Begleitung für Ältere und Sterbende - Ökumenische Hospizgruppe Adelsheim-Osterburken-Seckach freut sich über Wiederbegegnungen / Am 10. Oktober ist Welthospiztag „Man spürt, dass man gebraucht wird“

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Sabine Braun
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Ein Gespräch, ein gemeinsam gesungenes Lied oder eine kleine Berührung – wenn auch in Corona-Zeiten mit Handschuhen – können froh machen. Das wissen die ehrenamtlichen Begleiter der Hospizgruppe Adelsheim-Osterburken-Seckach. © Ina Fassbender/dpa

Osterburken. „Lieber an Corona sterben als an Einsamkeit“. Diese trotzig-traurige Bemerkung hörten die ehrenamtlichen Begleiterinnen der Hospizgruppe Adelsheim-Osterburken-Seckach in den Zeiten der strengen Corona-Beschränkungen im Frühjahr nicht selten. Im Klartext: Was nutzt es alten Menschen und Sterbenden, wenn sie von der Außenwelt abgeschottet und dadurch vor dem Virus geschützt sind, gleichzeitig aber ihre Freunde und Angehörigen nicht mehr treffen können? Darüber berichten Marianne Segieth, die Vorsitzende der Hospizgruppe Adelsheim-Osterburken-Seckach, Edeltraud Britsch, Begleiterin und ehemalige Koordinatorin im Raum Ahorn-Boxberg, Elisabeth Michels, Begleiterin und Vorstandsmitglied, sowie die Koordinatorin Beate Steinbrenner im Gespräch mit den FN. Für viele Heimbewohner sei es furchtbar gewesen, keine Ansprache mehr von außen zu haben. „Da gab es einen Mann, der fütterte vorher immer seine Mutter, durfte das dann aber nicht mehr tun. Das war ganz schlimm für beide“, so die Koordinatorin.

Die ökumenische Hospizgruppe Adelsheim-Osterburken-Seckach mit Ahorn-Boxberg

Die ökumenische Hospizgruppe Adelsheim-Osterburken-Seckach e.V. wurde am 12. Oktober 2004 als Verein gegründet und ist als gemeinnützig anerkannt. Sie arbeitet nicht nur in den namengebenden Orten, sondern auch in Ravenstein und Rosenberg sowie Ahorn und Boxberg.

Das Büro der Ökumenischen Hospizgruppe Adelsheim-Osterburken-Seckach mit Ahorn-Boxberg ist in der Osterburkener Turmstraße 17. Es wurde es im Januar 2019 eröffnet.

Geöffnet ist das Büro dienstags von 10 bis 12 Uhr. Koordinatorin Beate Steinbrenner ist per Handy (0151 19 48 15 26) zu erreichen. Ein Anrufbeantworter ist geschaltet.

Es gibt einen Stamm von 24 ehrenamtlichen Mitarbeitern und Funktionären. Lediglich die Koordinatorin Steinbrenner ist vom Verein geringfügig beschäftigt angestellt. Die Begleiter erhalten Fahrtgeld.

Unter den Ehrenamtlichen sind 18 bis 20 ausgebildete Personen, welche andere Menschen begleiten. Überwiegend sind es Frauen, die meisten sind um die 70 Jahre alt. Sie unterliegen der Schweigepflicht.

Die Mitglieder begleiten nicht nur Sterbende, sondern jeden, der alleine ist und Unterstützung braucht. Ihr Einsatz ist kostenlos und setzt keine Mitgliedschaft voraus.

Die Ökumenische Hospizgruppe ist christlichen Wertvorstellungen verpflichtet. Doch sie ist für Menschen aller Konfessionen und Nationalitäten da. „Wir drängen niemandem etwas auf. Der Wunsch des Begleiteten ist für uns das A und O“, sagen die Mitglieder.

Die Hospizgruppe sieht ihr Angebot als Ergänzung der pflegenden, medizinischen und pastoralen Dienste. Gemeinsam will man zu einem würdevollen Leben und Sterben beitragen. Auch Trauerarbeit mit Angehörigen wird angeboten.

Die Arbeit der Hospizgruppe wird zu einem Teil staatlich unterstützt. Für „abgeschlossene“ Begleitungen, also wenn der Betreute verstorben ist, gibt es eine Förderung nach dem Sozialgesetzbuch. Darüber hinaus ist die Hospizgruppe auf Spenden angewiesen.

Die Kirchen unterstützen die Hospizgruppe, unter anderem, indem sie Räume zur Verfügung stellen. So finden aktuell die monatlichen Gruppenabende im Bernhardusheim in Osterburken statt.

Die Kontaktadresse: Ökumenische Hospizgruppe Adelsheim-Osterburken-Seckach mit Ahorn-Boxberg, Postfach 11 24, E-Mail an info@hospizgruppe-osterburken.de. sab

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Ich bin gar nicht gefragt worden, was ich möchte“, habe mancher Betreute geklagt. Dafür haben die Begleiterinnen viel Verständnis: „Es ist bestimmt ganz schlimm, den letzten Lebensabschnitt so alleine zu verbringen, zu sterben, ohne Abschied nehmen zu können“, so Steinbrenner. „Man weiß ja auch noch gar nicht, was das auslöst, wenn die geliebte Oma stirbt und der Enkel sie nicht mehr sehen konnte.“ Vier von der Hospizgruppe betreute Menschen seien während des Lockdowns gestorben, ohne dass man davon erfahren habe.

