Günter Emigs Literatur-Betrieb - Schönhuth-Erzählung „Die Letzten von Hohenlohe-Brauneck oder das Nägelkreuz in der Herrgottskirche“ herausgebracht Schaurig-schöne Mär mit Lokalkolorit

Von 
Inge Braune
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Der Niederstettener Verleger Günter Emig mit zwei seiner jüngsten Werke: Das Schönhuth-Bändchen „Die Letzten von Hohenlohe“ kann man leicht in der Hand halten, das Mammutwerk über Kunst zu Kleist bringt über fünf Kilo auf die Waage. © Braune

Günter Emig aus Nieder-stetten hat in seinem Kleinverlag eine melancholisch-sagenhafte Erzählung des Pfarrers und Schriftstellers Ottmar Schönhuth herausgebracht.

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Niederstetten. Manche Mär ist schaurig schön. Ottmar Schönhuth, der aus Sindelfingen stammende evangelische Pfarrer, Schriftsteller und Heimatforscher, hatte ein Herz für derartige Geschichten – und für die Geschichte. Württemberg, Baden und der Bodenseeraum faszinierten ihn – aber das Feld, das er am liebsten beackerte, war Hohenlohe.

Hierhin – genauer: nach Dörzbach – hatte es den 31-Jährigen 1837 verschlagen. Schönhuth blieb der Region treu, trat nach fünfjährigem Dienst in Dörzbach seine Pfarrstelle in Wachbach an. Er ging auf die 50 zu, als er zur letzten Arbeits- und Lebensstation nach Edelfingen zog. Er wurde nur 58 Jahre alt, hinterließ aber deutliche Spuren: Der Geistliche begründete mehrere Maifeste und Sängervereinigungen, in Wachbach eine Suppenküche, in Mergentheim einen Armenverein. 1847 gehörte er zu den Gründern des Historischen Vereins für Württembergisch-Franken, den er ab 1851 als Vorsitzender leitete.

Über 200 Bücher

Gleich zu Beginn seiner Hohenloher Zeit hatte er mit dem zwei Jahre älteren Dichterpfarrer Eduard Mörike, auch er ein Freund des märchen- und sagenhaften Erzählens, enge Freundschaft geschlossen.

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Es sind über 200 Bücher und Schriften, darunter Chroniken und Ortsgeschichten, Reiseführer, historische Werke sowie Sagen- und Märchenaufbereitungen, mit denen der seinerzeit viel gelesene Autor sein Publikum und Kollegen wie Gustav Schwab (Pfarrer und Dichter), Ludwig Uhland (Jurist und Dichter) und Justinus Kerner (Arzt und Dichter) begeisterte.

Sagen und Geschichten aus Hohenlohe erzählte er ebenso wie die Nibelungensage neu; Doktor Faust widmete er eine „höchst wunderbare und schauerliche Historie“, und auch das „Käthchen von Heilbronn“ hat er der dichtende Pfarrer in eigener Bearbeitung vorgelegt.

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Unvermeidlich, dass der in Niederstetten lebende Verleger Günther Emig, bis 2018 langjähriger Direktor des Kleist-Archivs Sembdner, auf den Käthchen-Autor Schönhuth aufmerksam wurde. Kleist und Käthchen gehören schließlich aufs engste zusammen. Durchaus spannend fand Emig, der bereits als Student erste große Literaturausgaben editierte, den Historienerzähler. In seinem Verlag „Günther Emigs Literatur-Betrieb“ gab er jetzt die kleine Schönhuth-Erzählung „Die Letzten von Hohenlohe-Brauneck oder das Nägelkreuz in der Herrgottskirche zu Creglingen“ heraus. Es ist ein kleines, sehr fein gestaltetes Paperback-Büchlein im Oktav-Format, inklusive Nachwort und ergänzenden Anmerkungen gut 70 Seiten stark, das mit acht Euro eigentlich unterbezahlt ist.

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Nur ganz behutsam hat Emig den Originaltext bearbeitet, Schreibweisen für heutige Leser angepasst, nichts an Stil und Textfluss verändert.

