Theatergruppe „ho-ho-hoffentlich“ Oberstetten - Mit der Adaption der Fernsehserie „Braunschlag“ das Publikum begeistert / Zusatzvorstellungen Voller Überraschungen und feiner Ironie

Von 
Inge Braune
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Geldgier trifft Gläubigkeit: Im neuen Theaterstück in Oberstetten geht es um ein Dorf, das dringend Geld braucht und das dafür eine Marienerscheinung erfindet – das Chaos ist vorprogrammiert.

Reinhard Matussek (Gerhard Stahl, rechtes Bild) will auch etwas abbekommen von der Marienverehrung. Die Polizei hat derweil alle Hände voll zu tun (Bild links). © Braune
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Oberstetten. Gier, Geiz und Größenwahn: das ist das Gemenge, das „Braunschlag“ prägt – natürlich neben wilder Kumpanei, Liebesleid und Liebesfreud. Leicht schräg sind sie alle in dem von der Theatergruppe Oberstetten ins Hohenlohische verpflanzten Städtchen „Braunschlag“ – einem Import aus der 2011 vom ORF produzierten Serie aus der Feder von David Schalko.

Einige wollen nur nur noch weg, und sei es mit UFO-Hilfe, der Russenmafia oder einer Fernreise nach Mauritius, andere wollen unbedingt schnell einen großen Reibach machen, der Gastwirt etwa, der Bürgermeister – und dessen Töchterlein natürlich auch.

Es geht steil bergab im Ort. Kurt Tschach, der Bürgermeister – perfekt interpretiert von Frank Dimler – hat die Stadtfinanzen komplett im Aquapark versenkt und sich zur Finanzierung des Größenwahns mit der Russenmafia eingelassen; der reichste Mann im Ort, Mülldeponie-Betreiber Matussek Senior (sehr ausdrucksstark: Gerold Stürnkorb), schreckt nicht vor dunklen Geschäften zurück und ist entsprechend gestraft mit Krankheit, UFO-gläubiger Verwandtschaft samt Tochter Elfi und Schwiegersohn Richard Reissiger, bei denen nicht nur der Nachwuchs ausbleibt, sondern auch der wirtschaftliche Erfolg der Dorfkneipe zu wünschen lässt.

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Immerhin auf einen treuen Kunden kann sich der Wirt (Tobias Weihbrecht in Hochform) verlassen: auf Tschach, den Bürgermeister, Kumpel schon aus Kindertagen. Gemeinsam brüten sie mit einer fingierter Marienerscheinung eine Strategie zur lokalen Finanzsanierung aus.

Außer- und Überirdisches

Verlassen können sie sich dabei auf die Geldgier von Tschach-Tochter Marie (Marie Klemmer) und auf die Gutgläubigkeit von Reinhard beziehungsweise Reingard (Gerhard Stahl und Anna Wieczorek schlüpfen in unterschiedlichen Vorstellungen in diese schlitzohrige Rolle) Matussek, der/die ganz fest an die baldige Ankunft eines Ufos glauben.

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Wer an Außerirdische glaubt, dem sollte sich auch Überirdisches aufs Auge drücken lassen . . . Der Plan geht auf: Dorftrottel Reinhard verkündet das Erscheinungswunder, Touristen kommen und die beiden im ziemlich toten Dorf durch Langeweile leicht angestaubten Polizisten Gerti und Hannes – perfekt spielen sich Petra Hub und Gerhard Kudec die Bälle zu – haben endlich wieder eine Aufgabe: Sie müssen irgendwie des von den Besuchermassen verursachten Verkehrschaos’ Herr werden – auch gegen den Willen Tschachs, der sich natürlich auch für die Parkgebühren interessiert.

Der Vatikan schöpft Verdacht

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Mit seiner Geldgier ist er in bester Gesellschaft: Wirt Reissiger kreiert ein Pilgermenü, der Erscheinungsseher bietet den Pilgern Verkündigungseinheiten, der „Russe“ (Julian Stürnkorb) nimmt die Finanzinteressen der Mafia wahr, Marie Tschach probiert’s mit Erpressung – man hat zu tun in Braunschlag.

Eng wird es für all die Reibach-Macher, als sich auch der Vatikan für das Marienwunder interessiert und Monsignore Banyrdi (Gastspieler Wolfgang Utner gibt einen wunderbar selbstherrlichen Advocatus Diaboli) zwecks Entlarvung an den Erscheinungsort entsendet.

Exakt gezeichnete Charaktere

Da bleibt nur wenig Zeit für die Ehefrauen Herta Tschach (Bärbel Reinhard) und Elfi Reissiger (Vanessa Reinhard), die – die eine betend, die andre um den Kinderwunsch besorgt – um ihre Ehen und Bauxi, den verschwundenen Jagdhund von Matussek Senior, bangen. Vanessa Reinhard hat Bauxi-Darsteller Lukas Martin perfekt für seine Rolle eingekleidet.

Es sind punktgenaue, teilweise mit bitterer Ironie gewürzte Dialoge, authentische Blickwechsel, exakt gezeichnete Charaktere und gekonnte Bühnenwege, die das aus dem Serien-Achtteiler verdichtete Spiel zwischen Erscheinungshügel, Dorfkneipe und Kirchenportal – das von Regisseur Florian Brand entwickelte Bühnenbild realisierten Tobias Dinkel und Eber – prägen.

Dem gebürtigen Dunzendorfer Florian Brand ist mit der Oberstettener Amateurtruppe „ho-ho-hoffentlich“ eine rasante, überraschungsreiche Inszenierung gelungen, bei der selbst feinste Pointen zünden, ohne je in die Nähe schenkelklopfender Klamotte zu geraten.

Für die perfekt gezeichneten Stimmungen sorgt das Licht-, Ton- und Bühnentechnikteam Marc Dimler, Martin Scheu und Benjamin Wagner, für die perfekt auf die Rollen abgestimmten Masken sorgt verlässlich Sybille Schröder.

Das Premierenpublikum spendete den Spielerinnen und Spielern sowie der ganzen Crew reichlich hoch verdienten Beifall – und die Truppe konnte aufgrund des rasant laufenden Vorverkaufs bereits zwei Zusatztermine ankündigen.

Freie Autorin Berichte, Features, Interviews und Reportagen u.a. aus den Bereichen Politik, Kultur, Bildung, Soziales, Portrait. Im Mittelpunkt: der Mensch.