Sagenhafte Steigerung

Von unserem Redaktionsmitglied

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Ich kenne Linda, Michaela und Jasmin nicht. Aber ich weiß: Sie meinen es gut mit mir. Wie anders ist es zu erklären, dass alle drei mir ein unwiderstehliches Angebot machen: einen Kredit bis zu 100 000 Euro mit direkter Zusage. Und sie sind nicht die einzigen, die in dieser Woche mein persönliches Wohl im Auge hatten. Ein Rigobert Mugabe (Name geändert) aus einem afrikanischen Land hat mir sogar Geld dafür geboten, dass ich sein Geld ins Land transferiere.

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Ich fürchte, vielen von Ihnen geht es ähnlich, sofern Sie in der digitalen Welt herumsurfen. Die Zahl der Spam-und Werbe-Mails steigt ins Uferlose. Und die Methoden dieser Gauner werden immer raffinierter. Da kommt etwa die Rechnung von "T-Online" per Mail ins Haus, und man erkennt nur an Kleinigkeiten, dass es sich hier um eine Fake-Mail handelt - bloß nicht irgendwelche Anhänge öffnen, um sich keinen Virus einzufangen oder den PC für Hacker zu öffnen.

Seit einiger Zeit mache ich meine Steuererklärung mit "Elster" - so putzig heißt das Programm des Finanzamtes, mit dem man seine Daten bequem per Internet übermittelt. Elster ist die Abkürzung für Elektronische Steuererklärung und hat NATÜRLICH nichts mit "diebisch" zu tun - obwohl mir diese Assoziation gleich in den Sinn gekommen war, als ich zum ersten Mal von "Elster" las. Aber das nur am Rande. Denn das eigentliche Thema ist eine e-mail, die ich vom Elster-Portal erhielt und in der mir angekündigt wurde, mein Zertifikat laufe demnächst ab. Ich solle doch dies und dies und jenes tun. Die Mail sah täuschend echt aus, und trotzdem wurde ich stutzig, denn der Ablauf-Termin passte nicht mit dem überein, der sich in meinem Kleinhirn eingebrannt hatte und den ich sogleich auf der Elster-Homepage nachprüfte. Und siehe da, die Daten lagen zirka zwei Jahre auseinander. Ich habe die vermeintliche Elster-Mail sofort gelöscht. Inzwischen habe ich zwei weitere Male eine fast gleich lautende Mail bekommen und auch diese unverzüglich gelöscht. Was mich dabei am meisten beschäftigt: Wie können irgendwelche Gauner an die Info kommen, dass ich meine Steuererklärung online abgebe? Was wissen die noch über mich? Wo ist da eventuell ein nicht entdecktes Datenleck? Fragen, die leichtes Unwohlsein verursachen. Zum Glück ist mir aber bislang kein Schaden entstanden, und so sind diese Mails im Grunde vor allem eins: sehr ärgerlich.

Und doch kam diese Woche mein Weltbild ins Wanken. Da schneite eine e-mail herein mit dem Absender "Landfrauen@t-online". Oh, dachte ich erfreut, das ist die erste Mail, die ich als Fördermitglied des Landfrauenvereins meines Heimatortes erhalte. Ach so, bevor sich jemand wundert, weshalb ich Mitglied bei den Landfrauen bin: Ich finde ihre Arbeit unterstützenswert, denn sie sind immer zur Stelle, wenn man sie braucht, sie sind einfach ein unverzichtbarer Teil der ländlichen Gesellschaft.

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Zurück aber zu besagter e-mail. Ich zitiere: "Sie sind Fördermitglied bei uns, den Landfrauen in Finsterlohr. Allerdings werden bei uns in diesen Zeiten die Gelder knapp, so dass wir nicht herumkommen, die Beträge deutlich anzuheben." Hm, denke ich, damit liegen die Landfrauen vermutlich im Trend. Schließlich wird alles teurer. Ich lese weiter: "Wir fordern Sie daher auf, Ihren jährlichen Beitrag auf mindestens 250 Euro anzuheben". Patsch, das sitzt! Das wäre eine Steigerung um sagenhafte 833 Prozent. Aber es kommt noch besser: "Für Sie, der Sie sehr gut betucht sind, kein Problem, und uns würde es weiterhelfen. Wir rechnen fest mit Ihrer Zusage".

Ein Anruf bei meiner ebenfalls entsetzten Vorsitzenden ("Eine Grotten-Unverschämtheit") entlarvte das Ganze schnell als Fake. Durchatmen. Aber wie kommt der unbekannte Absender an die Info, ich sei "betucht"? Denn das stimmt - vor allem im Winter, wenn ich mich mit dicken Halstüchern gegen die Kälte wappne . . .

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Wo ist das Datenleck? Wir werden es vermutlich nie erfahren. Oh, gerade kommt eine e-mail herein. Sekunde bitte . . . wow, da meint es schon wieder jemand gut mit mir. Mein Chef kündigt an, ich müsse nur noch die Hälfte der Zeit arbeiten und bekomme dafür doppeltes Gehalt. Oh, die Mail kam gar nicht von meinem Chef . . . wäre aber auch zu schön gewesen.