Evangelischer Kirchenbezirk Weikersheim - Kirchengemeinderat in Adolzhausen sieht in Vorgaben der Landeskirche das falsche Signal / Heute Gemeindeversammlung Kürzungspläne stoßen auf Gegenwehr

Von 
Bettina Semrau
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Pfarrermangel, Sparzwänge und ein immer stärker sinkendes Interesse: Die Kirche ist im Umbruch und muss neue Wege finden, um die Menschen weiterhin und auch wieder zu erreichen. Über das „Wie“ gibt es bei Kirchenführung und Gläubigen manchmal unterschiedliche Auffassungen, so auch in Adolzhausen. © DPA

Gründe gibt es sicher genug, doch für die Menschen, die betroffen sind, ist es ganz schön hart: Die Zahl der Pfarrer sinkt immer weiter, auch Adolzhausen und Oberstetten sind jetzt wohl betroffen.

Drei Pfarrer betreuen evangelische Kirchengemeinden in Niederstetten

Zurzeit sind drei Pfarrer für die evangelischen Kirchengemeinden in Niederstetten zuständig.

Pfarrer Roland Silzle betreut Niederstetten und Sichertshausen.

Pfarrerin Ina Makowe ist für Vorbachzimmern, Pfitzingen und Rüsselhausen zuständig.

Seit März 2016 betreut Pfarrer Dominik Frank Wildentierbach, Rinderfeld und Wermutshausen.

Bis Ende 2016 wurden die Pfarrstellen Oberstetten sowie Adolzhausen mit dem Bad Mergentheimer Ortsteil Herbsthausen von Pfarrer Achim Binder betreut.

Seine Stelle konnte trotz zweimaliger Ausschreibung nicht wieder besetzt werden.

Zurzeit versorgen Pfarrerin Makowe und Pfarrer Frank Adolzhausen und Oberstetten übergangsweise mit.

Sollte der neue Pfarrplan am Samstag beschlossen werden, würde ab 2024 Pfarrerin Makowe zusätzlich für Adolzhausen zuständig sein.

Oberstetten würde dann Wildentierbach zugeordnet. sem

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Adolzhausen/Vorbachzimmern. In einer Gemeindeversammlung für Adolzhausen, Vorbachzimmern, Pfitzingen, Rüsselhausen und Herbsthausen (gestern traf man sich in Wildentierbach), zu der auch Dekanin Renate Meixner kommt, will man am heutigen Mittwoch um 19.30 Uhr in der Festhalle Adolzhausen den Gemeindegliedern Gelegenheit geben, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen und über die anstehenden Veränderungen zu sprechen.

Pfarrerin Ina Makowe, zuständig für Vorbachzimmern, Pfitzingen und Rüsselhausen, weiß um die vielen Zwänge, die hinter den Sparplänen der Landeskirche stehen, erzählt sie im Redaktionsgespräch. Die Zahl der Gemeindeglieder sinkt stetig – im Bezirk Weikersheim um 200 pro Jahr – , ebenso die der Menschen, die den Beruf des Pfarrers ergreifen.

Land nicht so begehrt

Erschwerend kommt hinzu, dass Pfarrstellen auf dem Land nicht so begehrt sind wie die in der Stadt: Ihre Besetzung gestaltet sich immer schwieriger. So auch in Adolzhausen, das sich bis vor kurzem mit Herbsthausen und Oberstetten eine Pfarrstelle geteilt hatte. Zweimal wurde die seit dem Weggang von Pfarrer Achim Binder Ende 2016 verwaiste Stelle schon landesweit ausgeschrieben – ohne Erfolg. Jetzt wurde die Besetzung – so ist es üblich – erst einmal zurückgestellt.

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Dadurch wird es immer unwahrscheinlicher, dass Adolzhausen und Oberstetten überhaupt noch einmal einen eigenen Pfarrer bekommen.

Hintergrund ist hier der im sechsjährigen Turnus neu überarbeitete Pfarrplan, der am kommenden Samstag von der Bezirkssynode – eine Art Parlament der kirchlichen Selbstverwaltung, bestehend aus Geistlichen und Laien – endgültig beschlossen werden soll (wir berichteten). Es war Aufgabe der für den Kirchenbezirk zuständigen Synode, die im Frühjahr letzten Jahres von der Landeskirche gemachten Vorgaben umzusetzen: Diese will mehr als 13 Prozent der Pfarrstellen im Land bis 2024 streichen.

