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9. Netzwerktreffen der Frühen Hilfen - 70 Prozent der Kita-Kinder nutzen Smartphones mehr als 30 Minuten täglich

Kinder und Jugendliche zu lange im Netz unterwegs

Von 
Matthias Ernst
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Erstmals fand bei einem Netzwerktreffen Frühe Hilfen – Kinderschutz auch ein Markt der Möglichkeiten statt. © Matthias Ernst

Main-Tauber-Kreis. In den letzten beiden Jahren konnte man sich nur virtuell zu allen Themen der Frühen Hilfen austauschen, nun gelang das 9. Netzwerktreffen endlich wieder in Präsenz.

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Sozialdezernentin Elisabeth Krug hielt zu Beginn einen kurzen Rückblick auf die vielfältigen Aktivitäten, die trotz oder gerade wegen der Corona-Einschränkungen im letzten Jahr gelaufen sind. Insgesamt 140 Personen und 47 Institutionen sind im Netzwerk „Frühe Hilfen“ organisiert. Neben den großen Sozialverbänden und Hilfsorganisationen sind auch viele Selbsthilfegruppen und Freie Träger dabei, um das Wohl des Kindes in allen Situationen zu gewährleisten. Gegründet wurde das Netzwerktreffen im Jahr 2013 und hat sich seitdem einen hervorragenden Namen in der Region und darüber hinaus gemacht. „Seitdem sind die ‚Frühen Hilfen’ bekannter geworden“, bestätigte Krug. Sie dankte allen im Netzwerk organisierten: „Ihr Einsatz war die Grundlage für dieses Gelingen“.

Durch den Nachmittag führte Martina Knödler vom Jugendamt des Main-Tauber-Kreises. Ihren Regieanweisungen folgte die ganze Versammlung und das machte sie mit viel Herzblut und Empathie. Knödler und Krug dankten den Mitarbeitenden im Jugendamt für ihren Einsatz. Denn die wären normalerweise beim Betriebsausflug gewesen. Doch die Veranstaltung war schon so lange geplant, dass man sie ungern wieder verschieben wollte, wofür sich das Plenum auch mit viel Beifall bedankte.

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Dann ging es an die Berichte der Arbeitsgruppen. In diesem Jahr stand – aus aktuellem Anlass – der Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen im Mittelpunkt der Ausführungen. Befeuert durch die Coronakrise wurde deutlich, wie weit soziale Medien und Computerspiele das Kindsein beeinflussen. „Die Benutzung von digitalen Medien hat fatale Folgen für das heranwachsende Kind. Gerade Kinder bis drei Jahre sind besonders durch den Konsum von Medien gefährdet“, berichtete Bernhard Bopp vom Caritasverband im Tauberkreis, Beratung Abteilungsleitung Kind, Ehe und Familie. Bereits 70 Prozent der Kinder im Kindergartenalter nutzten ein Smartphone bis zu 30 Minuten täglich, ergänzte Erziehungsleiterin Melanie Kronast vom Erzbischöfliche Kinder- und Jugendheim St. Kilian.

Die dauerhafte Stimulation mit visuellen Reizen führe zu Hyperaktivität, einem erhöhten Risikoverhalten, Gedächtnisproblemen, Schädigung in der Hirn- und Verhaltensentwicklung, Abhängigkeiten und Verhaltenssucht, hätten Studien ergeben, führte sie aus. Auch können sich die Augen durch den ständigen Medienkonsum nicht vollständig ausbilden und es komme vermehrt zu Kurzsichtigkeit und im schlimmsten Fall zur Netzhautablösung oder Grünem Star.

„Kinder müssen in ihrer frühen Entwicklung das räumliche Sehen erlernen. An flachen Bildschirmen ist dies nicht möglich“, so ihre Argumentation. Auch Übergewicht durch zu wenig Bewegung, motorische Defizite oder psychosoziale Probleme seien bei zu viel Medienkonsum im Kindesalter mögliche Folgen.

Bernhard Bopp hat in seiner Beratungstätigkeit und durch Studien beobachtet, dass Eltern sich viel zu wenig Gedanken über die Folgen von zu viel Medienkonsum machen. „Freizeitbeschäftigung darf nicht nur digital sein“, forderte nicht nur er, sondern alle Referenten.

Welche Auswirkungen des übermäßigen Medienkonsums es bei älteren Kindern und Jugendlichen gibt, darüber berichteten Elena Wenzel, Schulsozialarbeiterin in Bestenhaid und Urphar-Lindelbach sowie Anita Lurz von der Jugendhilfe Creglingen, Bereichsleitung stationärer Bereich Süd. Durch Corona sei der tägliche Durchschnitt an Zeit, die vor dem Bildschirm verbracht wird, so Wenzel. Studien hätten gezeigt, dass der Konsum von 4,0 Stunden auf 5,2 Stunden täglichem Medienkonsum bei älteren Kindern gestiegen sei. Bei Jugendlichen liege die Zahl noch höher. Das sei alarmierend.

Die modernen Medien hätten aber auch Vorteile, meinte Anita Lurz. So kommen Jugendliche komplett ohne Tabus an alle relevanten Themen heran, die sich die Elterngeneration noch heimlich erarbeiten musste. Soziale Kontakte würden sich leichter finden lassen, aber auch viele Ablenkungen und Verführungen seien dabei. Deshalb sei es wichtig, dass die Eltern immer auf den Medienkonsum ihrer Kinder achten und mit Rat und Tat zur Seite stehen, nicht als Helikoptereltern oder gute Freunde, sondern als adäquate Ansprechpartner. Hilfen für Eltern gebe es genügend und ein Baustein davon können die Gruppen im Netzwerk Frühe Hilfen sein, so das Fazit der Vorträge, zu denen sich auch noch Michael Goldhammer von Suchtberatungsstelle der AGJ gesellte. Er wies darauf hin, dass auch die Abhängigkeit von Medien eine Sucht sein kann, die rechtzeitig erkannt und behandelt werden muss.

Ein zweiter Block war die Vorstellung der Gewinnung und Vermittlung von Pflegeeltern durch das Jugendamt. Christian Küffner stellte mit seiner herzerfrischenden Art die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten von Pflegeeltern über das Jugendamt vor, von der Notfallbetreuung (Kinderbereitschaftspflege) über Kurzzeiteltern (bis zu zwei Jahre) bis hin zu einer Vollzeitpflege auf Dauer. Dabei warb er eindringlich um weitere Personen und Familien, die sich gerne dieser Aufgabe stellen. Es sei eine „tolle Aufgabe, die Ihr Leben bereichert“. Grundsätzlich könne jeder zu Pflegeeltern werden, die Auswahl und Unterstützung vom Jugendamt sei natürlich immer gewährleistet.

Markt der Möglichkeiten

Danach konnten sich alle Teilnehmer am Netzwerktreffen beim Markt der Möglichkeiten an den Ständen bei verschiedenen Organisationen über deren Arbeit und Wirken informieren und sich vor allem austauschen. Man merkte, das hat gefehlt in den letzten Jahren und soll nun wieder verstärkt durchgeführt werden.

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