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Burg Brattenstein - Vor 50 Jahren starben bei einem Teileinsturz von Burg Brattenstein vier Näherinnen / Gedenkgottesdienst

Helfer brachten sich in Lebensgefahr

Von 
Markhard Brunecker
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Vier Näherinnen starben vor genau 50 Jahren am 5. November 1971 beim Einsturz der Burg Brattenstein in Röttingen. © Archiv Stadt Röttingen

Zum 50. Mal jährt sich an diesem Freitag der Teileinsturz der Burg Brattenstein mit vier Toten und elf Schwerverletzten.

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Röttingen. Sechs Minuten nach 13 Uhr ertönte am 5. November 1971 die Sirene am Rathaus, nachdem wenige Sekunden zuvor ein Notruf per Telefon im Büro der Firma Menth, beim damaligen Bürgermeister Otmar Menth, mit dem verzweifelten Ruf „Hilfe, Hilfe, die Burg ist eingefallen“ einging.

Eigentlich hätten die 42 Frauen und vier Männer der Kleiderfabrik aus Miltenberg schon Feierabend, doch sie wollten für das anstehende Weihnachtsfest vorarbeiten. Was aber war der Auslöser, dass es zu diesem tragischen Unglück kam? Zwischen der Burg Brattenstein und dem talwärts liegenden städtischen Kindergarten sollte an diesem Tag eine Creglinger Kettenradraupe einen verfüllten Hundezwinger entfernen, um eine Garage für Rotkreuz-Fahrzeuge zu schaffen. Einige Kubikmeter Erde und Steine waren schon abgetragen, da hielt die südliche Außenwand der Burg dem Druck und den Erschütterungen der Nähmaschinen und Bügelpressen im Obergeschoss nicht mehr stand und riss einen knapp zwölf Meter langen Teil des Ostflügels in die Tiefe.

Bild des Grauens

Darunter befanden sich auch Turnräume der nahe liegenden Schule und das Schützenheim mit Schießanlage der Röttinger Schützen SG Fortuna, die im Dachgeschoss ihre Heimat hatten und vor dem Nichts standen. Den Rettungskräften bot sich beim Eintreffen ein Bild des Grauens. Da über den zahlreich eingeklemmten Verletzten und Verschütteten eine große schwere Decke und Gebälk lag, musste zum Anheben ein geeigneter Kranwagen gefunden werden. Bei der Suche kam man auf einen am Giebelstadter Flugplatz stationierten Kranwagen des US-Militärs. Bei der vom Burghof aus teils um Millimeter vorgearbeiteten Bergung mit Gerätschaften wie Seilwinden aber teils auch von Hand, brachten sich die über einhundert Helfer und Soldaten teilweise selbst in Lebensgefahr. Die letzte und jüngste verstorbene Näherin (26) konnte erst nach 30 Stunden am Samstagabend tot aus dem Trümmerfeld geborgen werden.

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Mit zu den Überlebenden gehört auch die heute 69-jährige Marianne Franz, geborene Singer. In einem Hohlraum zwischen ihrer und einer weiteren Nähmaschine blieb die damals 19-Jährige mit dem Kopf nach unten stecken. „Das war meine Rettung“, sagt sie heute. Bei der Einlieferung in die Uni Würzburg stellte man fest, dass der Unterarm gelähmt ist, doch mit Elektroschocks konnte dies im Laufe von Monaten wieder behoben werden. Noch heute kommen bei ihr immer wieder Erinnerungen auf, die sie zu Tränen bringen.

Medien berichteten weltweit ausführlich über dieses Unglück. Schnell stellte sich die Schuldfrage, was auch über Jahre die Gerichte beschäftigte. Angeklagt vor dem Landgericht Würzburg waren 1973 der damalige ehrenamtliche Bürgermeister Otmar Menth und der Kreisbaumeister wegen fahrlässiger Tötung. Beide wurden zu Geldstrafen verurteilt, was jedoch vom Bundesgerichtshof wieder aufgehoben und am Ende vor der Großen Strafkammer des Landgerichts gegen Geldstrafen von 4 500 beziehungsweise 2700 Mark gar eingestellt wurde. Seine Begründung: Es handelt sich um eine geringe Schuld. Der Bürgermeister habe vor Baubeginn unterlassen, den Kreisbaumeister über aufgetretene Mängel zu berichten und dieser sah daher keine Veranlassung, einen Sachverständigen zur Statik heranzuziehen. Der Bürgermeister habe für den Neubau der Garage Geld sparen wollen.

Wie geht es weiter?

Nach dem schrecklichen Unglück stellte sich aber doch nach über zehn Jahren die Frage: Wie geht es weiter mit der Burg? Die vermutlich im 12. bis 13. Jahrhundert erbaute Burg wurde 1230 im Eigentum von Hohenlohe erstmals urkundlich erwähnt. Nach der Nutzung als Durchgangslager für Flüchtlinge produzierte die Miltenberger Kleiderfabrik Weber in der Burg Herren-Oberbekleidung. Viele Röttinger gaben ihre Meinung klar zum Ausdruck: „Reißt sie ab“. Doch davon wollte der Nachfolger von Otmar Menth, Günter Rudolf, nichts wissen.

Auf eine Offerte des damaligen Prinzipals des Torturmtheaters Sommerhausen, Veit Relin, bot ihm das Röttinger Stadtoberhaupt das Burgareal als mögliche Spielstätte für sein Freilichttheater an. Nach intensiven Verhandlungen fand 1984 die Premiere der „Festspiele an der romantischen Straße“ im Hof der Burg Brattenstein statt. Nach der großartigen Resonanz wurde die Spielstätte immer weiter ausgebaut. Jahrelang klaffte die nur mit einer behelfsmäßigen Holzkonstruktion geschlossene Lücke wie eine offene Wunde in der Burgmauer. 2017/2018 wurde sie nach einem Entwurf von Schlicht Lamprecht Architekten (Schweinfurt) geschlossen. Bereits zu Beginn der Festspielsaison im Juni 2018 wurde der mit 2,4 Millionen Euro Gesamtkosten neu erbaute Ostflügel eingeweiht. Die Sanierung stellt den ursprünglich geschlossenen Charakter der Burganlage wieder her, zugleich bleibt mit den unverändert belassenen Abbruchkanten auch die Erinnerung an den Einsturz präsent.

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Statt den fehlenden Ostflügel lediglich zu ergänzen, schufen die Architekten eine völlig neue städtebauliche Situation: Sie setzten die wiederaufgebaute Stützwand vom Straßenbereich/Kindergarten zurück und nutzten den so entstandenen Zwischenraum für eine breite Freitreppe. Aus den staatlichen Fördertöpfen wurden rund 1,2 Millionen Euro übernommen. Für den Wiederaufbau wurden die Architekten wegen des Ergänzens der historischen Bausubstanz und moderner Architektur mit dem renommierten BDA-Preis Bayern ausgezeichnet. „Es wird Zeit, dass wir einen Erinnerungsort bekommen“, war die Meinung der 15 Überlebenden des Unglücks am 6. Juni 2018, als nach 47 Jahren der überfällige Gedenkstein enthüllt wurde.

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