Kabarett mit Henning Venske - Gedankenfeuerwerk schonte nichts und niemanden Vom Grundrecht auf die Blamage

Von 
Peter D. Wagner
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Niederstetten. "Satire - gemein aber nicht unhöflich" lautete der Titel eines politischen Kabaretts mit Henning Venske am Montagabend im sehr gut besuchten Kult in Niederstetten. "Seine Laufbahn ist so vielschichtig, dass es mir kaum gelingen würde, sie wiedergeben zu können", meinte Norbert Bach, Kulturamtsleiter und Organisator der Kulturreihen der Stadt Niederstetten, bei seiner Ankündigung Venskes. Wie zuvor verlautbart worden sei, werde Venske Ende November 2018 seine Bühnenkarriere beenden. Das Gastspiel im Niederstettener Kult sei also zugleich sein letzter Auftritt in der Region und damit letzte Gelegenheit, einen der schärfsten, bissigsten und beständigsten Kabarettisten der Republik live in der Gegend zu erleben.

Henning Venske war "gemein, aber nicht unhöflich".

© Peter D. Wagner
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Der 1939 in Stettin geborene Schauspieler, Moderator, Regisseur und Schriftsteller gilt nicht nur als einer der herausragenden Protagonisten und Altmeister des politischen Kabaretts in Deutschland, sondern speziell auch als wortgewandter, scharfzüngiger und streitbarer Satiriker. Über die Bühne kam er als Sprecher zum Rundfunk und als Schauspieler zum Fernsehen, wo er durch zahlreiche Sendungen einem breiten Publikum bekannt wurde.

Anfang der 1980er Jahre war Venske Chefredakteur der Satirezeitschrift "Pardon" sowie von 1985 bis 1993 Autor und Kabarettist bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft.

Wegen inhaltlicher Auseinandersetzungen insbesondere aufgrund seiner äußerst kritischen und aufsässigen Äußerungen wurde Venske von etlichen öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten mit einem Sendeverbot belegt und erlangte das "Prädikat" als "Deutschlands vielleicht meistgefeuerter Satiriker", wie Bach anmerkte. Einhergehend veröffentlichte Venske rund 25 literarische Werke, unter anderem die Biografie "Es war mir ein Vergnügen" (2014). Zudem erhielt er zahlreiche Auszeichnungen wie etwa den Ehrenpreis zum Deutschen Kleinkunstpreis (2010) zusammen mit Jochen Busse und den Jürgen-von-Manger-Ehrenpreis für sein Lebenswerk (2017).

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Sein aktuelles Programm "Gemein aber nicht unhöflich" drehte sich insbesondere auch um das Thema Satire. Mit bissiger und kämpferischer sowie zugleich präziser, intelligenter und tiefsinniger Wortgewandtheit sezierte Venske sowohl die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen als auch Satire an sich. "Willkommen im Ohrfeigen-Seminar, ich bin Ihre Opposition", begrüßte er zum Auftakt das zahlreiche Publikum im Kult zu einem Abend, bei dem "anarchistische Staatsbürgerkunde" auf der Agenda stehe. "Das wird kein leichter Abend für Sie", kündigte er zudem an, nachdem einige Zuhörer auf einen vermeintlich ziemlich harmlosen Merkel-Witz mit einem süffisanten "oh, oh!" reagiert hatten.

Demokratie und Satire seien gleichzeitig vor etwa 2500 Jahren erfunden worden und existierten bis heute, um das Bestehende zu zersetzen. Mit Satire hätten sich von Anfang an Glaubens- und Religionssysteme sowie Weltanschauungen und soziale Klassen bekämpft. Satire dürfe alles, was sie könne, könne wiederum alles, was sie wolle, und wolle alles, was sie müsse. "Was muss Satire? Nichts", konstatierte Venske.

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Vielmehr widersetze sich Satire jedem Zwang, jeder Machtausübung und allen Hierarchien - und vor allem der Dummheit. "Wir Deutschen sind ein Volk von Satirikern und wissen, wann die Grenze erreicht ist - nämlich wenn man selber betroffen ist", fügte der Altprofi- und Meistersatiriker hochgradig ironisch hinzu.

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"Satire ist eine Kunstform und die Realität ist das nicht", meinte Venske weiter. Einerseits klinge es zunächst griffig und überzeugend, wenn angesichts von Äußerungen oder Missgriffen politischer Mandatsträger Realsatire angesagt zu sein scheine, weil die Realität oft noch viel überraschender und aberwitziger sei als alles, was die Bühne zu bieten habe.

Gleichwohl treffe dies nicht zu, denn "der Politiker erzeugt seine Komik ja nicht mit Absicht, er nimmt lediglich sein Grundrecht auf Blamage wahr". Genauso, wie keine Realsatire existiere, gebe es keine schlechte Satire, weil scheinbar schlechte Satire gar keine Satire sei. "Bei einem gestandenen Satiriker können Sie getrost Absicht unterstellen, wenn er in einen Hundehaufen latscht", unterstrich Venske.

"So gut, wie man dieses schöne Land schlecht machen kann, ist es gar nicht", meinte er am Ende seines rund zweistündigen Gedanken- und Satirefeuerwerks.

Zwar zeigte sich Venske dem Publikum gegenüber höflich, jedoch ansonsten tatsächlich gemein. Seine bissigen bis hin mitunter radikalen Ausführungen waren zwar nichts für empfindliche Feingeister, gleichwohl war das zumindest Kennern von Venskes Satireart bereits von vornherein klar. Und wer nicht Freund politischen Kabaretts, sondern vor allem auch "gemeiner" Satire ist, der kam zum einen am Montagabend im Niederstettener Kult bei Venske nochmals auf seine vollen Kosten sowie wird den Altmeister dieses Genre zukünftig auf den Kabarettbühnen reichlich vermissen.