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Interview in Großeicholzheim - Lukas Mißler spricht über die Recherche zu seiner Arbeit / Im Schreibprozess vergehen Stunden wie Minuten

„Spurensuche mit vielen Sackgassen“ erfolgreich verlaufen

Von 
Daniela Käflein
Lesedauer: 

Großeicholzheim. Lukas Mißler hat in seinem Heimatort Großeicholzheim zu den 1930er Jahren und dem Beginn des Nationalsozialismus recherchiert und seine Bachelor-Arbeit geschrieben. Ein Interview über die schwierige Suche nach Zeugnissen.

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Recherchen sind ein Art Spurensuche mit vielen Sackgassen. Wie schwierig war das für Sie?

Lukas Mißler: Da bei der Sichtung der Post häufig die Rückmeldung gefehlt hat, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man etwas aus dem Weg geschafft hat, was sich allerdings nicht belegen lässt. Allerdings konnten diese Lücken dennoch teilweise geschlossen werden. Beispielsweise konnte ich Informationen zum Ortsbauernführer und zum Ortsgruppenführer mit Hilfe des Zeitzeugen erhalten.

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Was antworten Sie auf die Frage: „Was haben die Nazis mit mir zu tun?“

Mißler: Das hat sehr viel mit uns zu tun. Wir können dazu beitragen, dass es in Zukunft nicht erneut passiert. Dazu muss man aber wissen, was in der Vergangenheit passiert ist. Das heißt, mit der Sicht auf die Vergangenheit kann die Zukunft ein Stück weit mitgeprägt werden. Die Sicht auf andere Minderheiten verändert sich auch heutzutage. Man hat eine gewisse Verantwortung und muss gerade die grundlegenden Verläufe verstehen, wie es in den 1930er Jahren dazu gekommen ist – und wie man dazu beitragen kann, dass so etwas nicht mehr passiert.

Menschen, die heute jung sind, kennen meist niemanden mehr in der Familie, der sich schuldig gemacht hat oder Opfer des Regimes war. Welche Chance gibt es dadurch?

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Mißler: Man gewinnt dadurch einen gewissen Abstand zur Geschichte und es geht einem nicht mehr so nah. Dabei ist es nicht mal 100 Jahre her, gerade einmal ein Menschenleben weit weg. Persönliche Betroffenheit macht die neutrale, beziehungsweise wissenschaftliche Aufarbeitung auch immer schwierig. Man begegnet dabei oft einer gewissen Voreingenommenheit.

Warum ist es Ihrer Meinung nach für junge Menschen wichtig, die Zeit des Nationalsozialismus zu reflektieren?

Mißler: Es ist wichtig, die Vergangenheit zu kennen. Es geht um die großen Tendenzen und grundlegenden Ideologien und die Frage, wie gehe ich künftig damit um? Es geht nicht darum, jedes Detail, jedes Datum und jeden Beteiligten zu kennen. Es geht vielmehr darum, das Große und Ganze in den Grundzügen zu verstehen und nicht zu verdrängen.

Sie selbst sind ebenfalls jung. Wieviele junge Menschen sehen Ihrer Meinung nach im Nationalsozialismus auch eine Antwort auf die Probleme der Gegenwart?

Mißler: Man kann Prallelen ziehen. Ideologisch unterscheidet sich das aber auf jeden Fall. Parallelen sieht man vor allem im Hinblick auf aktuelle Kriege und die gesellschaftliche Hetzerei gegen bestimmte Gruppen. Aber durch die internationale Verflechtung sind heute alle Länder davon betroffen.

Denken Sie, dass verschwiegene und vergessene Geschichten in den Familien nachwirken?

Mißler: Das sieht man immer wieder. Vor allem in den 1950er Jahren wollte man die Details oftmals gar nicht so genau wissen. Oder man konnte es nicht.

Wie führt man am besten „heikle“ Gespräche mit Familienangehörigen?

Mißler: Wichtig ist immer, erstmal langsam vorzufühlen, was derjenige erzählen will und zu schauen, was er noch weiß. Natürlich ist es auch immer eine Frage der persönlichen Bewältigung. Manche freuen sich auch, wenn man sich dafür interessiert. Je mehr jemand von selbst erzählt, ohne dass man fragen muss, umso besser ist es und umso tiefgründiger und gezielter kann man danach fragen.

Schreiben Sie immer gleich alles auf, was Sie an Neuem erfahren haben?

Mißler: Ja und nein. Ich speichere mir aber vieles eher gedanklich ab, wenn ich etwas Interessantes zu einem geschichtlichen Thema im Fernsehen sehe oder einen Artikel darüber lese. Hinterher lese ich mich dann ein und nähere mich dem Thema. Es gibt mittlerweile für sämtliche Themenbereiche vielfältige Überblicksliteratur, die ich jedem Interessenten empfehlen kann.

Macht Recherche „süchtig“?

Mißler: Ja, auf jeden Fall. Am Anfang einer solchen Arbeit steht großes Interesse. Das Ausmaß stellt sich allerdings erst bei der ersten Recherche heraus. Im Schreibprozess vergehen Stunden wie Minuten und ganze Nächte wie wenige Stunden. Immer wieder ergeben sich neue Ansatzpunkte und es ist oft schwierig, loszulassen, beziehungsweise den geforderten Seitenumfang nicht zu überschreiten.

Welchem Thema wenden Sie sich als nächstes zu?

Mißler: Als nächstes steht die Masterarbeit an. Auch hier will ich mit der kleinräumigen, beziehungsweise mikrohistorischen Perspektive arbeiten. Denn schließlich stellt sich die Frage: Was ist in Großeicholzheim in der Kriegs- und Nachkriegszeit passiert? Die Brüche und Kontinuitäten sind hier einiges umfangreicher. Hier ergeben sich auch ganz neue Quellenbestände wie beispielsweise die Entnazifizierungsakten.

Was möchten Sie abschließend noch loswerden?

Mißler: Mir wäre noch sehr wichtig zu erwähnen, dass Großeicholzheim kein Einzelfall war und dass es in sämtlichen kleineren und größeren Regionen durchaus ähnliche Entwicklungen gab, sowohl in der Zeit vor dem Nationalsozialismus als auch zwischen 1933 und 1945. Es kommt hierbei darauf an, den Einzelfall genau aufzuarbeiten. Die Regionen und damit auch die Entwicklungen dieser Zeit hängen unter anderem von der wirtschaftlichen und religiösen Prägung ab sowie von vorherigen Wahlergebnissen und vom Anteil und der Integration der jüdischen Bevölkerung. Meine Arbeit ist nur das Beispiel für ein Dorf in unserer Region, doch es lohnt auch der Blick in andere Dörfer. Das Landratsamt hat eine Veröffentlichung herausgegeben, in welcher das jüdische Leben dieser Zeit im Neckar-Odenwald-Kreis anschaulich dargestellt wird.

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