Mini-Festival - Drei Tage „Hoffest“ in Rüsselhausen / Stefan Hiss und seine Polka-Rocker als Headliner / Kulturamt Niederstetten startet Dörfer-Reihe So ungefähr muss das Paradies aussehen

Von 
Michael Weber-Schwarz
Lesedauer: 
Sympathische Großspurigkeit ist bei „Hiss“ Programm: Das Publikum in Rüsselhausen feierte die exzellente Live-Band. © Michael Weber-Schwarz

Das schreit förmlich nach mehr: Kuschelig, klasse organisiert und hinreißend. Mit einem Mini-Festival machte der Rüsselhäuser Martinshof den Ort drei Tage lang zum Sympathie-Dorf.

AdUnit urban-intext1

Rüsselhausen. Wenn man was richtig auf die Beine stellt, dann steppt auf dem Dorf der Bär. Elpersheim, Honsbronn – die Weikersheimer Nachbarortschaften haben heuer bereits gezeigt, dass man mit Selbstbewusstsein, Kreativität und guter Organisation sein Publikum findet. Landleben ist „hip“ – und für Rock’n’Roll in der Prärie muss man nicht einmal die Kühe wegsperren, sondern sie dürfen in Rüsselhausen sogar mitspielen.

Möglich gemacht hat das Minifestival fürs Dorf (und jede Menge Konzertbesucher, die aus der Region zwischen Würzburg und Schwäbisch Hall den Weg in den Nieder-stettener Ortsteil gefunden haben) der „Rückkehrer“ Gerd Bayer.

Unter dem Titel „Stadt, Land, Hof – Vom Modefotografen zum Biobauern?“ gibt’s eine sehenswerte Fernsehreportage, die einen Teil von Bayers Lebensweg dokumentiert. „Gestern hat Gerd Bayer noch in Hamburg Models in teuren Kleidern fotografiert, jetzt steht er in einem Kuhstall in Baden-Württemberg und flucht: Die alte Melkmaschine funktioniert nicht richtig. Übernimmt Bayer den Milchviehbetrieb seiner Eltern in seinem Heimatdorf mit 120 Einwohnern oder kehrt er zurück in die Großstadt?“ – so hat zuletzt der NDR diesen Film geteast. Am Wochenende jedenfalls: Bayer scheint sich fürs Land entschieden zu haben. Er wustelt (trotz eines gebrochenen Fingers) durch die Besucher-Reihen auf dem Martinshof, schleppt Bierkisten und hat dazwischen immer noch Zeit für einen kleinen Smalltalk.

Ein Volltreffer

AdUnit urban-intext2

Mit den bekannten Hohenloher Mundartmusikern „Johkurt und Paulaner“ startete das Konzertwochenende am Freitag, am Sonntag gab’s Jazz – und am Samstagabend krachte es mit „Hiss“. Die Folk-Rock-Polka-Band aus Stuttgart ist für Niederstetten bereits so eine Art musikalischer Longseller – das „Kult“ hat die Band in den zwei Jahrzehnten ihrer Existenz bereits mehrfach gefüllt.

Jetzt hat Sandra Neckermann vom Niederstettener Kulturamt die Reihe „Kult auf Tour“ gestartet und zusammen mit Gerd Bayer Rüsselhausen zum Premieren-Veranstaltungsort der Musik-Serie gekürt. Ein Volltreffer. Weg von den kulturellen Verdichtung und Zentralisierung, hin zu Locations, die Gastlichkeit, Gemütlichkeit, fast schon so eine Art Familienanschluss versprechen. „Raus aufs Land“, das wertet die Ortsteile unbedingt auf und schafft Verbindungen, betont die Zusammengehörigkeit.

AdUnit urban-intext3

Stefan Hiss (Akkordeon, Gesang) war für diesen eigentlich naheliegenden, aber trotzdem ungewöhnlichen und wagemutigen Ansatz ein Idealbotschafter. Wenn man Steak und Kapellenmusik als Anti-Modell heranziehen will – in Rüsselhausen gab’s Grünkernküchle und rauschende Seemannslieder. Ein bisschen Homecoming der ökoorientierten 70er Jahre vielleicht auch, mit entsprechend älteren und insgesamt milderen Zuhörern, die aber noch immer ihr Recht auf intelligente Unterhaltung und Musik jenseits des Mainstreams einfordern. Da darf dann auch getanzt werden oder laid-back in den extra aufgestellten Betten der Altvorderen gefläzt. Mit einem kühlen Glas Weizenbier in der Hand und dem Blick auf den Großen Wagen, der wie bestellt genau an diesem Abend am Himmel über Rüsselhausen funkelt.

AdUnit urban-intext4

Volksmusik, Walzer, Südsee-Tunes oder ein Freddy-Quinn-Hit: „Hiss“ kultivieren Piraten- und Kerle-Attitüde, labern charmant-großkotzig ihr Publikum an, verströmen Urbanität ebenso wie Weltgewandtheit. Sie sind wie der Bekannte, den eigentlich jeder hat. Der immer unterwegs ist und ungefragt auch gern davon berichtet. Bei dem man aber immer Zweifel hat, ob’s nicht doch nur eine billige Pauschalreise an irgendeine ostdeutsche Seenplatte war. Oder am Ende sogar garnix.

Lockerheit in Perfektion

Das alles bringt die Band mit soviel Nonchalance (Stefan Hiss würde dieses Wort jetzt erklären und das Publikum noch nebenbei wissen lassen, dass er vermutlich der einzige ist, der es kennt) und musikalischem Können auf die Bühne, wie es nur ein lange eingespieltes Team kann. Die Rädchen greifen ineinander, alles sitzt dermaßen, dass es wieder locker werden kann.

Mittendrin im stimmungsvoll beleuchteten Hofgelände die gelösten und begeisterten Zuhörer – zwischen kitschig-wilhelminischen Jesusbildern, alten Pferdedecken und -halftern, Regalen mit Waschschüsseln, Bohnenschneidern und einer großen Sammlung von (vermutlich) Opas Spazierstöcken mit schwarzen Anti-Rutsch-Gummipfropfen. Ehrlich: So ungefähr muss das Paradies aussehen, denn es gibt sogar noch eine putzige Bar mit leichten Sommer-Sprit-Getränken. Und vor allem: Lauter schöne Menschen.

Redaktion Im Einsatz für die Lokalausgabe Bad Mergentheim