Rothenburg zeitweise Eldorado für Skispringer - Walter Lassauer schaffte 1988 mit dem Ski-Club die unglaubliche Wiederbelebung der Taubertalschanze Die Adler flogen nur bis zum Jahr 1997

Von 
Dieter Balb
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„Da hat man eine großartige Chance vertan, die nie mehr wiederkommt”, trauert der frühere ASV-Skiclub-Vorsitzende Walter Lassauer den Rothenburger Glanzzeiten im Skispringen nach.

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Rothenburg. Eigentlich wurde die Sprungschanze auf der Engelsburg schon vor 50 Jahren stillgelegt, aber Lassauer wagte 1988 einen erfolgreichen Neubeginn, ehe das grandiose Springen 1997 vor rund 3000 Zuschauern den Schlusspunkt setzte. Der Schanzenrekord seit Bestehen liegt bei 37 Metern.

Beim letzten großen Skisprungturnier am 13. Januar 1997 auf der Taubertalschanze. © Dieter Balb

Bei nostalgischen Erinnerungen alleine hätte es nicht bleiben müssen, meint der 77-jährige Rothenburger. Er bedauert, dass der Verein das großzügige Angebot der Skisportfreunde aus dem sächsischen Klingenthal damals ausgeschlagen hat. Man hätte eine komplette Matten-Anlage für Sommerspringen geschenkt bekommen und wäre damit sogar witterungsunabhängig gewesen. Meistens fehlte es einfach am Schnee.

Rothenburg (das ohne Versiegen der Wildbadquelle heute vielleicht Bade- und Kurort wäre), hatte es immerhin geschafft sich nach dem Krieg als bescheidener Skisprungort regional einen Namen zu machen. Die Amerikaner hatten mitgeholfen am beliebten Aussichtspunkt Engelsburg 1953 eine Holzkonstruktion als Sprungschanze zu errichten. Das Bauwerk wurde in den sechziger Jahren durch einen Erdhügel ersetzt, der bis heute die einstige Naturschanze markiert. Doch von dem herrlichen Blick, den die Springer vor der Abfahrt auf die gegenüberliegende Talseite mit Burggarten und Altstadt-Silhouette hatten, ist heute vom Erdhügel aus kaum noch was zu sehen, weil auf der Piste Bäume und Büsche wachsen.

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Walter Lassauer hatte mit einer damals 180 Mitglieder zählenden ASV-Skiabteilung und einem einsatzfreudigen, visionären Arbeitsteam von 60 Helfern etwas geschafft, was zunächst kaum jemand für möglich hielt. Ihm sind die guten Kontakte zur Springerhochburg in Klingenthal in der ehemaligen DDR zu verdanken, durch die man namhafte Sportler nach Rothenburg holte. Es entwickelte sich gar eine Freundschaft unter den Sportlern.

In Kooperation mit dem Schillingsfürster Skiclub, der Skilanglauf auf der Frankenhöhe anbot, war auch die Nordische Kombination für Lassauer denkbar. Zum Ausbauvorhaben 1988 bedurfte es nicht nur einer ehrenamtlichen tatkräftigen Mannschaft, sondern es galt auch 50 000 Mark aufzutreiben, was tatsächlich gelang. Sogar den internationalen Standard des Skiverbands FIS erfüllte die Anlage.

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Am 25. Februar 1991 hatte man trotz des Schneemangels das große Eröffnungsspringen hinbekommen und nach 21-jähriger Pause machte die Taubertalschanze wieder von sich reden. Nach Erdarbeiten, dem Erneuern des Richterturms und dem Bereiten der Schneepiste begeisterten sich 2500 Zuschauer für das Sportereignis mit 27 Nachwuchsspringern aus der früheren DDR. Die Nachwende-Kontakte nach Klingenthal und Oberwiesenthal zahlten sich aus. Talente zwischen 11 und 16 Jahren gingen an den Start. Überhaupt setzte der Skiclub vorrangig auf die Nachwuchsförderung.

