Corona-Pandemie - Niedergelassene Ärzte und ihre Medizinischen Fachangestellten geben Einblick in ihre Arbeit / Herausragende Leistungen der MFA gewürdigt An vorderster Front Großartiges geleistet

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Fabian Greulich
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In einer Videokonferenz sprachen die Fränkischen Nachrichten mit Dr. Sebastian Gerstenkorn (Vorsitzender der Ärzteschaft Tauberbischofsheim-Wertheim, oben rechts), Dr. Rainer Grabs (stellvertretender Vorsitzender der Ärzteschaft), Dr. Karsten Braun (Notfallpraxisbeauftragter der KVBW für den Notfalldienstbezirk Wertheim) sowie den Medizinischen Fachangestellten (MFA) Galina Ginter (leitende MFA der Notfallpraxis Wertheim), © FN

Die Corona-Krise hat die Praxis-Teams der niedergelassenen Ärzte in der Region vor eine nie dagewesene Herausforderung gestellt. Besonders gefordert waren die Medizinischen Fachangestellten.

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Tauberbischofsheim. In einem Pressegespräch haben sich Sprecher der niedergelassenen Ärzte sowie der Medizinischen Fachangestellten (MFA) zur Situation während der Corona-Pandemie geäußert. Gegenüber den FN gaben sie in einer Videokonferenz einen tiefen Einblick in ihre Arbeitsabläufe, die mit dem Ausbruch der Pandemie quasi von heute auf morgen völlig auf den Kopf gestellt wurden.

„Wir haben erst lernen müssen, mit dieser Situation umzugehen und zu leben“, sagt Dr. Sebastian Gerstenkorn, Vorsitzender der Ärzteschaft Tauberbischofsheim-Wertheim. Allerdings blieb dafür nicht viel Zeit, denn das Coronavirus kam ohne lange Vorankündigung.

Unmittelbar nach Fastnacht war auf einmal alles anders: Steigende Infektionszahlen, verunsicherte Patienten und ständig wechselnde Verordnungen und Bedingungen entpuppten sich für die Mediziner, aber auch und besonders für deren Mitarbeiter in den Praxen, als echte Herkulesaufgabe. Immer überschattet von der großen Gefahr, sich selbst mit dem Virus anzustecken.

Praxis-Betrieb sichergestellt

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„In Zusammenhang mit der Covid-19-Infektion war in den vergangenen Wochen und Monaten in den Medien viel über die außergewöhnlichen Leistungen der Mitarbeiter von Krankenhäusern, Pflegediensten, Seniorenheimen und anderen Einrichtungen zu hören und zu lesen. Über die Situation der niedergelassenen Ärzte und deren Mitarbeiter – egal, ob Hausarzt-, Facharzt- oder Notfallpraxen – wurde jedoch wenig berichtet“, so Gerstenkorn.

Dabei sei hier an vorderster Front Großartiges geleistet worden – insbesondere durch die vielen MFA, die sich auf hervorragende Art und Weise der Situation gestellt und dafür gesorgt hätten, dass der Praxisbetrieb in der Region aufrecht erhalten werden konnte. „Dieses Engagement, mit dem die MFA unter Einsatz ihrer eigenen Gesundheit agiert haben, kann man gar nicht hoch genug bewerten“, so Gerstenkorn.

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Das unterstreicht auch Dr. Rainer Grabs, stellvertretender Vorsitzender der Ärzteschaft: „Wir Fachärzte hängen sehr stark von Zuweisungen durch die Allgemeinpraxen ab, die in der Regel natürlich erster Ansprechpartner für die Patienten sind. Hier liegt eine besondere Filterfunktion.“ In Zeiten von Corona sei es zu einer besonderen Herausforderung geworden, zu sondieren, ob Patienten überhaupt in die Praxen kommen dürfen. Die Abfrage der Dringlichkeit sei für alle beteiligten MFA eine sehr knifflige und anstrengende Aufgabe gewesen. Gerade in der Hochphase der Pandemie, als in den Arztpraxen die Telefone nicht still standen. Die Medizinischen Fachangestellten hätten in dieser sehr heftigen Phase eine enorm wichtige Aufgabe und große Verantwortung übernommen, so Grabs.

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„Es ging ja auch lange Zeit darum, die Krankenhäuser in der Region zu entlasten, um unser Gesundheitssystem zu schützen und eine Überlastung der Kliniken unbedingt zu vermeiden“, betont Dr. Karsten Braun, Notfallpraxisbeauftragter der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) für den Notfalldienstbezirk Wertheim. In Ländern wie Italien, Frankreich oder Spanien habe man sehr eindrucksvoll vor Augen geführt bekommen, was im schlimmsten Fall passieren kann.

Jedenfalls seien die Praxen der niedergelassenen Ärzte bislang sozusagen „der Schutzwall der Krankenhäuser“, um den Kliniken die notwendigen Kapazitäten für die Behandlung von schweren Covid-19-Fällen zu ermöglichen. Das ist auf eindrucksvolle Art und Weise gelungen, denn: „Sechs von sieben Corona-Patienten wurden bei uns im Land bisher ambulant versorgt“, stellt Braun klar.

