Neue Gedenksteine in Merchingen - Die Dorfgemeinschaft und Jugendliche erinnern an Deportation jüdischer Menschen vor 80 Jahren „Nicht alle haben aus der Vergangenheit gelernt“

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Merchingen. Aus 138 Orten in Baden verschleppten Nationalsozialisten vor 80 Jahren nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung ins südfranzösische Internierungslager Gurs.

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Heute erinnern Gedenksteine aus 125 dieser Städte und Gemeinden, gestaltet von Jugendlichen, am Mahnmal in Neckarzimmern an den 22. Oktober 1940. Ein Zwillingsstein steht jeweils im Heimatort der Jugendlichen. In diesem Jahr kamen drei neue Gedenksteine hinzu – mit jeweils besonderen Geschichten – aus Merchingen, Nussloch und Muggensturm.

Eine Dorfgemeinschaft hat den neuen Gedenkstein für die 1940 aus Merchingen verschleppten Menschen gemeinsam entwickelt. „Ausnahmsweise sind hier nicht Jugendliche, sondern Erwachsene aus Merchingen aktiv geworden“, erläutert der frühere Jugendreferent der evangelischen Landeskirche, Jürgen Stude, der die Entstehung des Mahnmals seit 15 Jahren begleitet. Bereits in den 80er Jahren entstand in Merchingen eine Gedenkplatte, die in der katholischen Kirche daran erinnert, dass das Gebäude vor der Nazizeit eine jüdische Synagoge war. Für den Stein übernommen wurde das Motiv auf der Gedenkplatte – ein siebenarmiger Leuchter und darüber ein Ölbaum – und das Zitat aus einem Römerbrief des Apostels Paulus „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“.

Damit solle auch deutlich werden, dass sich das Christentum aus dem Judentum aufbaut, darin seine Wurzel finde, so der evangelische Pfarrer von Merchingen, Dietmar Reizel.

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Aus Merchingen waren zur zentralen Gedenkfeier am vergangenen Sonntag 15 Gäste, darunter der Bürgermeister und die Ortsvorsteherin, nach Neckarzimmern gekommen.

„Leider zeigen aktuelle Ereignisse, dass Antisemitismus nicht nur vor 80 Jahren aktuell war. Es ist erschreckend, dass Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland in Angst leben müssen, angegriffen zu werden. Mich macht es traurig, dass nicht alle aus unserer deutschen Vergangenheit gelernt haben“, sagte die 14-jährige Joanna Großmann aus Nußloch bei der Einweihung des neuen Steins während der Gedenkfeier für die deportierten Jüdinnen und Juden am Mahnmal am vergangenen Sonntag in Neckarzimmern. Dies zeige ihr, wie wichtig dieses Mahnmal sei, und dass auch kommende Generationen daran erinnert werden müssten, dass sich die Ereignisse von damals niemals wiederholen dürfen.

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Nußloch erhielt nach 2009 zum zweiten Mal ein örtliches Mahnmal und den Zwillingsstein in Neckarzimmern. Witterungseinflüsse und Vandalismus hätten den bisherigen Stein so beschädigt. Der Blick in die Vergangenheit berührte die Jugendlichen: „Wenn wir darüber sprachen, wie das Mahnmal genau aussehen soll, lief es uns immer wieder eiskalt den Rücken runter“, erinnert sich Joanna Großmann heute.

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Unterstützt wurden sie von Erwachsenen der katholischen und der evangelischen Gemeinde und einer Familie jüdischen Glaubens. Ein gebrochener Muschelkalkstein aus dem heimischen Steinbruch soll, so Joanna, die auseinandergerissene Gesellschaft während der Nazidiktatur symbolisieren“. Darauf liegt ein aufgeschlagenes Buch aus Jura-Kalkstein, das die jüdische Tradition des „Buchs des Lebens“ aufgreife. Die Inschrift sagt in deutsch und hebräisch „Gedenke, vergiss nicht“ und nennt die Namen der vier Deportierten.

Für Sophie-Marie Kinner zeigt der Gedenkstein der Konfirmandinnen und Konfirmanden aus Muggensturm mit einem gebrochenen Davidstern „das Leid, das den Menschen angetan wurde“. Dunkler und heller Marmor sollen „die dunkle Zeit und gleichzeitig die Lichtblicke symbolisieren“. Überstrahlt und zusammengehalten werde der gebrochene Davidstern von einem leuchtend roten, ganzen Davidstern: „Er steht für die Liebe und für unsere Hoffnung, dass so etwas nie wieder geschieht,“ so die Konfirmandin.

Landtagspräsidentin Muhterem Aras, der Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Baden, Jochen Cornelius-Bundschuh, Weihbischof Peter Birkhofer für die Erzdiözese Freiburg und Landesrabbiner Moshe Flomenmann hatten bei der Gedenkfeier die Bedeutung der Erinnerungsarbeit für eine offene Gesellschaft und gegen Antisemitismus betont. Seit 15 Jahren findet die Gedenkfeier am Mahnmal für die aus Baden nach Gurs deportierten Jüdinnen und Juden in Neckarzimmern im Odenwald statt – verantwortet durch die Evangelische Landeskirche in Baden in Kooperation mit der Erzdiözese Freiburg und dem Förderverein Mahnmal Neckarzimmern.

Beim landesweiten Jahrestag der Deportation, am 22. Oktober, gab es landesweit Gedenkfeiern und das Läuten der Totenglocken in den Deportationsorten.