viele siegreiche Meldungen zu empfangen waren.

Beim Einmarsch der Amerikaner im März 1945 im heutigen Main-Tauber-Kreis mussten sämtliche Geräte auf den jeweiligen Rathäusern vor Ort abgegeben werden. rei