Geologisches Karstphänomen - Niederstetten hat mit seiner „Oarschkerwe“ einen riesigen Erdfall samt eigener Entstehungs-Geschichte Hinterteil-Abdruck eines müden Riesen

Frühlingserwachen – und die Wanderer zieht es in die Natur hinaus. Bei Niederstetten gibt es einen bemerkenswerten Erdfall, der sogar eine eigene, humorvolle Geschichte hat: die „Oarschkerwe“.

Von 
Michael Weber-Schwarz
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Im Foto lässt sich nur bedingt einfangen, wie tief sich die „Oarschkerwe“ oberhalb von Niederstetten in den Untergrund wölbt. © Michael Weber-Schwarz

Niederstetten. Erdfälle, von Geologen auch Dolinen genannt, sind eine häufige Erscheinung auf der Hohenloher Ebene. Ein erdgeschichtlich bedeutsames Gebiet mit über hundert Dolinen bilden die „Oberrimbacher Erdfälle“ – ein Naturschutzgebiet auf den Gemarkungen des Creglinger Stadtteils Oberrimbach, des Niederstettener Stadtteils Wildentierbach (z.B. nahe Höllhof) sowie bei Spielbach (Haller Landkreis). 1985 wurde das Schutzgebiet mit 71,2 Hektar Größe ausgewiesen.

So kommt man hinauf zur großen Doline

Zuweg zum Niederstettener Naturphänomen: Aus der Stadtmitte geht es nach Westen ins Frickental und die Weinsteige am Schöntaler Berg hinauf. Oben am Talrand hat man am Horizont das „Teufelshölzle“ fast schon im Blick, dann hart rechts hangparallel zurück bis zum Sendemasten. Dort links „hinter“, nach 350 Metern biegt wiederum links ein Feldweg ab. Den geht man weitere 300 Meter bis zu einem kleinen Rain-Wäldchen. Links davon: der Erdfall.

Wer aus dem Tal Richtung Pfitzingen aufsteigen will: Der spannendste, aber steilste Weg – er knickt gleich nach dem Bahnübergang links weg. Im Zick (ohne Zack) trifft man wiederum am oberen Talrand auf den Zuweg zum „Umsetzer“; dort dann entsprechend rechts nach Westen halten.

Letztlich könnte man auch mit dem Auto bis fast „vor die Tür“ fahren. Aber aus dem Tal hinauf zur „Riesenhöhe“ laufen, das ist nicht nur Sport, sondern einfach was für Herz. mrz

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In der westlichen Verlängerung, aber durch das Vorbachtal quasi abgeschnitten, befindet sich nahe des Niederstettener „Umsetzers“ eine weitere Doline von bemerkenswerter Größe. Die „Kuhle“ im Erdboden hat gut 60 Meter Durchmesser und eine beachtliche Tiefe.

Sie liegt etwas abseits

Früher war sie weitgehend grasbewachsen, mit Büschen und Sträuchern am „Kraterrand“. Heute ist sie an der Nordseite stark verbuscht. Dass die „Oarschkerwe“, wie der Erdfall im Volksmund genannt wird, derzeit nur das Ziel von ganz wenigen Spaziergängern ist, mag an ihrer Lage etwas abseits der geteerten Feldwege liegen. Man muss einige Meter über einen unbefestigten Weg gehen, um zu ihr zu gelangen.

Dabei ist der Erdfall im wahrsten Sinne des Wortes sagenhaft. Älter und bekannter ist zwar in Nieder-stetten die Sage vom steinernen „Steidemer Männle“ (nachdem sich auch der örtliche Heimatverein benennt) und die von der versteinerten Mühle (das „Tempele“ mit seinen phantasieanregenden Kalksinterauswüchsen). Doch dass ein Erdfall eine eigene, wenn auch kurze (und noch vergleichsweise neue) Sage, hat, dürfte eher selten sein.

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In der Regel werden natürliche Höhlungen oder Gesteinsbrüche mit Zwergen, Drachen und alten Weib- oder Männlein oder gar dem Leibhaftigen in Verbindung gebracht. Geheimnisvollen Erdbewohnern und Unterweltlern eben, die an solchen besonderen geologischen Stellen ans Tageslicht kommen und hin und wieder mit den Menschen Geschäfte machen, sie in ihren Bann ziehen oder auch für eine Zeit unter die Erde mitnehmen.

Hier wird größer gedacht

Im Hohenlohischen wird selbstbewusst größer gedacht und deutlich gewitzter – vielleicht steckt hinter der Geschichte aber auch ein gewisser schwäbischer Einfluss: Einst hat sich ein Riese, nach einer Wanderung über die Höhen oder vielleicht von einer schweren Arbeit, ausruhen müssen.

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Ist klar: Ein Blick von der westlichen Talseite hinunter ins amöne Vorbachtal, der begeistert noch heute. Vorne an der Kante kann man ins Städtle ebenso, wie Richtung Ober-stetten schauen und nach Vorbachzimmern. Ob’s diese Orte zu Zeiten der Riesen schon gegeben hat, sei einmal dahingestellt.

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Doch, soviel ist unzweifelhaft, der Riese hat auf der Hochfläche Platz genommen und wahrscheinlich sein mitgebrachtes Essen zu sich. Im einfachsten Fall war’s wahrscheinlich Hohenloher Zwiebelblootz und „Mouschd“ – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Als die Rast dann zu Ende war, blickte der große Gast beim Aufstehen unter sich: Sein Hinterteil hatte sich tief und bis heute sichtbar in den Erdboden gedrückt.

In Niederstetten redet man nicht lange um den heißen Brei herum, sondern benennt den Effekt präzise: Eine „Arschkerbe“ hat der Riese hinterlassen. Im Dialekt klingt’s etwas poetischer und auch irgendwie angemessen runder: „Oarschkerwe“.

Lenz Weber (7) aus Weikersheim bemerkt bei einer Wanderung dorthin am vergangenen Wochenende ein bisschen naseweis, aber im Sinne der Anatomie korrekt: „Wenn es wirklich eine Arschkerbe ist, müsste es in der Mitte aber noch eine längliche Erhöhung geben.“

Natürlich wird der geologische Vorgang dem Jungen väterlich-pädagogisch und griffig erklärt: Regenwasser dringt über die Jahrmillionen in den Muschelkalk-Untergrund und wäscht dort Höhlen aus.

Wenn deren unterirdische Decke irgendwann einbricht, dann entsteht ein weiter Trichter, etwa so, wie ihn die Ameisenlöwen immer und winzig im feinen Sand des elterlichen Hofs machen. Es bildet sich in der Senke neuer Erdboden. Und fertig ist die Doline.

Das stimmt zwar auch, aber die Geschichte vom Riesen ist bei aller Naturwissenschaft viel, viel besser ausschmückbar und schöner.

Redaktion Im Einsatz für die Lokalausgabe Bad Mergentheim