Geplanter Fliegerhorst Sigisweiler - Warum der Weltkriegs-Militärflugplatz nicht in Niederstetten gebaut wurde, ist bis heute unklar Ganzes Dorf sollte umgesiedelt werden

Das Dorf Sigisweiler gehört zur Stadt Schrozberg und liegt auf halbem Weg nach Blaufelden. Dort war ein Fliegerhorst mit großer Landebahn geplant, der bis Kriegsende aber nicht fertiggestellt wurde.

Von 
Thomas Baumann
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Strahlflugzeug vom Typ Messerschmitt Me-262 (Nachbau): Auch solche Düsenjäger sollten bei Schrozberg stationiert werden. © dpa

Schrozberg. Anfang des 20. Jahrhunderts, als es Fotografien nur in schwarz-weiß gab, obwohl die Welt auch bunt war, lebten im Ortsteil Sigisweiler um die 15 Bauernfamilien. Eine Gastwirtschaft bildete den Ortsmittelpunkt. Was sich Ende desZweiten Weltkriegs dort zugetragen hat, hört sich heute ziemlich spannend an: Die Umsiedlung von Sigisweiler stand offenbar im Raum. Doch dazu später.

Arbeiten am „Totenweg“

Bautrupp für das NS-Regime

Die Organisation Todt (OT) war ab 1938 bis zum Kriegsende für Baumaßnahmen der Nationalsozialisten verantwortlich. Neben dem sogenannten Westwall baute sie U-Boot-Stützpunkte und Luftschutzbunker. Benannt wurde sie nach Fritz Todt, der die Organisation leitete.

Auf der Anhöhe zwischen Schrozberg und Sigisweiler (Gemarkungsnamen Galgen, Heide und Ölmez) verläuft auch die Wasserscheide Jagst/Tauber. Das Wasser auf der nördlichen Schrozberger Seite fließt in den Vorbach und bei Weikersheim in die Tauber. Südlich sammelt sich das Wasser im sogenannten Eselsbach und im Strutbach, die ab Blaufelden den Blaubach bilden, der bei Kleinbrettheim in die Brettach mündet, die schließlich vor Elpershofen in die Jagst fließt. tb

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Landwirt Walter Markert wurde zwar erst fünf Jahre nach Kriegsende geboren, er weiß jedoch aus Überlieferungen von seinem Vater und von Nachbarn, dass auf der ebenen Anhöhe zwischen Schrozberg, Niederweiler, Sigisweiler und Oberloh Anfang 1945 damit begonnen wurde, eine militärische Start- und Landebahn zu bauen. Spricht man mit ihm und anderen älteren Einwohnern über diesen geplanten Flugplatz, kommt das Gespräch schnell auf den sogenannten „Doadawech“ (Totenweg). Der führte seit langer Zeit von Kälberbach kommend in östlicher Richtung nördlich an Sigisweiler vorbei nach Schmalfelden.

Die Toten der beiden Orte wurden nämlich bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts nicht in Schrozberg, sondern in Schmalfelden beerdigt, und die Särge und Trauernden kamen auf diesem Weg zum dortigen Friedhof. Auch für den sonntäglichen Gang zur Kirche nahmen die Gläubigen diesen Weg.

Diese Ortschaften waren allesamt schon evangelisch, während die Schrozberger noch katholisch waren. Und dort, wo der überlieferte Totenweg verläuft, wurde damals tatsächlich damit begonnen, eine Start- und Landebahn zu bauen.

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Der Schrozberger Günther Scheuermann, Jahrgang 1929, kann davon heute als Augenzeuge berichten. „Vom Nonnenwald her hatten die Arbeiter in Handarbeit bereits damit begonnen, zu rollieren, also den Unterbau für die Landebahn für Düsenjäger herzustellen. Die Flugzeuge hätten am Waldrand untergebracht werden sollen“, weiß Scheuermann. Er hat auch die Gleise gesehen, die auf der Straße Richtung Niederweiler verlegt waren. Sie dienten dem Materialtransport.

