Leserbrief - Zur Flurneuordnung in Ravenstein „Die Natur ist wie immer der Verlierer“

Lesedauer: 

Als vor Jahren die Themen Klimaerwärmung, Umweltschutz, Insektensterben und Artenschwund noch nicht in den Vordergrund gerückt waren, konnte man das Verlangen und den Wunsch nach einer Befestigung („Asphaltierung“) des Weges in Merchingen von der unteren Mühle bis zum Gerüst noch durchaus gutheißen. Dass im Rahmen der Flurneuordnung Ravenstein-Merchingen (Wege- und Gewässerplan) jedoch zur heutigen Zeit noch an diesem Vorhaben festgehalten werden soll, ist nach meinem Gutdünken kaum nachvollziehbar.

AdUnit urban-intext1

Die begleitenden Maßnahmen: Anbringen eines Geländers an der ehemaligen Mühle, Vertiefung des Feuchtgebietes, Bepflanzung am Regenüberlaufbecken, Baumaßnahmen am Wehr und an der Steige sind durchaus zu begrüßen.

Die Gesamtkosten, so konnte man der Presse entnehmen, belaufen sich auf stolze 410 475 Euro; davon hat die Gemeinde einen erklecklichen Teil, trotz klammer Kasse, von 61 571 Euro plus Kosten für den Zukauf von Grunderwerb für den Wegebau (wozu eigentlich) zu entrichten.

Weg erfüllt alle Anforderungen

In meinem Brief vom 7. Dezember des vergangenen Jahres an den Gemeinderat der Stadt Ravenstein, welcher aus unerklärlichen Gründen diesem zur entscheidenden Sitzung am 11. Dezember vorenthalten wurde, habe ich ausführlich meine Bedenken dargelegt. Dieser circa 750 Meter lange vorhandene Weg erfüllt alle Anforderungen, sowohl für Spaziergänger, Jogger, Reiter, Radfahrer und kleinere Anliegerfahrzeuge. Größere landwirtschaftliche Fahrzeuge und Pkw/Lkw können ohne Mühe auf die parallel verlaufende Kreisstraße ausweichen.

AdUnit urban-intext2

Beide Fahrspuren des vorhandenen Weges sind auf festem Untergrund und geben auch bei schlechtem Wetter wenig Anlass zur Beanstandung. Kleinere Pfützen können mit wenig Aufwand beseitigt werden. Sie dienen zudem vielen Kleintieren zum Tränken und können leicht umfahren beziehungsweise umgangen werden.

Der Mittel- und die Seitenstreifen sind teilweise mit verschiedenen Gräsern und wertvollen Kräutern begrünt und begünstigen das Überqueren des Weges durch Klein- und Kriechtiere.

AdUnit urban-intext3

Ein asphaltierter Weg würde eine doch gewollte Vernetzung vieler Tierarten sicher erheblich erschweren, zumal hier ein reger Austausch zwischen den feuchten Talwiesen und dem leicht verbuschten und verwaldeten Hang, für uns oft unsichtbar, stattfindet.

AdUnit urban-intext4

Ferner ist sicher davon auszugehen, dass zukünftig so mancher Autofahrer den doch ruhigen, für ihn stressfreien „sauberen“ Weg nutzen wird und dabei Fußgänger und Radler stark gefährdet werden. Das wird auch eine angedachte, völlig überflüssige Ausweichbucht nicht verhindern.

Als regelmäßiger Radfahrer ist mir bekannt, dass in Deutschland viele hunderte Kilometer von stark frequentierten Radwegen nicht asphaltiert und versiegelt sind. Wasserdurchlässigkeit und Biotopvernetzung sind hier wichtige Kriterien.

Asphaltierte Wege erhitzen

Nicht unbeachtet sollte man lassen, dass unsere Straßen im Sommer stark erhitzen und somit zur Klimaerwärmung erheblich beitragen. In Baden-Württemberg werden täglich Flächen einer Größe von fünf bis zehn Sportplätzen (5,3 bis sechs Hektar) verbaut und versiegelt.

In Sonntagsreden wird von Mandatsträgern dieses immer wieder angesprochen und beklagt. Es gibt meines Erachtens keinen vernünftigen Grund, um hier ein Stück fast intakter und idyllischer Landschaft zu versiegeln und zu verschandeln, zumal doch wohl niemand gezwungen wird, die zugewiesenen Mittel voll auszuschöpfen.

Es wird so sein: Der Herr Minister hat publikumswirksam den Bewilligungsschein vorbeigebracht, die Damen und Herren vom Amt für Flurneuordnung haben ihren Job gemacht, die Gemeinderäte stimmten kritiklos und einstimmig zu, wir brauchen weder Schuhe noch Rad putzen, zur Einweihung stellen sich die Akteure dem Fotografen, die Presse schreibt einen Bericht über die nachhaltigen und glücksbringenden Errungenschaften, und die Natur ist wie immer der Verlierer. Reimer Peters, Ravenstein