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Der Bezirk Weikersheim muss 2,5 Stellen einsparen, so dass nur noch 15,75 Stellen verbleiben. Ein Sonderausschuss arbeitete die Einzelheiten aus. Im Mai 2017 hatte dieser den Kirchengemeinden den Vorschlag vorgelegt, in den Distrikten Bad Mergentheim mit Igersheim, Niederstetten und Creglingen je eine Stelle einzusparen. In Niederstetten würde dies das Aus für die Pfarrstellen Oberstetten und Adolzhausen/Herbsthausen bedeuten. Adolzhausen würde dann ab 2024 der Pfarrstelle Vorbachzimmern zugeordnet, Oberstetten vom Pfarramt Wildentierbach mitversorgt.

Trauer und Wut zu spüren

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Die Kürzungen seien für die betroffenen Gemeinden „schmerzhaft“, wie Pfarrerin Makowe schildert. Bei den Gläubigen sei Unmut zu spüren, auch Trauer und Wut, die ausgesprochen werden müssten, denn, so Makowe: „Wo sollen die Leute damit hin?“. Die Gemeindeversammlung am heutigen Mittwoch soll informieren, aber vor allem auch den Gefühlen Raum geben. „Die Menschen brauchen ein Ventil, damit sie sich ernst genommen fühlen“. Das sei nötig, glaubt Makowe, damit etwas Neues entstehen kann, denn schließlich sind die Veränderungen in der Kirche gravierend.

„Der Umbruch, der jetzt kommt, ist nicht mehr auffangbar“, ist Makowe überzeugt. Etwas Neues müsse entstehen, das – auch wenn das für die Kirchengemeinden schwer sei – von der bisherigen „Pfarrenzentriertheit“ wegführe. Auch Dekanin Renate Meixner findet, dass der Trauerprozess über den Verlust vertrauter Strukturen wichtig ist und ernst genommen werden müsse. Die Kirche befinde sich zurzeit in einem „ziemlichen Umbruch“, der aber gleichzeitig auch als neue Herausforderung gesehen werden könne.

Für Bernd Köhn, Vorsitzender des Adolzhausener Kirchengemeinderats, weisen die Vorgaben der Landeskirche allerdings genau in die falsche Richtung. Wenn das Interesse an der Kirche zurückgehe, findet er, müsse diese doch erst recht Präsenz zeigen. Die Reduzierung der Pfarrerstellen würde den Auflösungsprozess sonst nur weiter beschleunigen. Da nütze es auch nichts, die Streichungen „schön zu reden“.

„Auf Dauer nicht zu leisten“

Seit dem Weggang von Pfarrer Binder Ende 2016 hätten die sechs Kirchengemeinderäte einen Teil von dessen Aufgaben ehrenamtlich übernommen. Neben der Organisation kirchlicher Veranstaltungen wie der Kinderkirche, Seniorennachmittagen und musikalischen Gottesdiensten sei das etwa auch die Instandhaltung der Gebäude. Das Arbeitsaufkommen – auch sein eigenes – habe dadurch stark zugenommen: „Man versucht zurzeit eben, die bezahlte Arbeit auf die Ehrenamtlichen umzulasten“, sagt Köhn. Doch das sei auf Dauer „nicht zu leisten“.

Da fühle er sich „vor den Kopf gestoßen“, wenn der Pfarrplan-Sonderausschuss statt der geforderten zweieinhalb Stellen sogar drei einsparen wolle und die halbe Stelle für einen „Touristenpfarrer“ (er hätte den Sonderauftrag „Öffentlichkeitsarbeit und Touristik“) eingeplant sei, der Gläubige betreue, „die nicht das ganze Jahr hier wohnen“.

Mit einer Unterschriftenliste will Adolzhausen seiner Forderung, die Pfarrstelle im Ort zu erhalten, weiter Nachdruck verleihen. „Wir haben ein gutes kirchliches Leben im Dorf und wir wollen dafür kämpfen, dass es erhalten bleibt“. Doch auch, wenn die Synode die Kürzung am Samstag so beschließt, sei das „kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken“. Die aktuelle Regelung, dass immer in zwei der momentan vier von Pfarrerin Makowe betreuten Gemeinden Gottesdienste abgehalten werden, findet er „in Ordnung“. Und prinzipiell wisse man, dass Zusammenarbeit wichtig sei. Schließlich, so Köhn, „darf man nicht alles nur negativ sehen“.

Redaktion