Kinder spielen mit Loren

„Das Baumaterial kam wahrscheinlich aus kleinen Steinbrüchen aus der Gegend kurz vor Blaufelden“, mutmaßt Walter Markert. Dass es Loren ähnliche Transportwagen gegeben hatte, weiß er ganz bestimmt, denn die Jugendlichen aus Sigisweiler hatten nach dem Krieg mit diesen gespielt. „Die haben sich reingesetzt und sind die Senken auf den Gleisen runtergefahren“, schmunzelt Markert. Weiteres Material ist am Bahnhof in Schrozberg angeliefert und dann auf die Anhöhe transportiert worden, sagt Walter Göller. Der 1933-Geborene, wohnte damals schon in der Nähe des Bahnhofs und kann sich noch gut an die Güterzüge erinnern.

Mehrere Lager errichtet

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Alle Gesprächspartner erklären unabhängig voneinander, dass die Arbeiter der „Organisation Todt“ angehörten. Günther Scheuermann erinnert sich, dass auch Kriegsgefangene, darunter Italiener, eingesetzt waren. „Auf den Holzstielen der Werkzeuge waren die Buchstaben OT eingebrannt“, weiß Walter Markert. So mancher markierte Spaten, Pickel und Steinschlegel der Organisation fand sich nach dem Krieg unter den Werkzeugen der Sigisweiler Familien wieder. Das Materiallager in einer Baracke habe sich während der Bauphase in Sigisweiler am Ortsausgang Richtung Niederweiler befunden. Dort habe es auch eine Kochstelle gegeben. Von diversen Lagern in Schrozberg berichtet Günther Scheuermann.

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Mit einer weiteren überraschenden und fast unglaublichen Information wartet Walter Markert außerdem auf: Um für den Flugplatz genügend Platz zu haben, habe es bereits Pläne gegeben, Sigisweiler umzusiedeln. Walter Markert: „Das hat mir und meinem älteren Bruder unser Vater erzählt und auch mein Nachbar Waldemar Kraft hatte dies von seinem Vater erfahren.“ Markerts Vater, der nach einer Kriegsverwundung Anfang 1945 aus dem Krankenhaus entlassen wurde, wäre beauftragt gewesen, diese Umsiedlung zu organisieren. Bei einem möglichen Umsiedlungsziel gehen die Informationen jedoch ziemlich auseinander: Gunzenhausen an der Altmühl und die Oberpfalz stehen im Raum. Ob dies tatsächlich alles so geplant war und so gekommen wäre, darüber kann heute nur spekuliert werden. Interessant ist es allemal.

Gleise wurden Hühnerstall

Überliefert ist jedoch, dass ein Landwirt mit den zurückgelassenen Gleisen und Weichen nach dem Krieg in der Ortsmitte einen Hühnerstall zusammengebaut hat. Und, dass ein Arbeiter, der aus Mannheim stammte, von einer Bauersfamilie in Sigisweiler verköstigt wurde und von dort hin und wieder auch einen Schnaps bekam. Zwischen ihm und der Familie gab es auch nach Kriegsende noch Kontakte.

„Zum Schluss kam eine feindliche Fliegerstaffel und hat das Gelände zerbombt“, schließt Walter Göller das Kapitel Flugplatzbau ab. Warum der Flugplatz damals nicht schon in Niederstetten gebaut wurde, wo bereits ein Behelfslandeplatz mit einer Graslandebahn bestanden hatte, erklärt Göller damit, dass es dort wohl oft zu neblig gewesen sei. Was jedoch die genauen Gründe waren, bleibt heute förmlich im dichten Nebel der Geschichte verborgen.

Was beim Blick auf die Landkarte allerdings für einen Flugplatz bei Sigisweiler sprechen könnte, ist eine mögliche Anbindung an die Bahnstrecke Blaufelden-Schrozberg, die westlich des mutmaßlichen Flugplatzgeländes vorbeiführt. Von dort bis zum Rand des östlich gelegenen Mittelholzes und des Nonnenwalds beträgt der Abstand immerhin etwas über zwei Kilometer.