Maul- und Klauenseuche in Seckach - Analyse von Thomas Ludwig (Teil 2) / Blick in die Presseberichterstattung der Jahre 1937 bis 1939 Arbeiter auf sichere Seckachseite quartiert

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Die Situation am Übergang zum Sperrbezirk an der 1934 errichteten Johannesbrücke über die Seckach (heute: Eicholzheimer Straße): Zu sehen ist ein Mann, möglicherweise ein Eisenbahner, dessen Schuhe an der Desinfektionsstelle gereinigt werden, wobei der weiße Kittel auf eine „offizielle“ Person hinweist. Ein Uniformierter überwacht das Geschehen am Kontrollpunkt. Die Fotos finden sich im Seidenstricker-Heft Nr. 17, das Zeitungsberichte von November 1937 bis August 1938 enthält. © Gemeindearchiv Seckach

Wie die Presse über die Maul- und Klauenseuche in Seckach in den Jahren 1937 und 1938 in Seckach berichtete, beschäftigt den Vorsitzenden des Heimatvereins Seckach, Thomas Ludwig.

1937 mussten Arbeiter außerhalb des Sperrgebiets links der Sckach untergebracht werden

Am 30. Oktober 1937 berichtete die Presse über die gefundene Lösung für Menschen, die im Sperrbezirk wohnten, aber außerhalb arbeiteten. Sie mussten vorübergehend bei anderen Bürgern untergebracht werden:

„Nachdem in voriger Woche auch in unserer Gemeinde die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen ist, kamen die Sperrmaßnahmen zur Verhütung einer Weiterverbreitung der Seuche zur Anwendung. Da die Seuche nur in einem Ortsteil zum Ausbruch kam, wurde als Sperrgrenze die Seckach bestimmt.

Da hier aber sehr viele Arbeiter – über 100 Personen – täglich zur Arbeit gehen und fast alle Betriebe, wie Bahn, Post, Bergwerk, Steinbruch und Sägewerk, auf dem linken Seckachufer liegen und die Arbeiter alle rechts der Seckach wohnen, war für diese Arbeiter keine Möglichkeit mehr, ihre Arbeitsstätte aufzusuchen.

Nach einer Verfügung konnten nur solche Arbeiter weiterarbeiten, die auch ihre Wohnung auf dem linken Bachufer nehmen. Alle Wohnungsinhaber auf dem linken Ufer – es sind 16 – erklärten sich bereit, die Arbeiter in Unterkunft zu nehmen und ihnen Schlaf- und Wohnungsgelegenheit zu geben, um es so zu ermöglichen, dass niemand seiner Arbeitsstätte verlustig geht.

So bleiben die Arbeiter fern von ihrer Wohnung und Familie, um eine Weiterverbreitung der gefährlichen Seuche zu verhüten. Den Wohnungsinhabern, die die Arbeiter aufnahmen, gebührt Dank, denn durch ihr Verhalten haben sie gezeigt, dass sie wirkliche Dorfsgemeinschaft kennen und diese zur Tat werden ließen. Möge dies das beitragen, dass die Seuche keine Weiterverbreitung findet, dann ist die viele Mühe reich belohnt.“

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Seckach. „Die Maul- und Klauenseuche im Spiegel der Presseberichterstattung“ überschreibt der Bürgermeister und Heimatvereinsvorsitzende von Seckach, Thomas Ludwig, den zweiten Teil seiner Nachforschungen zu der Viruskrankheit (die FN berichteten). Im Folgenden sein Bericht in Auszügen:

„Damals wie heute sind die Medien ein wichtiges Instrument, um die Menschen vor den Gefahren einer Seuche zu warnen und sie über die laufende Entwicklung zu informieren. Die erste Notiz zur Maul- und Klauenseuche in Seckach findet sich am 21. Oktober 1937, wo es heißt: ’Nachdem die Maul- und Klauenseuche in den Nachbarorten Bödigheim und Schefflenz zum Ausbruch kam, wurde diese verheerende Seuche nun auch in unserer Gemeinde festgestellt. Sofort wurden alle Absperrmaßnahmen getroffen und jeder Durchgangsverkehr gesperrt. Volksschule, Kleinkinderschule, Kirche und Gasthäuser wurden geschlossen. Hoffentlich helfen die Sperrmaßnahmen, um eine weitere Verbreitung zu verhüten.’