Andererseits haben die Frauen der Hospizgruppe auch Verständnis für die Krankenhaus- und Heimleitungen und dafür, dass sie das Ansteckungsrisiko verringern mussten. Zum Glück seien die ganz harten Beschränkungen, als fast gar niemand die Häuser betreten durfte, wieder vorbei. Doch nach wie vor seien in vielen Heimen die Wohngruppen getrennt und es gebe kaum gemeinsame Veranstaltungen oder Gottesdienste für alle.

Das Jahr hatte gut angefangen

„Im Jahr 2019 haben wir 30 Menschen begleitet. Auch 2020 fing gut an. Wir hatten viele Anfragen, auch von Privatpersonen.“ Die Hospizgruppe sei in den Pflegeheimen im Bauland sowie in Privathäusern wie gewohnt regelmäßig präsent gewesen, auch auf der Palliativstation des Krankenhauses in Buchen, so Beate Steinbrenner. „Dort geht eine Mitarbeiterin von Zimmer zu Zimmer und bringt den Menschen Blumen.“ Besucht wurden – vor Corona – aber nicht nur Sterbende in der Palliativabteilung, sondern auch Patienten auf anderen Stationen, wenn sie keine Angehörigen haben oder wenig Besuch bekommen.

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„Doch dann kam der Lockdown, und es ging schlagartig gar nichts mehr“, so die Koordinatorin. „Wir konnten niemanden mehr besuchen. Es war einfach völliger Stillstand.“

Jetzt endlich könne man Leute, die man bereits seit fünf Jahren begleite, wieder sehen, freut sich Beate Steinbrenner. Natürlich mit den üblichen Vorgaben: Am Eingang in eine Liste eintragen wie jeder Besucher, Hände desinfizieren und Mund-Nasen-Bedeckung tragen. Die meist weiblichen Begleiter, selbst oft schon über 70, „setzen sich unerschrocken ihre Maske auf, gehen ins Heim und besuchen ihre bettlägerigen Menschen“, freut sich Beate Steinbrenner über das große Engagement.

Berührungen fehlten

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Was so sehr gefehlt hat, ist wieder möglich: Ein Gespräch, ein gemeinsam gesungenes Lied, vielleicht ein Gebet oder auch eine kleine Berührung – natürlich mit Handschuhen, betonen die Begleiterinnen. Alten Menschen und besonders Sterbenden sei sehr geholfen, wenn man ihnen eine Hand auf die Schulter legt oder über den Arm streicht. „Dieser Körperkontakt wurde schmerzlich vermisst“, so Elisabeth Michels. „Einfach dem Menschen in der Endphase des Lebens das Gefühl geben, dass er nicht alleine ist.“ Ganz oft sei kein langes Gespräch nötig. „Es geht nur um Präsenz. Um meine Zeit, die ich dem anderen Menschen schenke.“ Denn: „Was braucht man schon im letzten Lebensabschnitt?“, so Elisabeth Michels. „Lieben Besuch, Ruhe, ein bequemes Bett.“ Die Begleitung geschehe nach dem Prinzip: „Was willst du, dass ich dir tu’?“ Oder noch einfacher: „Die Betreuten geben den Ton an.“

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„Hospiz, da denkt man gleich ans Sterben. Doch was wir wollen, ist eine lebensbejahende Begleitung machen und die Angehörigen unterstützen.“ Ganz oft schreckten die Familien davor zurück, sich helfen zu lassen, teilweise aus falscher Scham. „Viele möchten nicht sagen, dass sie es alleine nicht schaffen.“ Dabei sei die Betreuung pflegebedürftiger Menschen eine riesige Rund-um-die Uhr-Aufgabe. Da brauche man unbedingt Entlastung.

Das Wichtigste ist das Vertrauen

Sich einen Begleiter der Hospizgruppe ins Haus zu holen, bedeute deshalb einen großen Vertrauensbeweis. Doch wenn das Vertrauen erst einmal hergestellt ist, seien die Familien „unendlich dankbar“. Oft geht es nur darum, dass jemand für ein paar Stunden bei dem Patienten sitzt. Dann können pflegende Angehörige auch einmal in Ruhe etwas anderes machen, zum Arzt gehen oder auch nur einkaufen. „Viele sagen, wenn ich das gewusst hätte, dass ihr das macht, hätte ich euch schon früher angerufen“, so Beate Steinbrenner.

Dabei ist die Begleitung keine Einbahnstraße: „Diese Tätigkeit gibt viel zurück. Man spürt, dass man gebraucht wird“, betont Elisabeth Michels.

Natürlich ist auf den Dörfern die Gemeinschaft oft noch stark, weiß Edeltraud Britsch. Freunde und Nachbarn kümmern sich, vielleicht kommt noch die Sozialstation und eine Hauswirtschaftshilfe. „Das reicht wahrscheinlich, dann braucht man die Hospizgruppe nicht so.“ Manche Familie mit Migrationshintergrund sei zudem sehr zurückhaltend. Die Kultur müsse bei einer Begleitung immer mit berücksichtigt werden, so Edeltraud Britsch. Vor sieben Jahren haben sich die Mitglieder „ihrer“ damaligen Hospizgruppe Ahorn-Boxberg dem benachbarten Verein angeschlossen, und das „klappt wunderbar“. Darüber freut sich auch Marianne Segieth: „Schön, wenn sich so ein Schritt als richtig erweist.“

Zum Abschluss haben die vier engagierten Frauen noch einen Wunsch: „Über neue ehrenamtliche Mitglieder würden wir uns wahnsinnig freuen.“ Das nötige Rüstzeug erhalte man im Rahmen eines Kurses.

Und sie haben eine Botschaft an alle betreuenden Familien. Sie sollen wissen: „Da gibt es die Hospizgruppe. Die kommen und helfen, wenn wir sie rufen.“

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