AdUnit Billboard
Dunzendorfer Literaturabend - Hohenloher Dichter Gottlob Haag steht beim Landfrauenabend im Mittelpunkt

Wenn Worte tief in Seelen fallen

Von 
Inge Braune
Lesedauer: 
„Fast, als wäre er dabei gewesen“, urteilten die Anwesenden über den Gottlob Haag-Abend im Dunzendorfer Gasthof „Zur Krone“. Peter Warkentin (links) und Walter Krüger brachten die Stimme Hohenlohes zum Klingen. © Inge Braune

Es gibt sie, diese seltenen Momente, in denen Worten Flügel wachsen und das Schweigen dazwischen langen Nachhall gebiert. Mehrfach gab es sie bei einem Gottlob-Haag-Abend in Dunzendorf.

AdUnit Mobile_Pos2
AdUnit Content_1

Dunzendorf. Selten sind sie, diese Momente, in denen sich Vergangenheit und Gegenwart die Hand zu reichen scheinen und ein Lebensfunke so heiß überspringt, dass Zuhörende zu Eingenommenen, Eingesponnenen, frisch Entflammten werden.

Gottlob Haag? Natürlich, sie kannten ihn als Mitlebenden, der sich „mit schtaawieee Schueh“ einsamen Spaziergängen und ungewohnten Gedankenwegen hingab, als einen, mit dem man wohl den Raum, damals, als er noch lebte, aber nur selten den Geist teilte. Er selbst drückte es so aus: „Der und e Dichter? – / Deß geiit s doch goer nidd! Deß doch e Schüommer / und aaner von uns! // Deß kou doch / goer ko Dichter seii! / Der iss doch a bloes / neii d Volksschuel gange / und hat nidd gschtuddieert.“

Aus Gottlob Haags Leben plauderte Walter Krüger zuerst, kam von der Kindheit zur Jugend, zum Arbeitsleben, zum Hausbau – dem allerersten Neubau im Dorf überhaupt, wer weiß das denn noch – und zum Schreiben, zu Preisen, zu Ehrungen seitens der Heimatstadt und zum Gottlob Haag-Kabinett, dem Haag-Studienarchiv; beklagte, dass das selten genutzt werde und erhob an Gottlob Haags statt seine Stimme – in Haags Dialekt, den er nach langen Jahren des Hierseins sich einverleibt hat.

AdUnit Mobile_Pos3
AdUnit Content_2

Im Haag-Kabinett ist Gottlob Haags Stimme noch zu vernehmen – und etliche seiner auf Hochdeutsch geschriebenen Texte. Die brachten vor Jahren Maria und Peter Warkentin zu klingen, an diesem Abend nur Peter Warkentin, nur er – aber wie! Da spricht ein Begeisterter, einer, der sich mit Haut und Haar hineinsinken lässt in die Bilder, die Gottlob Haag mit seinen hochdeutschen Versen wie seinen Dialektworten malte. Dass noch kein Maler auf die Idee kam, nach Haags Versen zu malen…

Eingesponnen in die Gedankenwelt

Und dass noch keiner und keine, die durch die Herrgottskirche zu Creglingen führt, auf die Idee kam, den Interpretations- und Betrachtungsschatz zu benutzen, den der Wildentierbacher Autor im Bändchchen „Laß deinen Schritt auf leisen Sohlen gehen“ hinterließ.

Warkentin und Krüger – zwei Nichthiesige, zwei, die hier heimisch wurden durchs Leben, zwei, die in den Texten Haags auch immer die Fremdheit des hier Heimischen, nicht aber Beheimateten erspüren – gaben an diesem Abend Gottlob Haag ihre Stimmen, holten den Autor in neuen Facetten mitten hinein in die Gedanken der Lauschenden.

Nein, die sich da versammelt hatten, Frauen überwiegend, denn die Einladung hatten die Landfrauen Wildentierbachs und angrenzender Ortschaften ausgesprochen, waren gewiss keine Schar erkorener Lyrik-Liebhaber oder -Kennerinnen. Aber immer tiefer ließen sie sich einspinnen die die Haagsche Gedankenwelt, atmeten mit, als Warkentin „In meinem Dorf“ vortrug: „In meinem Dorf hat die Sprache / Einen breiten Rücken. / Die Reden tragen mit Vorliebe / Genagelte Schuhe.“ – Und weiter: „In meinem Dorf kümmert sich / Der Denkmalschutz / um viele Dinge, / vielleicht schon bald / um das ganze Dorf.“

AdUnit Mobile_Pos4
AdUnit Content_3

Auch dem „Tauberherbst“ folgten sie, wanderten mit Gottlob Haag durchs lohrot von den Hängen brennende Kirschlaub (frei zitiert), erschnupperten den „Atem des Herbstes“, vermeinten zu hören, die der Most „in die Keller geschlaucht“ wird, und beobachteten mit ihm nächtliche Heimkehrer: „Im Schlurfschritt schwanken auf Zickzackwegen / die Zecher heim durch die Straße, / verfluchen den Bordstein, / verwünschen die Stufen, / beschimpfen den Schlüssel / und das Schloss an der Tür.“ Solche Sätze einem Schauspieler, und der Bericht wird nicht nur Theater, sondern gerinnt zu einwachsender Erinnerung. „In ere alde Dorfkärch“ hat Haag sich umgesehen, sein Wortbild gemalt: „Üwer’n Aldoer leiit Golgatha / und e’ Schpinne knüpft ihr Netz / n’ Schmerzensmou neii’d Achselheiihle.“ Und in „Ner aamoel im Leewe“ – Bruno Stern zum Gedächtnis – hat er das ganze Elend der Vertreibung und Vernichtung jüdischer Mitbürger in freie Verse gesetzt: „Ner aamol im Leewe is die ald Sarah / mit dr Eisibouh gfoehre, / und deß ou em schäene und warme Summerdooch / nach Dachau.“

Ja, es gibt sie, diese seltenen Momente, wo den Worten Flügel wachsen und das Schweigen langen Nachhall gebiert. Am Gottlob-Haag-Abend in Dunzendorf gab es sie mehrfach.

Freie Autorin Berichte, Features, Interviews und Reportagen u.a. aus den Bereichen Politik, Kultur, Bildung, Soziales, Portrait. Im Mittelpunkt: der Mensch.

AdUnit Footer_1
AdUnit Mobile_Footer_1