Rothenburg - Tabakwaren- und Zeitschriftenladen Karl Ehmann schließt seine Pforten / Inhaberin Helga Sperer geht in Ruhestand / Gründer stammte aus Blumweiler Weiteres Stück Tradition geht verloren

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Dieter Balb
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Helga Sperer im Gespräch mit einer Stammkundin in ihrem Altstadt-Laden in der Hafengasse 13. © Dieter Balb

Der Tabakwaren- und Zeitschriftenladen Karl Ehmann schließt seine Pforten – damit geht ein weiteres Stück Tradition in der Rothenburger Altstadt verloren.

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ROTHENBURG. Mit jedem Fachgeschäft, das schließt, geht ein Stück traditioneller Handelsstruktur in der Innenstadt verloren. Ab nächstem Monat wird es den Tabakwaren- und Zeitschriften-Laden Karl Ehmann in der Hafengasse nicht mehr geben. Inhaberin Helga Sperer geht in Ruhestand, eine Nachfolge gibt es nicht. Ihr aus Blumweiler gebürtiger Vater hatte das Geschäft gegründet. Auch diese Branche ist damit in der Altstadt ausgestorben. Unberührt davon bleibt der Großhandel und Automatenvertrieb Ehmann.

Die Innenstädte verändern sich, und in Rothenburg fällt es ganz besonders auf, wenn die letzten kleinen Läden mit persönlichem Bezug zumachen. „Der gute Kontakt mit den Kunden, von denen man viele schon sehr lange kennt”, so Helga Sperer, war das Besondere an ihrem langen Arbeitsleben. Und nicht jedem Kunden ging es nur um den Kauf einer Zeitschrift, einer Zigarettenmarke oder einer Pfeife mit Zubehör. Der Tabakwaren-Laden lebte vor allem von den Rothenburgern, aber trotzdem schätzt Helga Sperer den touristischen Anteil auf rund 30 Prozent. Man weiß, wie wichtig solche Läden für das Leben in einer Kleinstadt sind, ja fast schon eine soziale Funktion haben. Da wird der Einkauf oft zur Nebensache, und es geht mehr um das Miteinander reden „über Gott und die Welt“. Ein Stammkunde: „Man kam halt gerne auch einfach zum Tratschen!”

Als Helga Sperer als junge Frau nach der Realschule in Ansbach das Verkaufen lernte, dachte sie noch daran die Tauberstadt mal zu verlassen, aber dann kam es doch anders. Die Eltern und später vor allem die Familie mit Sohn und Tochter waren neben dem Ladengeschäft triftige Gründe, im Heimatort ansässig zu bleiben. Heute sagt sie: „Ich bereue es nicht, es ist schön hier zu leben und ich habe den Laden gerne gemacht”. Ihre Stammkunden beklagen schon seit langem das altersbedingt drohende Aus ohne Nachfolge. Aber wenn ein Traditionsladen in der Altstadt schließt, wird schnell allgemein gejammert, „auch von denjenigen, die schon lange vor den Toren in den Märkten einkaufen” meinte Helga Sperer.

Konkurrenzlos

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Das Rauchverbot und die strenge Gesetzgebung hat die Tabakwarenindustrie zwar gebeutelt, was aber nicht nennenswert auf ihre Ladenkundschaft durchschlug, stellt die Inhaberin fest. Außerdem war man die letzten Jahre sowieso konkurrenzlos in der Altstadt. Zigarren-Cesinger in der Hafengasse hat als Fachgeschäft schon lange geschlossen. Mit der Rothenburger Familiengeschichte Ehmann sind zwei weit zurückreichende Geschäftszweige verbunden. Vater Karl Ehmann (geboren 1899 im heutigen Creglinger Stadtteil Blumweiler) hatte schon 1928 einen „Groß- und Einzelhandel in Tabakwaren sowie Zuckerwaren“ in der Wenggasse 5 begründet. Im Jahr 1930 zog der Laden dann in die Hafengasse 8 um und bereits 1932 in die Hafengasse 13, wo Tochter Helga 1976 den Laden vom Vater (er ist 1988 verstorben) übernahm. Zeitschriften kamen erst in den achtziger Jahren dazu. Ihr Bruder Walter kümmerte sich um den größeren Geschäftszweig, den der Firmengründer als völlig eigenständigen Großhandel und Automatenvertrieb aufbaute, der schon zum 50-jährigen Bestehen 1978 mit 60 Millionen Mark Umsatz glänzte.

Walter Ehmann hat den Großhandel erfolgreich weiterentwickelt. Auch nach seinem Tod vor sieben Jahren hat die Karl Ehmann Großhandels GmbH & Co. KG (heutige Geschäftsführung Walter Schopf) im Gewerbegebiet soliden Bestand bei derzeit 25 Mitarbeitern. Der Vertrieb mit rund 4000 Zigarretten-Automaten in der Region ist wesentlicher Teil. Helga Sperer freut sich jetzt auf den Ruhestand mit mehr Zeit zum Lesen und für die Familie. Ein Erlebnis aus diesen Tagen hat sie zum Abschied besonders berührt: Ein holländisches Ehepaar, das jedes Jahr auf der Urlaubsfahrt nach Süden in ihrem Laden vorbeischaute und erfuhr, dass er nun schließt, besuchte sie im Januar noch mal. „Die haben mich zu Tränen gerührt” erzählt die Inhaberin, denn die Holländer überraschten sie mit einem kleinen Geschenk und einer Dankeskarte „An die liebe Frau vom Zeitschriftenladen!”. Helga Sperer: „Da fällt einem das Aufhören doch gleich ein bisschen leichter”.

Autor Redakteur, Wort- und Bildjournalist, Video