Die melancholisch-sagenhafte Erzählung schweift von der Burg Brauneck über die Creglinger Herrgottskirche, Kloster Frauental und Weinsberg bis ins ferne Rom, berichtet von Liebe, Glück, Leid, Tragik, von Burgleben, Braut- und Pilgerfahrt. Ein Schmökerchen mit viel Lokalkolorit, das Heimatliebhabern und Besuchern des Taubertals viel Vergnügen bereiten dürfte.

Von Klitzeklein-Büchlein über Flugschriften, Jahrbücher, Editionen, Texte der Moderne, Regionalia und perfekt erarbeitete literaturwissenschaftliche Veröffentlichungen zu Heinrich von Kleist bis zum Fachliteratur-Vielpfünder reicht Emigs Verlagsprogramm.

Faszinierende Projekte

Darunter finden sich faszinierende Verlagsprojekte wie Emigs Käthchen-Parallelausgabe, die den Kleistschen Originaltext Zeile für Zeile synoptisch mit der Bearbeitung von Franz Ignaz von Holbein vergleicht, der Käthchen zum Theatererfolg machte.

Auch die jüngste Publikation des Ein-Mann-Verlages ist eine Frucht von Emigs Begeisterung für die Kleist-Forschung: Pünktlich zum 80. Geburtstag der ehemaligen Fachreferentin für Kunstgeschichte an der Staatsbibliothek zu Berlin, Barbara Wilk-Mincu, brachte er ihren in gut vier Jahrzehnten erarbeiteten „Catalogue raisonné“ (Bestandskatalog) „200 Jahre Kunst zu Heinrich von Kleist“ heraus. Auf rund 2000 im Format 28 mal 10 Zentimeter in Leinen gebunden Seiten hat Emig die drei Bände gestaltet, die es auf ein stattliches Gesamtgewicht von annähernd fünfeinhalb Kilogramm bringen. Wilk-Mincu, Kunsthistorikerin und Bibliothekarin, gilt als weltweit beste Kennerin der Kleist-Ikonographie und führende Kapazität bei die bildende Kunst und Kleist betreffenden Fragen.

„Kleist in der Bildenden Kunst zu dokumentieren erfordert profunde Kenntnis sowohl der Kunst- wie der Literaturgeschichte,“ erläutert Emig. Eine derartige Aufgabe ist eigentlich nur interdisziplinär und mit hohem Aufwand zu stemmen, was erklärt, warum bislang niemand versuchte, die enorme Herausforderung anzugehen.

Die Kunsthistorikerin und Bibliothekarin verkörpert diese Interdisziplinarität regelrecht. Mit langem Atem stellte sie ohne jegliche finanzielle Förderung die internationale Wirkungsgeschichte Kleists in der Bildenden Kunst zu einem schwer zu übertreffenden Grundlagen- und Standardwerk zusammen.

Kleine Auflage

Ihr leidenschaftliches persönliches Interesse entstand bei der Vorbereitung zur Ausstellung anlässlich von Kleists 200. Geburtstag, die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz und die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft 1977 veranstalteten. Weil sie für diesen Anlass mehr sammelte, als im geplanten Rahmen ausstellbar war, begann sie mit der Erstellung eines Kataloges zu allen Stücken. Der wuchs und wuchs – und als Günther Emig sie auf ihr Projekt ansprach, sagte Barbara Wilk-Mincu zu.

Ihr in Emigs Kleinverlag veröffentlichtes, auf lange Sicht kaum überholbares Mammut-Werk mit alphabetischem Künstlerverzeichnis und detaillierten Informationen zu den Künstlern und den Werken ist in einer Auflage von 200 Exemplaren erschienen. Es dürfte weltweit einen festen Platz in Universitäts- und Landesbüchereien finden.

Wie es Emig geschafft hat, dieses Nischenprodukt für den unschlagbaren Preis von 323 Euro anbieten zu können? Er zuckt die Schultern. Er habe eben schlicht alles außer den Bindearbeiten selbst gemacht. Da kann man nur sagen: Kleiner Verlag ganz groß.

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