Corona sei in den rund 120 Notfallpraxen in Baden-Württemberg sehr früh ein Thema gewesen. In kurzer Zeit sei das Patientenaufkommen stark angestiegen. Dies belege unter anderem die Tatsache, dass die Nummer des kassenärztlichen Notdiensts (116117) täglich bis zu 3000 Mal gewählt wurde – bis zu zehn Mal mehr als sonst.

Wie herausfordernd und anstrengend die Arbeit in den vergangenen Monaten war, wird in den Erzählungen der MFA deutlich, die in Hausarzt-, Facharzt- und Notfallpraxen im Dauereinsatz waren.

„Als es nach Fastnacht quasi explosionsartig losging mit Corona, wurden wir von den Ereignissen förmlich überrollt und mussten von heute auf morgen auf die neue Situation reagieren“, sagt Cathrine Haberkorn aus der Praxis von Dr. Sebastian Gerstenkorn (Königheim).

Zunächst sei zu klären gewesen, wer angesichts der Infektionsgefahr überhaupt in die Praxis kommen durfte. „Die Telefonleitungen liefen heiß, denn die Menschen waren aufgrund der Nachrichten total besorgt und verunsichert. Die Patienten hatten eigentlich alle die gleichen Fragen. Vor allem diejenigen, die kurz zuvor noch Urlaub in einem Risikogebiet gemacht hatten“, erläutert Haberkorn. Und das waren sehr viele. Wochenlang hätten die Telefone in der Praxis nicht still gestanden. Unterdessen habe man die Praxisräume sowie die Arbeitsabläufe der Pandemie anpassen müssen.

„Wir haben alles beschildert und Desinfektionsmittel bereitgestellt. Jeder Patient, der mit grippeähnlichen Symptomen die Praxis betreten wollte, wurde wieder nach Hause geschickt, um dann telefonisch das weitere Vorgehen zu besprechen“, so Haberkorn.

Unter dem Strich habe man von Anfang an versucht, Corona-Patienten so gut wie möglich „auszuschließen“. Dabei sei am Telefon durch gezielte Fragen vorsortiert worden. Auffällig sei in den ersten Wochen gewesen, wie viele Patienten nach Tests fragten. „Wir waren da ziemlich in der ,Schusslinie‘, denn Tests waren gerade in der Anfangszeit der Pandemie nur in begrenztem Umfang vorhanden. Gerade Leute, die sich zuvor in Risikogebieten aufgehalten hatten, wollten getestet werden“, erinnert sich Haberkorn an eine aufregende und sehr stressige Zeit.

Trotz allem sei sie immer gerne zur Arbeit gegangen. „Dabei hat es sehr gutgetan, die Kollegen an seiner Seite zu wissen. Wir haben uns gegenseitig unterstützt.“

Den großen Zusammenhalt im Team unterstreicht auch Galina Ginter, die in der Notfallpraxis Wertheim leitende MFA ist. Anfangs habe es noch einen Mangel an Schutzkleidung gegeben, aber man sei hier vom Krankenhaus unterstützt worden. „Corona- und Risikopatienten werden nur im Isolationszimmer behandelt. Dieses wurde von uns in voller Schutzkleidung betreten. Damit war natürlich ein ziemlich großer Aufwand verbunden, zumal der Andrang der Patienten gerade in den ersten Wochen enorm war“, betont Ginter. Es sei sehr schwierig gewesen, die Patientenströme zu kanalisieren.

„Das Management, welche Patienten unter welchen Bedingungen in die Praxis kommen können, war und ist bei uns eine besondere Herausforderung“, sagen Carina Pulzer und ihre Kolleginnen Kerstin Hirn und Andrea Zegowitz. Sie sind MFA in der Facharztpraxis für Innere Medizin von Dr. Rainer Grabs in Tauberbischofsheim. Auffällig sei gewesen, dass immer mehr Patienten aus ihrer Unsicherheit heraus ihre Termine nach hinten verlegen wollten.

Facharzttermine wahrnehmen

„Genau das ist aber zugleich ein Problem, denn neben Corona gibt es auch noch andere Krankheiten und gesundheitliche Beeinträchtigungen, die ärztlich behandelt werden müssen. Trotz der Pandemie. Insofern mache ich mir schon etwas Sorgen, dass hier einiges auf der Strecke geblieben ist. Deshalb rate ich dazu, Routineuntersuchungen bei Internisten und Fachärzten unbedingt wieder wahrzunehmen“, stellt Dr. Rainer Grabs klar.

Alle drei Ärzte betonen zum Schluss der Videokonferenz, dass sie in der Aufzählung der Berufsgruppen, die eine staatliche Bonuszahlung für ihre Leistungen während der Corona-Krise bekommen sollen, die Medizinischen Fachangestellten sehr vermissen: „Unsere MFA haben definitiv einen Bonus für ihre tolle Arbeit verdient“, sagt Dr. Karsten Braun ausdrücklich auch im Namen seiner Kollegen.

Redaktion Leiter der Redaktionen Tauberbischofsheim, Wertheim und Regionales