Tolle Piste gezaubert

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Die ehemaligen Weltmeister Klaus Oswald und Mathias Buse sowie Ex-Vize-Weltmeister Dietrich Kampf betreuten die Springer vor Ort und staunten, was die Rothenburger trotz frühlingshaften Wetters für eine tolle Piste hingezaubert hatten. „Höchste Anerkennung” zollten die Profis dem ASV-Skiclubteam.

Dann dauerte es noch einmal sechs Jahre, ehe es die Schneelage erlaubte, die Anlage zu nutzen. Am 12. Januar 1997 hieß es mit dem Neujahrsspringen ein letztes Mal „Schanze frei!“ Walter Lassauer: „Dank der hervorragenden Verbindungen zu den Springerzentren in Sachsen und Thüringen sowie zu den Leistungszentren auf der Schwäbischen Alb traten 34 Springer (darunter mit Carolin Roßmeisel vom SV Klingenthal erstmals ein Mädchen) zum Wettkampf um den Großen Meistertrunkhumpen an. Zehn Vereine aus vier Bundesländern hatten Teilnehmer geschickt, ein Novum für eine Veranstaltung abseits der großen Zentren im nordischen Skisport“.

Der Pokal ging wie schon 1991 ins Bundesleistungszentrum Oberwiesenthal. Mit Nico Ullmann, Andreas Reinold und Bastian Dreyer starteten auch drei junge Rothenburger. Rund 3000 Zuschauer goutierten das letzte Skispringen am Taubertalhang.

Als Lassauer den Skiclub 1998 verließ, da übergab er eine noch intakte Abteilung, obendrein mit einem soliden Kassenbestand. Im Jahr 2000 ging die Abteilung im neuen TSV Rothenburg auf und spielte nie mehr die große Rolle, Skisport in Rothenburg ist Geschichte. Geblieben sind gute Kontakte nach Sachsen und Thüringen, der ehemalige Sport-Gymnasiumsleiter von Klingenthal, Gerhard Nöbel, besucht regelmäßig Rothenburg und erinnert sich wie viele andere gerne an die Rothenburger Skispringen.

Im deutschlandweiten Skisprungschanzen-Archiv des Internets ist die Taubertalschanze sogar unter über 500 Schanzen noch dokumentarisch mit ihren Daten aufgelistet.

Verrückte Idee einfach umgesetzt

Das Rothenburger Schanzenschicksal teilen etliche andere Orte. In Bad Steben zum Beispiel gab es eine ähnliche Schanze mit einem 1952 gebauten Holzturm. Dort versuchte man es ab 1994 allerdings mit Kunststoffmatten, aber das Interesse ließ bald nach und der Verein löste sich auf.

Mehr Glück mit ihrer Entwicklung haben bis heute dagegen die „Namensvettern“ vom Saaletal. Denn im 800 Einwohner zählenden Teilort Rothenburg der Stadt Wettin-Löbejün (9800 Einwohner) im Saale-Kreis freut sich der „SFV Rothenburg an der Saale“ bis heute über eine gut funktionierende Schanzenanlage mit Kunststoffmatten, vergangenes Jahr hielt man ein Sommerskispringen ab.

Ähnliches, das ist Walter Lassauer klar, wäre heute am Tauberhang nicht noch einmal zu stemmen, weil es abgesehen von den Witterungsproblemen vor allem an den engagierten Leuten fehlt. Dass seine damals schon „verrückte Idee“ so erfolgreich war, fasziniert ihn und die Beteiligten noch heute.

Angesichts der seltenen winterlichen Witterung kommen freilich wieder Gelüste auf, wenn man auf die Engelsburg wandert und dort vom Sprunghügel den tief verschneiten Talhang hinabblickt. Doch es wird wohl bei schönen Erinnerungen an Rothenburgs große Sprungschanzen- und Skisport-Glanzzeiten bleiben.

Autor Redakteur, Wort- und Bildjournalist, Video