Für Durchgangsverkehr gesperrt

Und am 23. Oktober 1937 wird berichtet: ’Bis jetzt wurden zehn Gehöfte in unserer Gemeinde von der Maul- und Klauenseuche befallen, die hier zum Glück nur in leichterer Natur aufzutreten scheint, da bis jetzt noch kein Verenden von Großvieh zu verzeichnen ist.’

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Wie bereits in Teil 1 ausgeführt, bestand die besondere Herausforderung in Seckach darin, dass das Sperrgebiet „rechts der Bach“ (also in dem westlich des Seckachbaches befindlichen Altort) lag, während sich im jüngeren Ortsteil „links der Bach“ (also östlich des Seckachbaches) ein Großteil der öffentlichen Einrichtungen wie die Schule und die Kirche befand. Aber auch der Bahnhof und das Gipsbergwerk lagen damit außerhalb des Sperrbezirks. Diese Tatsache konnte einerseits als Glücksfall bewertet werden, denn damit konnte dort weitergearbeitet werden, doch andererseits wohnte eben ein Großteil der Beschäftigten dieser Unternehmen im Altort, sprich: im Sperrbezirk.

Am 30. Oktober 1937 berichtete die Presse laut Ludwigs Recherche über die gefundene Lösung: Die 100 Arbeiter wurden vorübergehend bei Wohnungsinhabern auf der sicheren Seckachseite untergebracht. So konnten sie weiterarbeiten, ohne eine Verbreitung des Virus zu riskieren – allerdings getrennt von ihrer Familie (siehe Infobox). ’

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Ludwig weiter: „Somit haben also 16 Wohnungseigentümer mehr als 100 Personen aus dem Altort bei sich beherbergt, während diese wiederum in dieser Zeit von ihren eigenen Familienangehörigen getrennt waren. Außerdem gab es auch damals schon Ein- und Auspendler und auch deren Wege zur Arbeitsstätte und zurück mussten natürlich penibel geregelt werden.

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Diese besondere Situation dürfte denn auch ein Grund dafür gewesen sein, dass der badische Innenminister zusammen mit dem Landrat des Landkreises Buchen am 4. November 1937 nach Seckach reiste, um sich persönlich ein Bild von den umfangreichen Sperrmaßnahmen zu machen. ’Diese fanden seine Zustimmung’, heißt es am 6. November 1937 in der Presse.

Und weiter: ’Da die Maßnahmen gegen die Seuche ihren Zweck voll erfüllen, konnte das Bürgermeisteramt im Einvernehmen mit dem Bezirksamt eine Lockerung der Sperrvorschriften verfügen. Hiernach dürfen ab heute die Arbeiter, die keinen eigenen Viehbestand haben, wieder nachts in ihre Wohnungen zurück, müssen sich aber jeden Tag beim Gang zur Arbeitsstätte zur Desinfektion melden und einen weiteren Arbeitsanzug auf der Arbeitsstelle zurücklassen. Arbeiter, die Viehbestand haben, müssen auch fernerhin außerhalb des Sperrgebietes Wohnung nehmen; auch solche, deren Angehörige Viehbestand haben – also die Jugendlichen – müssen außerhalb des Sperrgebiets verbleiben.’

Weil Seckach zur damaligen Zeit trotz der genannten Betriebe und staatlichen Dienststellen immer noch eine stark bäuerlich geprägte Gemeinde war, dürfte sich die Zahl der von dieser Lockerung profitierenden Arbeiter in Grenzen gehalten haben.

Höchste Vorsicht geboten

Es war aber auch weiter höchste Vorsicht geboten, denn die Seuche erreichte nun auch immer mehr Nachbarkommunen, ganz konkret im Laufe des Monats November Eberstadt, Schlierstadt und Zimmern. Am 27. November 1937 fasst die Lokalpresse dieses Geschehen wie folgt zusammen: ’Trotz aller Bemühungen hat die Maul- und Klauenseuche hier weiter um sich gegriffen und ist nun auch in den Nachbarorten aufgetreten, sodass unser Ort für den Durchgangsverkehr gesperrt ist und die Verkehrsstraßen verlassen daliegen.’

Gleichwohl bemühten sich die Verantwortlichen, in einem vertretbaren Ausmaß wieder so etwas wie Normalität einziehen zu lassen. Der vorstehend zitierte Artikel erläutert, wie man wieder Taufen ermöglichte und den Schulbetrieb in Gang brachte: Seit Beginn der Seuche erblickten hier drei junge Erdenbürger das Licht der Welt. Dadurch, dass ein Teil unseres Ortes Sperrgebiet ist, der andere Teil Beobachtungsgebiet und die Bewohner des einen Ortsteiles den anderen nicht betreten dürfen, konnten die Taufen der jungen Erdenbürger nicht in der Kirche stattfinden, denn diese liegt außerhalb des Sperrgebietes. Die Taufen fanden dann hilfsweise in dem Schwesternhaus statt (heute die ehemalige Metzgerei Dürr). Seither ruhte hier der Schulunterricht und die Gottesdienste, da Schule und Kirche im Beobachtungsgebiet stehen. Dieser Tage wurde nun mit dem Schulunterricht für die Kinder des von der Seuche nicht befallenen Ortsteiles wieder begonnen; es kommen hier für jede Klasse nur wenige Kinder in Frage. Für die Kinder des Sperrgebietes ruht weiterhin jeder Schulunterricht.’

50 von 84 Höfen betroffen

Am 28. Dezember 1937 finden sich in der Presse erstmals wieder Angaben zur Zahl der betroffenen Höfe. Konkret heißt es: „Leider greift die Maul- und Klauenseuche in unserem Ort immer weiter um sich. Nahezu 50 Gehöfte von insgesamt 84 sind jetzt verseucht. Glücklicherweise verläuft die Seuche hier nicht allzu bösartig. Ungefähr zehn Kühe und 15 Kälber sind bis jetzt eingegangen. Der allgemeine wirtschaftliche Schaden kann heute noch nicht ermessen werden. Hoffen wir, dass unser Ort bald davon befreit wird.’

Etwas überraschend wird dann aber nur zwei Tage später davon berichtet, dass die Seuche im Abklingen befindlich sei. Die Tatsache, dass ein nicht unerheblicher Teil der Höfe verschont blieb, wird als Indiz dafür gewertet, dass das Einhalten der Schutzvorschriften sehr Wohl Nutzen bringt.

Schutzvorschriften halfen

Wörtlich heißt es: ’Die Maul- und Klauenseuche herrscht in unserer Gemeinde bereits über zwei Monate. Durch die Sperrmaßnahmen war es möglich, die Seuche einzudämmen, so dass sie heute erfreulicherweise im Erlöschen begriffen ist. Wenn keine weiteren Seuchenfälle mehr vorkommen, was wir alle innig wünschen, wird unser Ort für Anfang nächsten Jahres seuchenfrei werden. Von den hiesigen Viehhaltungen ist etwa ein Drittel des Viehbestandes seuchenfrei geblieben. Die unbefallenen Gehöfte liegen zum Teil in unmittelbarer Nähe von Viehhaltungen, die verseucht waren. Das ist ein Beweis, dass bei genauer, allseitiger Beobachtung der Abwehrmaßnahmen die Seuche verhütet werden kann. In den befallenen Gehöften trat sie im Allgemeinen auch nur in leichterer Art auf; öfters wurden von einem größeren Viehbestand nur ein bis zwei Stück von der Seuche befallen. Wir alle hoffen, dass die Tierkrankheit recht bald aus unserer Gemeinde verschwunden sein wird.’ Doch freilich sollte bis dahin noch fast ein Monat vergehen, denn erst am 24. Januar 1938 wurde ver-meldet, dass ’Seckach wieder seuchenfrei’ ist. Erneut würdigt die Presse, dass nur die strikte Einhaltung der Schutzvorschriften diesen Erfolg ermöglicht habe.

22. Oktober: Maßnahmen beendet

Endlich verfügte das Badische Bezirksamt Buchen dann am 7. Februar 1938: ’Die Maul- und Klauenseuche in der Gemeinde Seckach ist erloschen. Die unterm 22. Oktober 37 angeordneten Schutz- und Sperrmaßnahmen werden mit sofortiger Wirkung aufgehoben. Die Gemeinde Seckach bleibt jedoch Beobachtungsgebiet.’“

Abschließend verweist Thomas Ludwig auf die vielen Parallelen zu den Maßnahmen, die in diesem Jahr zur Bekämpfung der Corona-Pandemie ergriffen wurden – was dem Leser „sicher nicht verborgen geblieben“ sei.

„Damals wie heute ist die starke Reduzierung der direkten persönlichen Kontakte das wichtigste Instrument, um die Ausbreitung des Erregers einzudämmen“, so der Bürgermeister. Er hofft, dass auch in unseren Tagen bald eine dauerhafte Wirkung eintreten wird, „damit sich das soziale Miteinander in unseren Kommunen wieder wie ’vor Corona’ entfalten kann.“